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„Ich habe meine Mission erfüllt“

Brücke der Verständigung: Henryk Raczkowski, Vorsitzender der deutsch-polnischen Seniorenakademie
Brücke der Verständigung: Henryk Raczkowski, Vorsitzender der deutsch-polnischen Seniorenakademie © Foto: Moses Fendel
Moses Fendel / 01.09.2010, 08:00 Uhr
Słubice / Frankfurt (In House) Seit über zehn Jahren ist Henryk Raczkowski Vorsitzender der deutsch-polnischen Seniorenakademie. Ende des Jahres gibt der 79-Jährige sein Amt auf. Zum Jahrestag des Kriegsbeginns vor 71 Jahren spricht er über seine Erinnerungen an den Krieg und seine Arbeit für die deutsch-polnische Versöhnung.

Als Henryk Raczkowski am 1. September 1939, dem ersten Tag nach den Ferien, in die Schule kam, freute er sich noch: Der Unterricht fiel aus, denn es war Krieg. Heute schämt er sich für seine damalige Freude. Der Krieg sollte sein Leben für immer verändern, denn er machte ihn zum Waisenkind. „Ich hätte ein Recht, die Deutschen zu hassen“, sagt Henryk Raczkowski, dessen Vater, Bruder und Schwester bei einer Vergeltungsaktion der Gestapo erschossen wurden. Polnische Partisanen hatten einen hohen deutschen Beamten getötet. Aus Rache ermordete die Gestapo 50 willkürlich ausgewählte Polen – Männer, Frauen und Kinder. Seine Mutter wurde als Zwangsarbeiterin ins Deutsche Reich deportiert. Er sollte sie erst Jahre später wiedersehen.

Doch Henryk Raczkowski hasst die Deutschen nicht. Im Gegenteil. Aus dem Jungen, für den alle Deutschen einen Stahlhelm und ein Gewehr trugen und für den die deutsche Sprache nur aus Begriffen wie „Hände hoch“, „Stehenbleiben“ und „Geh weg“ bestand, wurde ein Mann, der sich für Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern einsetzt. Er spricht fließend Deutsch.

Doch bis dahin war es ein langer Weg. 1950 hörte Henryk Raczkowski zum ersten Mal nach dem Kriegsende wieder die deutsche Sprache. Wilhelm Pieck sprach in Krakau zu polnischen Bauarbeitern, die den Stadtteil Nowa Huta bauten über die Bruderschaft zwischen Polen und Deutschen. „Als ich diese Worte hörte, regte mich das sehr auf“, erinnert sich Henryk Raczkowski. Aus der ersten Reihe rief er die Worte des polnischen Schriftstellers Mikolaj Rej: „Solange die Welt besteht, wird der Deutsche dem Polen nie ein Bruder sein.“ Für seinen emotionalen Ausbruch musste er ins Gefängnis. Später, während seiner Zeit bei der Kriegsmarine, beschloss er, Deutsch zu lernen. „Mein Lehrer sagte mir damals, ich müsste die Sprache und Literatur meines Feindes kennen. Nur so könnte ich die Menschen kennenlernen.“ Als Schifffahrts-Kapitän hatte er zum ersten Mal beruflichen Kontakt zu Deutschen. „Nach 20 Jahren Vorurteilen und staatlicher antideutscher Propaganda begegnete ich den Deutschen zum ersten Mal als Mensch.“ Heute ist Henryk Raczkowski überzeugt, dass aus Feinden Freunde werden können. „Wenn ich die Sprache des anderen verstehe, dann kann er schon nicht mehr mein Feind sein“, sagt er. Aber er weiß auch: „Es geht nicht ohne guten Willen.“

Als Anfang der 90er Jahre die deutsch-polnischen Beziehungen von offizieller Seite verbessert wurden, beschloss Henryk Raczkowski, sich persönlich zu engagieren. „Aus der amtlichen Freundschaft sollten auch private Freundschaften werden“, begründet er seinen Einsatz. Er begann bei den deutsch-polnischen Begegnungen des Vereins „Projekt der deutsch-polnischen Geschichte“ zu übersetzen. Im Sommer 2000 wurde er der erste Vorsitzende der von ihm mitgegründeten Deutsch-Polnischen Seniorenakademie.

Gesundheitliche Probleme zwingen ihn nun, das Amt aufzugeben. „Ich habe meine Mission erfüllt“, sagt er. Doch wenn er voller Überzeugung und Tatendrang über seine Projekte spricht, fällt es schwer, ihm das zu glauben. Er wird sich auch weiterhin engagieren. So bleibt er der Akademie als Ehrenvorstandsvorsitzender erhalten. Genug zu tun gibt es. „Es gibt zu wenig zweisprachige Senioren. Vor allem auf der deutschen Seite.“ Er wird also auch in Zukunft als Übersetzer und Brückenbauer gebraucht. Über sein bewegtes Leben gibt es inzwischen ein Buch. Beim Archiv für menschliche Schicksale „My Life“ hat er seine Biographie herausgegeben.

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