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Bildhauerei
Marguerite Blume-Cárdenas erhält den Kunstpreis für Plastik

Louisa Theresa Braun / 02.08.2020, 03:15 Uhr - Aktualisiert 02.08.2020, 18:24
Berlin (MOZ) Unter Schlegel und Eisen der Bildhauerin Marguerite Blume-Cárdenas scheint harter Stein lebendig zu werden. Zu mythischen Figuren oder Charakteren, die die Zeitgeschichte widerspiegeln. Oft wirken sie leidend, denn "die Welt ist nicht nur schön", wie Blume-Cárdenas sagt.

Die Geschichten ihrer Skulpturen beginnen in einem Sandsteinbruch in Rheinhardtsdorf in der sächsischen Schweiz, den die 78-jährige Künstlerin mit dem langen, grauen geflochtenen Zopf seit 1974 regelmäßig für einige Wochen im Sommer mit anderen Berliner Bildhauerinnen und Bildhauern besucht, um neuen Felsbrocken gemeinsam Leben einzuhauchen. Oft werde der Charakter der Figur durch die Form des Sandsteines vorbestimmt, da auch Bruch- und Fundstücke verwendet werden. Den Eigenwillen oder die Natur des Steines gelte es zu akzeptieren.

Fortgeführt und vollendet werden Blume-Cárdenas‘ Skulpturen in ihrem Atelier in Berlin-Weißensee. Die Reise dorthin mit bereits angefangenen Figuren habe ökonomische Gründe: Völlig unbehauene Sandsteinblöcke wären viel zu schwer, um sie mit dem Auto transportieren zu können. Ein Grund, aus dem ihre Plastiken meist unterlebensgroß und auf Torsi reduziert sind. "Wenn ich aus einem Stein dieser Größe eine Figur mit Kopf mache, wäre das Juwelierarbeit."

Kein unnötiges Pathos

Der Torso steht, wie die Meißener Künstlerin Heidrun Hegewald in einem Katalog über Blume-Cárdenas schreibt, für Ursprünglichkeit. "Alles andere wäre unnötiges Pathos." So zeichnen sich ihre Skulpturen durch raue Oberflächen aus; bearbeitete gehen in naturbelassene Teile über. Aber auch die ein oder andere glatt polierte Marmorfigur sowie Portraits finden sich in ihrem Atelier.

Die Arbeit selbst betrachtet die sowohl zierlich als auch robust wirkende Bildhauerin als ein Spiel, wenn sie den 750 Gramm schweren Klöppel mit Wucht und Präzision auf das an eine Skulptur angelegte Spitz- oder Flacheisen herunterfallen lässt. Oftmals wisse sie erst im Laufe des Schaffensprozesses, welche Figur an dessen Ende stehen werde. "Manchmal fängt man einen Stein an und umschlägt ihn und sieht, es entsteht was Gebeugtes, was Gestrecktes, was völlig Freies oder was Stilles", sagt sie. Zur Kunst der Bildhauerei gehört auch, dass ein Schlag nicht wie bei einem Bild wieder ausradiert oder übermalt werden könne. "Ich freue mich, wenn mal mehr vom Stein wegfliegt, als ich es geplant habe – dann fängt das Spiel an."

Vorbilder und Inspiration ihrer Arbeit sind die antike Skulptur, aber auch Michelangelo, Rodin und Lehmbruck. Die Titel ihrer Figuren beziehen sich oft auf Gestalten der christlichen Ikonographie oder der griechischen Mythologie, wie zum Beispiel Marsyas, eine griechische Sagengestalt, die einen musikalischen Wettkampf gegen den Gott Apollon verliert, und dafür von diesem die Haut abgezogen bekommt. "Eine ganz böse, hässliche Art, eine Nicht-Achtung von Kunst", sagt sie. "Für mich war das ein Symbol meiner Zeit, wie mit der Kunst aus der DDR umgegangen wird, mit Nicht-Achtung."

Schwere Zeiten nach der Wende

Seit der Wende sei es für Künstlerinnen und Künstler viel schwieriger, von ihrer Arbeit zu leben. "Ich habe den schönsten Beruf, den man sich wünschen kann, weil ich völlige Freiheit habe", sagt Blume-Cárdenas nicht ohne Stolz. "Aber die habe ich nur, weil ich schon so alt bin." So habe sie in der DDR an der Arbeiter- und Bauernfakultät für bildende Kunst in Dresden studieren können. Anschließend machte sie eine Steinmetzlehre in Berlin und studierte an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Seit 1969 arbeitet sie freiberuflich als Bildhauerin; ein Jahr später wurde sie in den Verband bildender Künstler der DDR aufgenommen. Seit 2013 ist sie Mitglied in der Brandenburger Regionalgruppe des Künstlerinnenvereins GEDOK.

In ihrer künstlerischen Tätigkeit verbindet Blume-Cárdenas alte mit jüngerer Geschichte, verarbeitet eigene Erfahrungen. Der Zyklus "Requiem" umfasst zum Beispiel die Themen Kind, Soldat, Obdachloser und Tod und entstand nach dem Tod ihrer "wunderbaren Mutter", die sie dazu animiert habe, Künstlerin zu werden. "Meine Mutter hat gesehen, dass ich aus ihrer Sicht Talent habe", sagt sie rückblickend.

2020 wird Blume-Cárdenas‘ Skulptur "Vor dem Schatten" mit dem Brandenburgischen Kunstpreis für Plastik ausgezeichnet. Der Einfall von Licht und Schatten spiele in der Bildhauerei eine große Rolle. Die "Schatten-Seite" habe durch die Corona-Krise neue Aktualität erfahren.

Den menschlichen Körper, seine Konturen und Bewegungen, stellt Blume-Cárdenas nicht nur im dreidimensionalen Stein dar, sondern auch auf Papier, in Form von schlichten Zeichnungen und Malereien aus pulverisiertem Sandstein – ihrem wichtigsten Medium.

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