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Biografisches aus dem Oderbruch

© Foto: Johann Mueller
Ines Rath / 11.08.2010, 17:31 Uhr
Letschin (In House) Ursula Krüger hatte eine behütete Kindheit im schönen Bad Schönfließ im einstigen Kreis Königsberg/Neumark. Das hört man in jedem Satz, den die Rathstockerin liest. Die 84-jährige Pfarrfrau war gestern zu Gast im Letschiner „Haus Hanna“. Vor etwa 30 Heimbewohnern und Mitarbeitern las sie Passagen aus „Mein Leben“. Die 31-seitige Kurzbiografie ist in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Verein „My life – Erzählte Zeitgeschichte“ entstanden.

Wie sie dazu kam? „Nach dem Tod meines Mannes vor drei Jahren habe ich unter anderem der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Frankfurter Viadrina-Universität Bücher aus der Bibliothek meines Mannes angeboten. Als zwei Mitarbeiter der Universität bei mir waren, um sich Bücher auszusuchen, kamen wir ins Plaudern und sie meinten: Meine Biografie würde in die My-life-Reihe gehören“, erzählt Ursula Krüger.

Für sie hat die Publikation zugleich einen ganz persönlichen Wert: „So haben meine vier Kinder meine Lebensgeschichte in den Händen“, freut sich die 84-Jährige, die ein wahrlich bewegtes Leben hatte: „Ich hatte alle ostdeutschen Bischöfe bei mir zum Kaffee“, erklärt die Rathstockerin bei der gestrigen Lesung etwa. Kein Wunder, war ihr Mann, der Sachsendorfer Pfarrer Dr. Horst Krüger, doch einst Domprediger in Halle.

Ursula Krügers Stimme wird leise, als sie von ihrer Kriegsgefangenschaft erzählt, während der sie „von den Russen an der Oder entlang getrieben“ worden sei, „wo wir Flugplätze bauen mussten“.

Über solche dunklen Kapitel im eigenen Leben, wie Kriegserlebnisse, könne mancher bis heute kaum reden, hat Reinhard Schubert erfahren. Der Leiter des „Haus Hanna“ arbeitet seit Jahren mit dem My-life-Verein zusammen. Er hatte Ursula Krüger eingeladen und bekennt am Ende ihrer Lesung: Er habe die Hoffnung, dass die Veranstaltung „den einen oder anderen unserer Heimbewohner ermutigt, seine Erinnerungen zu Protokoll zu geben“, so Schubert. Er will die biografische Arbeit des Frankfurter Vereins im „Haus Hanna“ fortsetzen. Denn es liegen bereits 16 Kurzbiografien von Heimbewohnern vor. Elf Frauen und fünf Männer aus dem Oderbruch haben zwischen 2007 und 2008 Helga Grune vom My-life-Verein ihre Lebensgeschichten aufs Tonband gesprochen. Es seien nicht nur Vertriebene, auch gebürtige Letschiner und Bewohner anderer Oderbruchorte, die ihre Erlebnisse und Erinnerungen auf diese Weise der Nachwelt erhalten, so Reinhard Schubert.

Das biografische Projekt des Frankfurter Vereins ist zwar beendet. Doch nicht für den Leiter des „Haus Hanna“. Reinhard Schubert will weitermachen. Nicht zuletzt aus der persönlichen Erkenntnis heraus, dass man „oft den Zeitpunkt verpasst, wo man Eltern oder Großeltern zu ihrem Leben befragen könnte“, so der 59-Jährige.

Schubert hat inzwischen bereits eine weitere Lebensgeschichte auf Band – die Geschichte von Hildegard Freyer. Die Vertriebene hat nach dem Krieg im heute zu Neuhardenberg gehörenden Neufeld eine neue Heimat gefunden. Drei weitere „Biografie-Kandidaten“ hat Schubert noch im Blick. Für sie gilt – wie für alle bislang Befragten – das Prinzip: „Jeder erzählt freiwillig und nur so viel er möchte“, sagt Reinhard Schubert. Sein Ziel ist es, die Kurzbiografien in einer Publikation zusammenzufassen, als eine „Geschichte von Heimbewohnern für Heimbewohner“, so der Leiter des „Haus Hanna“.

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