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Brisantes Spitzel-Material

Lauter Decknamen: In der Frankfurter Außenstelle der Birthlerbehörde wurden jetzt nicht nur Säcke mit zerrissenen Unterlagen über das Halbleiterwerk gefunden. Auch zu Doping-Fällen ist brisantes Material aufgetaucht.
Lauter Decknamen: In der Frankfurter Außenstelle der Birthlerbehörde wurden jetzt nicht nur Säcke mit zerrissenen Unterlagen über das Halbleiterwerk gefunden. Auch zu Doping-Fällen ist brisantes Material aufgetaucht. © Foto: MOZ/Dietmar Horn
Jörg Kotterba / 31.08.2010, 08:44 Uhr
Frankfurt (In House) In der Frankfurter Außenstelle der Birthlerbehörde wurden jetzt nicht nur Säcke mit zerrissenen Aufzeichnungen eines leitenden Angestellten des ehemaligen Halbleiterwerkes entdeckt, der für die Stasi spitzelte. Auch zu Sportreisekadern und Dopingfällen in Cottbus ist brisantes Material aufgetaucht. Die Protokolle und Aufzeichnungen zahlreicher Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit wurden bei der Auflösung des MfS nur sehr oberflächlich zerrissen. Deshalb werden sie derzeit von Fachkräften der Behörde manuell rekonstruiert.

Der Mann, mit dem sich derzeit Fachkräfte der Birthlerbehörde hier in Frankfurt beschäftigten, begann seine MfS-Karriere 1971 im Halbleiterwerk. Bis in eine hoch bezahlte Position hat er es bis zur Wende geschafft. In diesen 18 Jahren schrieb er als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit (IM) mehr als tausend Seiten – von Aussagen seiner Mitarbeiter in den Frühstücksrunden über die Stimmung der polnischen Fachkräfte zu Zeiten des Solidarnosc-Verbotes ab Dezember 1981 bis zur Abschiedsfeier einer Kollegin, die in die Bundesrepublik ausreiste. „Ein brisantes Material, jetzt entdeckt in einigen der mehr als 1550 Säcke, die noch unbearbeitet in unserer Behörde stehen“, so Rüdiger Sielaff, seit neun Jahren Leiter der Frankfurter Stasi-Unterlagenbehörde. Der „außergewöhnliche Fund“ erlaube tiefe Einblicke ins Leben des Halbleiterwerks, zumal der IM – der später zum IME, zum Experten-IM, aufstieg – in seinen Spitzelberichten der Stasi auch über streng vertrauliche Dinge berichtete. „1987, das geht aus den bisher manuell rekonstruierten Niederschriften des IME hervor, erwarb das Halbleiterwerk für 
40 000 DDR-Mark zwei Computer aus dem NSW, dem nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet. Das war damals illegaler Computerhandel und verboten“, so Rüdiger Sielaff. Im selben Jahr berichtete der IME, dessen Klarname der Birthlerbehörde bekannt ist, über eine Havarie im Objekt 91 des Halbleiterwerkes. „Dort entstand ein Schaden von annähernd vier Millionen DDR-Mark.“ Auch kritische Bemerkungen über die Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Institut für Halbleiterphysik hätte der IME nicht ausgelassen.

Wie Rüdiger Sielaff weiter informierte, sei jetzt aus den Säcken auch brisantes Material zu Sportreisekadern und Dopingfällen in Cottbus aufgetaucht. „Das Material wird derzeit gesichtet.“

In der Frankfurter Außenstelle der Birthlerbehörde ist die Zahl der Antragsteller auf Einsicht in die eigenen Stasi-Akten ungebrochen. „Im Vorjahr hatten 4300 Bürger um Akteneinsicht und 1100 um Entschlüsselung von Decknamen gebeten. In diesem Jahr gingen bis Ende Juli schon 2650 Anträge auf Akteneinsicht ein. Hinzu kamen 640 Wünsche auf Entschlüsselung von Decknamen“, so der Behördenleiter. Als Phänomen bezeichnet der 52-Jährige den Drang nach Medien- und Forschungsthemen. „Derzeit liegen uns 
33 Forschungsanträge vor. Damit stoßen meine 60 Mitarbeiter, darunter nur drei Archivare, an die Grenze des Möglichen.“ Zu den bisher angeforderten Themen gehören der Einfluss des MfS auf die Kirchengemeinden, Missbrauchs-Vorfälle in Kinderfe-
rienlagern, sogenannte Subkulturen in der DDR und Probleme bei den Städtepartnerschaften, so zwischen Frankfurt (Oder) und Heilbronn.

Rüdiger Sielaff ist seit mehreren Wochen als neuer Landesbeauftragter für die Stasiunterlagen in Sachsen-Anhalt im Gespräch. Die dortige CDU favorisiert Sielaff. Er habe bei einem Besuch der Fraktion einen „ausgezeichneten Eindruck“ hinterlassen, sagte Fraktionschef Jürgen Scharf. Auch das SPD-geführte Justizministerium hält den zweiten Kandidaten fürs Amt, den ehemaligen 
EU-Abgeordneten Ulrich Stockmann (SPD), nur für die zweitbeste Wahl – hinter Rüdiger Sielaff. Der sieht der noch ausstehenden Entscheidung gelassen entgegen. „Eine Herausforderung, ganz gewiss. Zumal ich in Sachsen-Anhalt groß geworden bin. Aber auch die Arbeit in der Frankfurter Behörde bereitet mir großen Spaß. Wir werden sehen.“

Persönliche und telefonische Bürgerberatung in der Außenstelle, Fürstenwalder Poststraße 87: Mo von 8 bis 17 Uhr, Die 8 bis 14.30 Uhr, Mi/Do 8 bis 17 Uhr, Fr 8 bis 14 Uhr, Tel.: (0335) 6068-0

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sven 01.09.2010 - 12:44:55

vertuscht

am ende werden wieder nur stasispitzel aufgedeckt die im ruhestand sind oder verstorben. noch in ämtern stizende beamte wird nichts passieren und es wird wieder vertuscht.so wird das volk ruhig gestellt und verarscht

opfer 01.09.2010 - 07:54:07

alles sollte restlos aufgeklärt werden!

@andreas, lassen sie mich raten, sie sitzen im stadthaus, oder? denn dort sind die meisten ehemaligen mitarbeiter der stasi untergekommen! ich kann mir gut vorstellen, dass dieses thema sie nervt. waren sie vielleicht auch einer von denen? ich finde unsere vergangen in diesem punkt muss restlos aufgeklärt werden und die verantwortlich, mitläufer (waren die schlimmsten spitzel) sollten auch öffentlich gemacht werden. schade nur, das es die berümte liste, die nach der wende im internet auftaucht (namen, gehalt, und funktionen), nicht mehr existent ist. da hatten die jenigen richtig angst (zu recht) bekommen. aber früher oder später werden sie alle entlarvt. ich will es nur hoffen.

Andreas 31.08.2010 - 13:11:52

Was für eine Schlagzeile!

Hat die MOZ keine anderen Artikel mehr auf Lager? Nach über 20 Jahren haut mich diese Nachricht nicht mehr vom Hocker. Als wenn das was neues wäre das im Halbleiterwerk gespitzelt wurde. Das Gestöhne über diesen Artikel setzte sich auch bei meinen Kollegen fort.

Friedrich Pram 31.08.2010 - 10:56:54

Wieder Fakten gegen DDR-Verklärung!

Angesichts der Tatsache, dass "auch zu Sportreisekadern und Dopingfällen brisantes Material aufgetaucht" ist, hoffe ich nun endlich auf eine weitere Entlarvung ehemaliger DDR-Sportfunktionäre und Sporttrainer, die leider auch heute noch in deutschen Medien gewürdigt und geehrt werden. Noch immer liest man auch in der MOZ Artikel über DDR-Trainer-Geburtstage und -Jubiläen, obwohl das flächendeckende Dopingsystem der DDR inzwischen nicht mehr geleugnet wird. Manche ehemaligen DDR-Sportjournalisten sind auch heute noch immer Teil dieses verseuchten DDR-Systems und können es nicht lassen, ihren alten Trainerkumpels Lobeshymnen zu singen. Gottseidank tickt die biologische Uhr sowohl für dopingbelastete DDR-Trainer als auch für ehemalige DDR-Sportjournalisten.

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