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Camping
Halbnomaden am Helenesee bei Frankfurt (Oder)

Nancy Waldmann / 02.08.2020, 07:00 Uhr - Aktualisiert 02.08.2020, 07:30
Frankfurt (Oder) (MOZ) Angefangen hat es mit einem Zelt, dann stieg er auf den "Klappi" um, den Wohnzeltanhänger zum Ausziehen. Und dann hatte Winni Hennig einen richtigen Wohnwagen. Seit 1984 steht er damit an der Helene, seit 1995 an genau dieser Stelle, das ganze Jahr über.

"Auch im Winter komme ich natürlich her. Schon, um die Eichhörnchen und die Vögel zu füttern", sagt Hennig, der in Frankfurt geboren ist, in Eisenhüttenstadt seine Wohnung hat und dazwischen auf der Dauercamper-Insel die Rolle des "Ältesten" spielt. In Adidashosen und mit ernstem Blick mäht er den Rasen, auf dem kein einziger Kienappel liegt, vor den Hecken und Blumenrabatten der abgezäunten Nachbarparzellen. – Ja, dies ist ein Campingplatz, auch wenn es den Anschein einer Eigenheimsiedlung hat.

Die ultimative Mobilität eines Wohnwagens ist bei Winni Hennig und seinen Nachbarn schon lange im Wurzelwerk der eigenen Scholle unter den märkischen Hochkiefern versunken – das liegt im Wesen der Dauercamper. Ein Rundgang durch Hennigs Reich: ein überdachter Wohnwagen, isoliert und holzvertäfelt, Mikrowelle, Kochstelle, Kühlschrank. Die Küche erstreckt sich ins geräumige Vorzelt mit Teppich, Küchenschränken, Eieruhr. Weiter gehts zum Guck-Pavillion – wahlweise Fernseher, Beamer mit Leinwand oder Fensterchen hin zur Feuerstelle. Einen eigenen Wohnanhänger zum Schlafen hat er für die Enkel, 11 und 15, ausgebaut. Um die Ecke ein Beet mit Tomaten, gewässert aus den eigenen Regentonnen.

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Er sei Mitte der 90er der erste gewesen, der im Herbst nicht mehr abbaute. So hat sich am Ende des Familienzeltplatzes eine eigene Siedlung entwickelt. Rund 1600 Euro zahlt Hennig für Pacht und Nebenkosten. Warum nicht gleich ein Bungalow? – Nee, winkt er ab. Da würde man ja die Nachbarn hören und riechen. "Hier ist Ruhe, Platz und der See", konstatiert er.

In der Siedlung gibt man sich ein Zeichen, wann man da und wann man weg ist. Schaut mal zusammen Fußball. Der neueste Zuzügler im "Kiez" ist ein langhaariger Spandauer, der nun auch schon den neunten Sommer kommt. Traurig deuten alle auf ein verwaistes Anwesen – der Bewohner verstarb kürzlich, plötzlich. Man sollte nicht davon ausgehen, dass die Camper an der Helene Urlaub machen. Wegfahren muss sein – einmal im Jahr in die bayerischen Berge und an die Ostsee, sagt Winni Hennig. Sein Zaunnachbar, auch Hüttenstädter, hat früher Urlaub am Helenesee gemacht, jetzt fährt er mit seiner Frau am liebsten in die Türkei – in der kalten Jahreszeit. Mai bis Oktober verbringen sie überwiegend in ihrem Wohnwagen an der Helene. Dauer- bzw. Saisoncamper führen das Leben von Halbnomaden, die halbjährlich ihren Lebensmittelpunkt wechseln.

Die Einzigen, die im Oktober alles einpacken, sind Ines und Torsten, zwei Mittfünfziger aus Köpenick, Helene-Nomaden seit 1994. Ines hat noch das Geräusch des Hubschraubers im Ohr, mit dem der Privatunternehmer Helmuth Penz gelegentlich aus Berlin über der Kleinen Ostsee einflog. "Und in den nuller Jahren war Totentanz. Im Gegensatz zu heute kam kaum ein Urlauber, es war zu dreckig", erzählt Torsten. Das Paar störte sich nicht daran in seiner Oase. Anders als der Rest leben die Beiden in einem großen Zelt, das sie jedes Jahr samt Zaun an derselben Stelle aufstellen. Drei bis vier Tage dauert das. Im Winter lagern sie die Sachen in einer Garage in Frankfurt ein.

Zum Thema: Als der Helenesee bei Frankfurt noch ein Tagebau war

Warum kein Garten? "Mögen wir nicht. Gärtnern ist einfach nur lästige Arbeit", findet Torsten. Ein Tag an der Helene beginnt für die beiden unbedingt mit Schwimmen, und zwar am liebsten nackt.

Das Thema, auf das alle Camper von selbst zu sprechen kommen: das Helene-Beach-Festival. Die Horden von Jugendlichen im Rausch und ihre Hinterlassenschaften passen ihnen gar nicht in den Kram. Dass die Sause dieses Jahr wegen Corona ausfällt, empfinden alle als Wohltat.

In der Parkverwaltung schätzt man die treuen "Anlieger". "Weil sie unabhängig vom Wetter immer da sind", sagt Uwe Grack, Betriebsleiter der Helenesee AG. Dass Leute 30 oder 40 Jahre am See campen, sei keine Seltenheit. Grack weiß sogar von einem 50-jährigen Anliegerjubiläum. "Ich denke, das ist historisch bedingt, viele kennen den Helenesee aus DDR-Zeiten als Top-Ferienziel." Rund die Hälfte der Anlieger komme aus Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, tendenziell aus der Generation 50plus und älter.

Bis vor kurzem schien es, die Zeit der Dauer- und Saisoncamper gehe vorbei. Rund hundert Parzellen sind zur Nutzung für ca. 250 Personen verpachtet, verteilt an drei Stellen auf dem Gelände. "Bei der jüngeren Generation kommen Bungalows besser an", sagt Uwe Grack. Die sind derzeit alle belegt. Camper-Parzellen seien hingegen noch zu haben, aber auch hier gibt es mehr Nachfragen. "Durch Corona entdecken manche das Campen neu", sagt Grack. Deswegen wolle man künftig mehr freie Stellplätze vermarkten – als günstigen Zufluchtsort.

Pacht für eine Parzelle: für Saisoncamper ca. 600 Euro, ganzjährig 1000 bis 1200 Euro.

Zum Thema: Rückblick auf neun Jahre Helene Beach Festival Frankfurt (Oder)

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