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300 Jahre alte Glocke gestohlen

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Bärbel Kloppstech / 15.06.2010, 19:21 Uhr - Aktualisiert 15.06.2010, 19:23
Wüste Kunersdorf (In House) Die kleine Friedhof mit den nur wenigen Gräbern liegt mitten im Dorf an der einzigen Straße, die es in Wüste Kunersdorf gibt. Ein kleiner Hang führt hinauf zur verzinkten Toreinfahrt. Die Eingangspforte für die Besucher ist unverschlossen. Sie knarrt unüberhörbar in der Stille des abseits der B 112, im Tal gelegenen Dörfchens, das 1974 nach Lebus eingemeindet wurde und seit 1977 offizieller Ortsteil ist.

Durch diese Pforte gingen am Sonnabendvormittag Reinhard Kube und sein Sohn Helmut. „Wir wollten zum Grab meiner Eltern“, erzählt der Kunersdorfer. „Mein Sohn bemerkte zuerst, dass die Glocke fehlt und nur noch der Strick, mit dem sie bewegt wurde, lose herunter baumelte. Sonst war er immer an einem der Pfähle des Glockenstuhls festgebunden“, sagt Reinhard Kube. Im normalen Alltag habe man die Glocke fast gar nicht wahrgenommen, da der Stuhl überdacht ist und an der Seite unter Bäumen steht. Deshalb bin ich mir auch nicht sicher, ob der Diebstahl wirklich in der Nacht zu Sonnabend passiert ist.“

„Am Freitag war sie noch da“, ist sich dagegen Erwin Borngräber ganz sicher. Seine Tochter sei am Abend noch auf dem Friedhof gewesen. Der 85-Jährige hat wie der Opa von Reinhard Kube lange Jahre die Glocke geläutet. „Immer zu Beerdigungen und am ersten Weihnachtsfeiertag“, erzählt der alteingesessene Wüste Kunersdorfer. Er kennt auch die Inschrift mit dem Namen des Glockengießers Johann Jakob Mangold und dem Stifter Joachim Ernst von Burgsdorff. „Die Glocke ist über 300 Jahre alt und ist ein wertvoller Zeuge der Dorfgeschichte. Sie hat viele Kriege überstanden, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg und die Russen. Und nun haben sich Diebe erdreistet, sie zu stehlen. Das ist einfach nicht zu fassen!“ – sagt der alte Mann, der gleich schräg gegenüber mit seiner Frau wohnt. Das müssen mehrere gewesen sein, vermutet er. „Die Glocke wiegt bestimmt 100 Kilo und hat einen Durchmesser von rund 70 Zentimetern.“ Er klappt seinen Zollstock auf, um den Abstand besser vor Augen zu haben. „Ja, 70 Zentimeter“, bestätigt er noch einmal.

Wer der Eigentümer der Glocke ist, weiß Erwin Borngräber auch nicht so genau. „Wüste Kunersdorf gehörte mal zur Kirchengemeinde Wulkow. Wir Kunersdorfer sind dann nach Lebus gekommen, kirchlich und kommunal“, meint er.

Angaben zum Eigentümer der Glocke konnte der Lebuser Pfarrer Christian Sucker nicht machen. Der Friedhof sei aber kommunal und werde von der Stadt Lebus verwaltet, bestätigte er. Vielleicht wüsste die Frankfurter Pfarrerin Susanne Seehaus, die die Kirchengemeinde Wulkow betreue, anhand ihrer Unterlagen mehr über die Glocke. Die Pfarrerin bestätigte aufgrund eines ihr vorliegenden Kirchenbuches die Inschrift, die auch Erwin Borngräber bereits erwähnt hatte: „ME FECIT ICH. IAC MANGOLD ANNO 1698, SOLI DEO HONOR ET GLORIA – Ich Jakob Mangold habe die Glocke 1698 gegossen, zum Ruhm und zur Ehre Gottes“. Genaue Angaben zu Gewicht und Größe der mehr als 300 Jahre alten Glocke konnten aber weder sie noch das kirchliche Verwaltungsamt in Frankfurt (Oder) machen.

„Wir sind deshalb zur Aufklärung dieses ungewöhnlichen Glockendiebstahls auf Zeugen angewiesen“, betont Thomas Wendland, Pressesprecher der Polizei in Märkisch-Oderland. „Die Inschrift ist ein wichtiger Anhaltspunkt, ebenso das Tatwerkzeug, das die Kollegen auf dem Friedhof sichergestellt haben. Vielleicht haben Einwohner aus Wüste Kunersdorf doch etwas beobachtet, das ihnen nun in einem anderen Licht erscheint.“

Reinhard Kube, der mit seinem Sohn das Fehlen der Glocke entdeckte, vermutet hinter dem Diebstahl „ein Auftragswerk“. Die Diebe seien gewiss nicht nur auf die Bronze aus gewesen.

Hinweise nimmt die Polizei in Seelow unter Telefon 03346 8010 entgegen.

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