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Premiere
Riesiger Beifall für die "Bluthochzeit" in Netzeband

Holger Rudolph / 02.08.2020, 06:57 Uhr - Aktualisiert 02.08.2020, 07:40
Netzeband (MOZ) Freunde des Theatersommers Netzeband kamen am Samstagabend voll auf ihre Kosten. Federico Garcia Lorcas "Bluthochzeit" erwies sich als eine sehr gute Wahl. Das Publikum applaudierte nach zweieinhalb Stunden viele Minuten lang.

Maskenpflicht

Kurz zuvor durften die Schauspieler ihre Masken abnehmen. Beim Netzebander Synchrontheater ist das Verdecken der Gesichter nicht erst seit Corona Pflicht. Die ausdrucksstarken Masken, welche die den jeweiligen Figuren zugeordneten Haupteigenschaften unterstreichen, stammen wie die Kostüme von Ulrike Alexandra Pommerening. Es ist sehr schwierig, sich hinter den Masken zu den von anderen Schauspielern eingesprochenen Texten zu bewegen. Doch die  Darsteller, teils schon seit Jahren dabei, beherrschten diese hohe Kunst.

Nur Uschi Schneider, die das Dienstmädchen spielte, hatte es leichter. Sie bewegte sich zu den von ihr selbst eingesprochenen Texten. Und Hans Machowiak stand sogar bei zwei Figuren Pate. Er stellte den Leonardo, mit dem die Braut durchbrannte  dar, während er die Texte für dessen Widersacher, den Bräutigam, einsprach, dargestellt von Axel Poike.

1933 entstand das Stück

Lorca schrieb seine "Bluthochzeit", im Original "Bodas de sangre", 1933. Noch im selben Jahr wurde das Stück in Madrid uraufgeführt. Angeregt durch eine Zeitungsmeldung über das blutige Ende einer Hochzeit, verfasste Lorca seine erste lyrische Tragödie.

Leonardo, früherer Freund der Braut, ist inzwischen verheiratet und auch Vater eines Kindes, seine Frau erwartet ein zweites. Doch es zieht Leonardo noch immer zur Ex. Die Zuschauer erfahren durch verschiedene Personen, dass Leonardo mit seinem im schnellen Galopp gerittenen Pferd mehrfach nachts vor dem Fenster der Verflossenen stand. Diese will das erst kaum glauben. Dem Anschein nach möchte sie nach wie vor ihren Bräutigam heiraten, der eine gute Partie ist. Aber sie scheint sich überhaupt nicht auf die bevorstehende Hochzeit zu freuen. Schließlich reitet Leonardo mit ihr am Hochzeitstag davon. Das Pferd bleibt für die Zuschauer unsichtbar. Nur der Hufschlag und ein heftiges Schnaufen sind zu hören. Gänzlich auf tierische Darsteller zu verzichten brauchte das Publikum aber nicht. Ein kleiner Hund rannte mit den Hochzeitsgästen die Treppe zur Temnitzkirche hoch und kurz darauf wieder hinunter. Johlen, Lacher und spontaner Beifall für das an sich nicht zur Aufführung gehörende Tier, das dann rasch zurück auf ein Nachbargrundstück lief.

Trauerspiel

Die beiden Widersacher bringen sich noch in der Nacht gegenseitig  um. Die Braut hatte Leonardo  zuvor zur Flucht aufgefordert, das einzige Mittel, mit dem der Ehebrecher dem sicheren Tod entgangen wäre. Doch Leonardo blieb bei ihr. Das Trauerspiel nahm seinen schrecklichen Lauf. Das Stück ist noch keine hundert Jahre alt, zeigt aber, wie sehr sich glücklicherweise die Ansichten über Ehre, Moral und Selbstbestimmung seitdem änderten. Auch in den heute noch immer sehr dünn besiedelten Hochebenen Spaniens würde wohl so gut wie keine Ehebrecherin am liebsten zu ihrem beim Ehrenmord umgebrachten Geliebten in den endloses Heil bietenden Himmel wollen.

Sparsames Bühnenbild

Regisseur Herbert Olschok hat das traurig-schöne Stück sehr gut als Synchronschauspiel adaptiert. Das Bühnenbild von Sabine Pommerening, das in erster Linie aus zwei Wohnhütten besteht, ist sparsam, doch vielleicht gerade dadurch reizvoll. Es tat dem Stück auch keinen Abbruch, dass die Zuschauerstühle wegen Corona deutlich weiter auseinander standen als üblich und die Spielrichtung verändert wurde. Nicht in den Weiten des Gutsparks, sondern auf einer vergleichsweise kleinen Bühne und dem Vorfeld der Temnitzkirche agierten die Darsteller. Es gab deutlich weniger Musik- und Tanzbeiträge als in anderen Netzebander Stücken. Doch die wenigen Einspielungen vom Wiegenlied bis zu traurigen Fado-Klängen waren stark und anrührend.

Ab und an störten auf der nahen Straße vorbeifahrende Autos ein ganz klein wenig, ebenso ein Hund aus der Nachbarschaft, der beim zweiten Akt mehr als 20 Minuten lang bellte. Vielleicht war es der tierische Darsteller von vor der Pause. In diesem Fall sei ihm verziehen.

Wie weit die Kreise sind, die der Theatersommer zieht, machte sich nicht nur dadurch bemerkbar, dass diese erste Vorstellung mit 400 Zuschauern ausverkauft war. Ein Blick auf die Autokennzeichen zeigte, dass es sehr viele Berliner, Ostprignitz-Ruppiner und Oberhaveler sowieso, aber auch Gäste bis aus Hamburg und Dresden zur einzigartigen Spielstätte ins Grüne gezogen hatte, die am Sonnabend in ihre 25. Saison startete und als zweites Stück des Sommers ab 30. August das für die ganze Familie geeignete Stück "Aschenbrödel" zeigt. Den winterlichen Schnee aus dem Kult-Fernsehfilm wird es nicht geben, steht auf der Theatersommer-Website. Aber was ist mit dem weißen Pferd? Diesmal mehr als Getrappel?

Weitere Vorstellungen der "Bluthochzeit" am 7., 8., 14., 15., 21., 22., 28., und 29. August. www.theatersommer-netzeband.de

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