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Die Linie für Nachtschwärmer

Jörg Kotterba / 13.07.2010, 16:13 Uhr - Aktualisiert 20.07.2010, 18:24
Frankfurt (In House) Der Bahnhofsvorplatz weit nach Mitternacht. Fast auf die Sekunde genau rollt Wolf-Dieter Hentschel mit seinem zwölf Meter langen Stadtbus der Linie N 1 heran und hält auf Bussteig 3. Um 1.16 Uhr startet von hier seine Nordtour. Sie führt den Bahnhofsberg hinab zum Platz der Republik, von dort zur Luxemburgstraße, nach Hansa-Nord, zum Klingetal in Richtung Westkreuz. In der August-Bebel-Straße geht es über Fürstenwalder und Heilbronner Straße zurück. Bis kurz vor vier Uhr ist der jetzt 59-jährige Berufskraftfahrer an den Wochentagen mit seinem MAN-Niederflurbus, der mit Gas betrieben wird, auf Tour. 260 PS hat er unterm Hintern. Damit rollt er sonnabends und sonntags sogar bis kurz vor Sechs durch die Nacht – hinein in den Morgen.

Wolf-Dieter Hentschel ist seit 37 Jahren im Besitz des Führerscheins. Der in DDR-Zeiten Fahrerlaubnis hieß. Der „Führer“ war den Obrigen suspekt. „Ich arbeitete damals beim Frankfurter Wohnungs- und Gesellschaftsbaukombinat, kurz WGK genannt.“ Vom Baufahrzeug und WGK-Bus stieg er nach dem Mauerfall auf einen schweren Ferntransporter um, fuhr Richtung Süden. Bis nach Spanien. Eine Knochenarbeit. „Wenn du auf die 60 zugehst überlegst du dir genau, ob du auf dem Bock bleibst oder umsattelst. Seit eineinhalb Jahren bin ich bei Busreisen Homann angestellt.“ Und dieses Unternehmen, mittlerweile 
20 Jahre in Frankfurt zu Hause, arbeitet für die Stadtverkehrsgesellschaft (SVF). „In sehr guter Qualität“, wie SFV-Verkehrsleiter Fred Bernau bestätigt. Die Firma würde sämtliche Standards erfüllen und auch Nischen abdecken, so Fahrten in die Ortsteile.

Die Tür von Hentschels Nachtbus schließt sich. Nico Schädel, 20-jähriger Fliesenleger, ist erster Gast. Die 1,20 Euro für den Fahrschein bezahlt er gern. „Ich wohne in Nord. Das ist schon ein Stück Weg.“ Und Schwarzfahren komme bei ihm nicht in Frage. „40 Euro Strafe. Dieses Risiko sollte keiner eingehen.“

Quirlig und laut wird es, als der N 1 an den Lenné Passagen hält. Viadrina-Studenten steigen ein. Sie kommen von einer Sommerparty. Mit ihrem Semesterticket, das die Uni vor zehn Jahren eingeführt hat, können sie alle öffentlichen Verkehrsmittel – auch den Regionalexpress innerhalb des gesamten Verkehrsverbundes Berlin/Brandenburg – nutzen. Während die Bachelor-Studenten Hanna Napp und Christoph von Rüdiger eng umschlungen die hinteren Plätze bevorzugen, schwatzen ein paar Sitzreihen davor drei junge Frauen im lauten Spanisch. „Dieses Multi-Kulti bringt viel Farbe und Leben in die Stadt“, freut sich Nachtfahrer Wolf-Dieter Hentschel. Meist seien es Studenten, die Nachts gern bequem nach Hause wollen. „Morgens, so ab vier Uhr, steigen dann die ersten Dienstleister, Schichtarbeiter und Berlin-Fahrer ein. Eine Reinigungskraft ist auch dabei, die – glaub’ ich – in der Uni arbeitet. Alles nette, freundliche Leute“, so Nachtfahrer Hentschel. Ein paar Morgenmuffel wären natürlich auch mal dabei.

Zehn vor Zwei hat der Bus mit dem Kennzeichen FF-O 438 wieder den Bahnhof erreicht. Ein paar Nachtschwärmer warten schon. Sie wollen nach Süd – ab in die Federn.

 

Alle Teile der Serie 24 Stunden unter www.moz.de/24h

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