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Die Wüste lebt

Ina Matthes / 07.08.2010, 11:04 Uhr - Aktualisiert 09.08.2010, 11:29
Lieberose (In House) Über die sonnenwarmen Betonplatten springen Scharen von Heuschrecken. Heiko Schumacher greift nach einem der flinken Hüpfer. Erst im dritten Anlauf hat er Glück. Der Naturschutz-Experte hält das Tier vorsichtig zwischen den Fingern und zeigt auf die auffällig roten Beine. „Eine Italienische Schönschrecke.“ Hierzulande eine Seltenheit. Kaum hat Schumacher den Griff gelockert, rettet sich das Insekt mit einem Satz zurück auf den Beton.

40 Jahre vor diesem Absprung sind an derselben Stelle DDR-Staatschef Erich Honecker und sein russisches Pendant Leonid Breschnew auf dem Truppenübungsplatz Lieberose gelandet. Mit dem Hubschrauber. Von einer benachbarten, acht Meter hohen Tribüne beobachteten sie 1970 das Manöver „Waffenbrüderschaft“. 50 000 Soldaten bewegten sich damals samt Panzern durch den Sand.

In den Ritzen zwischen den Platten des Helikopter-Landeplatzes wuchert längst Gras. Der Beton des Feldherren-Ausgucks ist bröcklig geworden. Heute zeigt Heiko Schumacher Besuchern die Natur auf dem Ex-Militärgelände. Der promovierte Forstwissenschaftler arbeitet für die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg. Er führt an diesem Sonntag Wanderer der MOZ-Aktion „Wildes Brandenburg“ über den aufgegebenen Übungsplatz im Kreis Dahme-Spreewald.

1992 fiel dort der letzte Schuss. Längst versperren Birken, Kiefern und Traubenkirschen die freie Sicht auf die sechs Kilometer lange Panzerschießbahn, die sich Honecker und Breschnew noch bot. Wo sie ihre Feldstecher in die Ferne richteten, rollt Heiko Schumacher eine Landkarte aus. Sie zeigt ein riesiges Gelände – zehn Kilometer Ausdehnung in Nord-Süd-Richtung, 20 Kilometer von Ost nach West. Der ehemalige Truppenübungsplatz ist der größte in Ostdeutschland. Die SS hat ihn in den 40er-Jahren eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die Rote Armee Panzerfahrer und andere Bodentruppen darauf trainieren.

65 Jahre später entwickelt die Stiftung Naturlandschaften Brandenburg ganz andere Schlachtpläne. Die Organisation hat sich die Entwicklung von Wildnisgebieten zum Ziel gesetzt und besitzt 3150 Hektar Boden auf dem einstigen Schießplatz. „Wir haben das Land gekauft, um es der Natur zurückzugeben“, sagt Schumacher, der die Stiftung in Lieberose vertritt. Auf einem Teil der Flächen soll sich Wildnis ausbreiten. Vor ein paar Monaten haben sich Wölfe angesiedelt.

Stiftung, umliegende Ämter und Gemeinden haben Großes vor: Auf dem 25 500-Hektar-Areal soll eine Internationale Naturausstellung INA entstehen. Es wäre die erste weltweit. Ihre Initiatoren wollen Forscher und Touristen in die Region ziehen und beweisen, dass Naturschutz ein Wirtschaftsfaktor sein kann.

Der Übungsplatz hat Einzigartiges zu bieten, eine enorme Vielfalt an Landschaft und Arten. Heiko Schumacher zeigt auf eine helle Linie auf der Karte. Nur eine größere Straße durchquert das Territorium, die Bundesstraße nach Peitz. „Diese große Unzerschnittenheit ist etwas ganz Besonderes“, sagt der Naturschutzexperte. Die Landschaftsformen der Eiszeit, Moränengebiete mit Hügeln, Seen und Mooren, finden sich hier. Ausgedehnte Wälder wechseln sich mit Heide und kargen Mondlandschaften ab.

Das Sperrgebiet wurde zum Rückzugsraum für viele Tiere und Pflanzen. In ein paar Jahren sollen Gäste von einem 33 Meter hohen Turm an der Stelle der Beton-Tribüne weit ins Land schauen. Wanderwege sind geplant.

„Diese Naturausstellung ist eine tolle Idee“, findet Andrea Pawlak. Mit ihrem Mann Volker ist sie erst im Frühjahr aus Rheinland-Pfalz hergezogen. Das Paar hatte sich im Urlaub in die Landschaft verliebt. Jetzt erkunden die Zugezogenen die Umgebung. Der Truppenübungsplatz ist ein nahes Ziel – das Heimatdorf der Pawlaks liegt nur vier Kilometer entfernt. Sie sind nicht die einzigen Einheimischen bei dieser Tour. Mancher kennt den Übungsbetrieb und die damit verbundenen Straßensperren noch von früher. Aber auch Naturinteressierte aus der Schorfheide und aus Berlin sind neugierig auf ein Gebiet, das Besuchern kaum zugänglich ist.

Heiko Schumacher führt die Gruppe auf einem breiten Weg ein Stück in das Gelände. „Wir haben Arten hier, um die uns andere beneiden.“ Die unscheinbare gelbe Sandstrohblume ist so eine Rarität. Rot blühendes Trichtermoos siedelt als Pionier auf dem Sand. Ein Trafoturm am Weg ist zum Hochhaus für Fledermäuse geworden.

Russische Soldaten haben Birken gepflanzt, als Erinnerung an die Heimat. Von ihrer Kommandantur mit insgesamt 27 Gebäuden ist nur ein hoher Berg Schotter am Ende des Weges geblieben. Daneben türmt sich ein Haufen Sperrmüll. Auf dem Platz werden schon mal Lkw-Ladungen mit Fernsehern illegal entsorgt.

Aus der Kommandantur sollte eine alternative Siedlung werden. Die Idee hat sich zerschlagen. Genauso wie die Projekte für Pyramidenstädte und Testgelände für Flugzeugtriebwerke. Nur die Solar­industrie hat ernst gemacht und das drittgrößte Sonnenkraftwerk Europas aufgestellt. Die Naturschützer akzeptieren den Park. Es soll das einzige alternative Kraftwerk bleiben. „Industrieanlagen würden das Gelände zerschneiden“, erläutert Schumacher. Auch für den Tourismus wären sie nicht gut, findet er.

Wer wollte schon die Wüste sehen, wenn sich dort Windräder drehen? Wüste oder Klein Sibirien, so nennen die Lieberoser das ehemalige Panzerfahrgelände. Es liegt gegenüber der Schießbahn, auf der anderen Seite der Bundesstraße 168. Noch Anfang der 90er-Jahre sah es dort aus wie in der Sahara. Heller Sand, Dünen, so weit das Auge reichte.

Seit Panzerketten nicht mehr jegliches Grün niederwalzen, wandelt sich die Wüste zur Steppe. Moos und dürres Silbergras haben den Boden besetzt. Es ist windig und heiß. Am Horizont flirrt die Luft über einer langgestreckten Wanderdüne. Der Wind wirbelt Staubschleier auf. Die Wüste ist eine eiszeitliche Sanderfläche. In dieser kargen Nische herrscht ein besonderes Mikroklima. Das wissen unter anderem die Seeadler zu schätzen. Naturschützer Schumacher beobachtet sie morgens öfter: am Boden hockend, wartend, dass sich Sand und Luft erwärmen und die Thermik sie in die Höhe trägt.

Das dürre Grasland ist nicht tot, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Einigen der Wanderer fallen Trichter im Sandboden auf. Heiko Schumacher gräbt mit der Hand. Er zieht ein asselartiges Insekt mit Hirschgeweih aus der lockeren Erde. „Ein Ameisenlöwe“, sagt Schumacher und lässt das Tier zu Boden gleiten, wo es sich blitzschnell eingräbt – um aus dem Hinterhalt unvorsichtige Ameisen anzugreifen.

Im Untergrund lauern noch ganz andere Überraschungen. Ab und an haben Deutsche und Russen Bomben abgeworfen. Die rote Armee propfte russische Zünder auf deutsche Beute-Bomben und stopfte sie mit Socken fest. Drei Bomben sind in diesem Frühjahr in der Wüste gesprengt worden. Die Verseuchung mit Munition ist auf dem Truppenübungsplatz nicht überall gleich. Es gibt Regionen und Wege, die von Granaten und Bomben beräumt wurden. Und solche, die hochgefährlich sind, wie die „Höhe 100“. Auf einem Hektar liegen dort 1000 Tonnen Munition. Geschätzte Entsorgungskosten: 600 000 bis zehn Millionen Euro. Die Altlasten setzen Naturschutz und Tourismus Schranken. Ein geplanter Wanderweg soll nur ein kleines Stück ins Gelände führen. Auch die Zukunft der Wüste hängt davon ab, in wieweit explosive Altlasten entsorgt werden.

Denn die Silbergras-Steppe soll offen gehalten werden. Doch dazu muss der Mensch vordringendes Buschwerk stoppen und Landschaftspflege betreiben. „Wenn man nichts unternimmt, wird sich die Wüste bewalden“, meint Schumacher. Schon jetzt schieben sich mickrige Kiefern ins Gelände vor. Sie kommen schwer voran auf dem trockenen Boden. Ohne menschliche Gegenwehr wird der Wald die Wüste erobern. Irgendwann.

 

Die Stiftung Naturlandschaften bietet weitere Wanderungen an. Mehr Informationen unter Telefon 033671 32788; www.
stiftung-nlb.de/lieberose

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