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Kunstpreis
Im Geiste Adolf Menzels - Ehrenpreis für Manfred Butzmann

Eugen Blume / 02.08.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 02.08.2020, 18:20
Berlin (MOZ) Wann immer man Werke von Manfred Butzmann sieht, kommt einem das heute unter Verdacht gestellte Wort Heimat in den Sinn, dessen Anwalt er par excellence bis zum heutigen Tage geblieben ist.

Von seinen Aquarellen, Zeichnungen, den frühen an Magnus Zeller angelehnten Ölbildern, Skizzenbüchern, Druckgraphiken, Abreibungen und Plakaten wird man in eine Stimmung versetzt, die nichts mit dem Ortlosen, sondern mit Ankunft zu tun hat.

Gewöhnlich vermeidet man heute mit dem Wort Verortung den Begriff Heimat; ganz anders bei Butzmann, er weiß, wo er herkommt. Er benennt ohne jede Furcht die Vorzüge, seine Geschichte und Heimat zu kennen. Und er lebt nicht in einer sentimentalen Heimatvorstellung, sondern in dem utopischen Begriff, wie ihn Ernst Bloch definiert hat, als einen Ort, in dem noch niemand war, der aus der Kindheit heraufdämmert als eine Ahnung, wie es sein könnte, wenn wir uns nicht verorten, sondern beheimaten würden. Der Geschichtssinn oder Geschichtensinn reicht bei Manfred Butzmann in jedes seiner Werke hinein und findet zu einer Form, die einige für antiquiert halten mögen. Es gibt nur noch wenige dieser "Altertumsforscher" unter den Künstlern, Bewahrer von jenen Dingen, die unsere geschichtslose Gegenwart an ihre Vergangenheit erinnern.

Manfred Butzmann ist vor allem – auch wenn es von seiner Geburt her nur beinahe stimmt – Berliner. Er ist auf eine besondere, heute fast nicht mehr denkbare Weise ein Berliner Künstler. Er gehört als ein kenntnisreicher Chronist in diese Stadt, die er in Bildern dokumentiert, die seit ihrer wundersamen Wiedergeburt nach 1990 vor allem in den Augen der Berliner Neusiedler erst seit 1990 zu bestehen scheint. Butzmann ist eine Art Stadtzeichner, der an die Tradition der realistischen Bilderchroniken eines Adolph Menzel, Max Liebermann oder Heinrich Zille erinnert und sie mit seinen Mitteln fortsetzt.

Vor inzwischen bereits langer Zeit war dieses Berlin von einer martialischen Mauer durchzogen... Wer erinnert sich beim Latte Macchiato am Kollwitzplatz noch an die preußischen Könige, den Kaiser, diesen seltsamen Wilhelm II., an den Generalfeldmarschall Hindenburg, der Hitler zum Reichskanzler ernannte, an den im Geiste armen Dachdecker Honnecker, der einen Staatsratsvorsitzenden von Moskaus Gnaden spielen musste, oder an die Namensgeberin dieses sorglosen Ambientes?

Immer mit dem Fahrrad unterwegs

Schon die gröbsten Geschichten sind vergessen, wie viel Überlebenschancen haben erst die kleinen, zum Beispiel die Geschichte der Parkstraße in Pankow? Manfred Butzmann hat in seiner "Heimatkunde" – die Straße war viele Jahre sein Wohnort – alles erforscht, was noch zu finden war. Warum eigentlich? Was geht uns die unbedeutende Geschichte einer Straße an? Ist Butzmann nicht ein kleinbürgerlicher – ein Lieblingswort der DDR-Ideologen – Lokalhistoriker, der jedem mit seinen unendlichen Anekdoten und Episoden auf die Nerven geht? Möglicherweise ist er überhaupt kein Künstler.

Er, der mit dem Fahrrad unterwegs ist und jede Ecke nicht nur kennt, sondern auch gezeichnet hat, könnte der postgeschichtlichen Gesellschaft am Kollwitz­Platz vieles über Käthe Kollwitz und Berlin erzählen, wenn sie es hören wollte. Butzmann hat das alte Berlin aus den Ruinen herausgezeichnet und aquarelliert. Was den Bildchronisten vor dem Krieg noch unversehrt vor Augen stand, musste Manfred Butzmann aus einem unendlichen Puzzle, aus den vielen zersprengten Teilen dieses gestorbenen Riesen zusammensetzen. Dort ein Kapitell, ein Säulenstück, eine durchschossene Figur, eine Restmauer, eine Ruine, Gasometer vor der Sprengung, eine historistische Villa im italienischen Stil, Erinnerungsstücke und verlorene Kämpfe.

Berlin ist vor allem eine Nekropole. Unter ihrem sozialistischen und westbürgerlich kapitalistischen Wiederaufbau während der Teilung liegt ein Leichnam, dessen Auferstehung nicht zu hoffen noch zu fürchten ist. Im rücksichtslosen Profitstreben des dritten Aufbaus nach 1990 ist die Fälschung inbegriffen. Asbest als Vorwand für den sinnlosesten Abriss in der deutschen Geschichte, die Niederlegung des Palastes der Republik.

Der Historiker Butzmann, der die Geschichte der Hohenzollern vom Schlossplatz bis zum Neuen Palais in Potsdam mit dem Fahrrad noch immer abfährt, hätte den Palast nicht für ein falsches Schloss hergegeben. Als kritischer Gegner des SED-Staates wäre es ihm nie in den Sinn gekommen, "Erichs Lampenladen" abzureißen, gerade weil Ulbricht das Schloss aus ideologischen Gründen sprengen ließ. Diese Lehre der Geschichte ist ihm zu bewusst, als dass ihm Disneyland sympathisch geworden wäre. Man kann sich jedenfalls kein Aquarell vom neuen Schloss von seiner Hand vorstellen.

Die Kommandantur von Bertelsmann wieder an die alte Stelle gesetzt, ist in ihrer verwitterungsresistenten Künstlichkeit beispielhaft unwahr. Manfred Butzmann sucht in seinen Aquarellen die Wahrheit. Dieses hohe Wort kommt nicht von ungefähr von wahren, bewahren, hat also etwas mit dem Schutz des sich als wahr Erwiesenen zu tun. Dieser Drang ist in ihm gleichsam genetisch eingelagert. Butzmann ist eine wahrende und bewahrende Gestalt. Seine Aquarelle sind Bewahrungszeugnisse bis hin zu Natureindrücken, Seen- oder Parklandschaften und natürlich von Physiognomien, Personen, die im Gedächtnis bleiben sollen.

In dieser Hinsicht ist der Realist Manfred Butzmann im Wortsinne wesentlich. Sein Wirklichkeitssinn, sein Sinn für die Wirklichkeit, für das wirklich (wahr) Gebliebene ist hoch entwickelt. Er will Kenntnis von dem vermitteln, was in den sichtbaren Dingen gespeicherte Wahrheit ist. Seine Abreibungen sind Botschaften, Übersetzungen, die auf andere einwirken sollen. Sie legen wie seine Aquarelle Zeugnis ab von etwas, was er gesehen hat und was andere sehen sollen. Seine Kunst ist eine moralische Kunst, aber nicht im Sinne des falschen Bewusstseins einer Moralideologie. Butzmann liebt die Moral von Moritatensängern oder volkstümlichen Bilderbögen, die Moral der Satire oder die des berühmten Berliner Witzes. Seine Aquarelle und Zeichnungen sind keine Gedankenkunst, keine surrealen Kompositionen, sie vertrauen dem, was als Erscheinung die Existenz der Realität bezeugt. Das Nichtsichtbare ist für ihn im Sichtbaren eingelagert.  Er sucht die Kontinuität, die Fortsetzung von etwas, was den Menschen geistig seit Jahrhunderten konstituiert und was wir schlicht Geschichte nennen.

Zur Person

Manfred Butzmann wurde als Sohn eines Gärtners in Bornim geboren. Nachdem der Vater im Volkssturm 1945 von Soldaten der Roten Armee erschossen worden war, wuchs er in Eutzsch bei Verwandten auf einem Bauernhof auf. 1955 holte ihn seine Mutter zurück nach Potsdam. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Offsetretuscheur. Nebenher arbeitete er im Malzirkel von Magnus Zeller in Caputh.1964 bis 1969 studierte Butzmann Grafik an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee bei Arno Mohr, Werner Klemke und Klaus Wittkugel. Nach der Heirat mit der Landschaftsarchitektin Eva Butzmann bezog das Ehepaar 1966 eine Wohnung in der Parkstraße 36 in Berlin-Pankow. Ab 1970 arbeitete er freischaffend als Grafiker. 1973 bis 1977 war er Meisterschüler an der Akademie der Künste (Berlin) bei Werner Klemke. Das Meisterschülerstudium wurde 1976 unterbrochen, als Butzmann den Reservistendienst in der NVA leisten musste. Angeregt von der Tristesse des Kasernenlebens entstand die Radierfolge Eindrücke. Danach arbeitete er als Buchillustrator sowie Einbandgestalter, schuf seit 1977 aber auch Druckgrafiken und Aquarelle, Fotoplakate und Postkarten.1989/90 arbeitete er im Untersuchungsausschuss zu den polizeilichen Übergriffen am 7. und 8. Oktober 1989 in Berlin mit. 1991 erhielt er den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste, 1993 den dritten Preis für seinen Entwurf für ein Mahnmal zur Bücherverbrennung in Berlin, 1999 die Ferdinand-von-Quast-Medaille des Berliner Landesdenkmalamtes.Seit 2007 lebt und arbeitet Manfred Butzmann in Potsdam-Bornim.

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