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Arno Mohrs Ferien in Buckow

Brecht in Buckow: So stellte Arno Mohr ihn sich dort vor. Die Radierung stammt aus dem Jahr 1960.
Brecht in Buckow: So stellte Arno Mohr ihn sich dort vor. Die Radierung stammt aus dem Jahr 1960. © Foto: Brecht-Weigel-Haus
Ulrike Buchmann / 28.07.2010, 17:37 Uhr
Buckow (In House) Der Zeichner Arno Mohr unternahm nicht viele Urlaubsreisen mit Frau und Sohn. „Genau drei“, erinnert sich Thomas Mohr (64). 
1958 zum Beispiel, „da fuhren wir
für 14 Tage nach Buckow.“ Doch den Vater bekommt er kaum zu Gesicht. Der hat seinen Malerkollegen Otto Niemeyer-Holstein beim Spaziergang durch die Kurstadt in der Märkischen Schweiz getroffen. Und der Usedomer erzählt ihm, er porträtiere gerade die Weigel.

Diese Gelegenheit will auch der Berliner Kunstprofessor und Theaterliebhaber Arno Mohr beim Schopfe packen. Er geht in jenem Sommer mehrmals in das heutige Brecht-Weigel-Haus am Schermützelsee, freundet sich mit dem Dramaturgen Hans Bunge an, der damals das Brecht-Archiv betreut und mit seiner Familie in Buckow lebt.

Bertolt Brecht ist seit drei Jahren tot. Seine Witwe, die Schauspielerin und Intendantin Helene Weigel, nutzt das Anwesen weiter, schüttelt dort den Theateralltag ab. Arno Mohr bekommt Gelegenheit, sie in privaten Posen zu zeichnen. Tee eingießend, konzentriert lesend, auf ihrem Worpsweder Lieblingssessel. Es entstehen mehrere Lithografien und eine Kohlezeichnung. Sie vermitteln eine solche Unmittelbarkeit und Nähe, wie sie wohl nur wenige zur berühmtesten „Mutter Courage“ herstellen konnten. Gewiss liegt dies an Mohrs geschulter Aufmerksamkeit für Motive am Rande.

Der Meister des Einfachen, das schwer zu machen ist, wird heute vor 100 Jahren als Sohn eines Militärmusikers in Posen geboren. Er wächst in Berlin auf, lernt Schildermaler, studiert Kunst bei Maximilian Klewer und Franz Lenk. Nach dem Krieg wird er Professor an der neu gegründeten Kunsthochschule Berlin-Weißensee und bleibt von Anfeindungen nicht verschont. Mohrs Fritz-Cremer-Porträt gerät Kurt Magritz, Redakteur der Illustrieren Rundschau, zu verbittert, die Farben, mit denen er den Vorgang der Bodenreform malt, zu schmutzig. „Mein Vater war ein stets freundlicher Mann, aber über solche Anwürfe hat er sich geärgert“, sagt Thomas Mohr.

Arno Mohr holt sich Kraft bei Käthe Kollwitz, sieht sich in der Tradition von Adolph Menzel oder Daniel Chodowiecki. Aber Zeit seines Lebens beschäftigt ihn auch der große Bertolt Brecht. Allein ihr unprätentiöser epischer Stil macht den Dichter und den Zeichner seelenverwandt. Brecht und Mohr haben sich vermutlich nicht persönlich kennengelernt, obwohl sie zeitgleich in Berlin-Weißensee wohnten. Thomas Mohr glaubt sich zu erinnern, dass sein Vater gerufen wurde, um Brecht auf dem Totenbett zu zeichnen. Doch niemand weiß, wo eine solche Arbeit geblieben sein könnte.

Stattdessen gibt es etliche Blätter, auf denen Arno Mohr den Dichter aus dem Gedächtnis heraus zeichnete, immer wieder bis in die 80er Jahre 
hinein: Schiebermütze, Zigarre, das Buckower Refugium sinnierend durchwandernd. So wie Mohr ihn (nie) sah, legten Generationen von Nachgeborenen „bb“ in ihrem Bildgedächtnis ab. Die Mohr-Zeichnungen sind populär. 22 seiner Arbeiten zu Brecht, Weigel und dem Berliner Ensemble hat die Gedenkstätte am Schermützel-See inzwischen in ihrem Besitz. Aus Anlass des 100. von Arno Mohr werden sie ab heute dort gezeigt.

Bis 31. Januar, Eröffnung heute 14 Uhr, Brecht-Weigel-Haus, Buckow, Mi–Fr 13–17 Uhr
Sa, So 13–18 Uhr

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