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Der Mann für den guten Most

Steckt voller Ideen und Pläne: Der studierte Architekt Christian Filter kam vor zehn Jahren in das Oderbruch. In Neurüdnitz hat er im vorigen Jahr eine Brennerei in Betrieb genommen. Im Spätherbst sollen die ersten reinen Obstbrände zu haben sein.
Steckt voller Ideen und Pläne: Der studierte Architekt Christian Filter kam vor zehn Jahren in das Oderbruch. In Neurüdnitz hat er im vorigen Jahr eine Brennerei in Betrieb genommen. Im Spätherbst sollen die ersten reinen Obstbrände zu haben sein. © Foto: MOZ
Jens Sell / 04.09.2010, 07:36 Uhr
Neurüdnitz (In House) Die Gesichter des Oderbruchs – sie wohnen, leben, lieben und arbeiten hier. Ihr Leben wollen wir in einer MOZ-Serie beleuchten, mehr über ihre Träume und ihren Alltag in Erfahrung bringen. Heute: Christian Filter.

Rechtzeitig vor Weihnachten haben die Oderbrüchler Gelegenheit, ein regionales und gehaltvolles Geschenk zu erwerben: Einen sortenreinen Obstbrand aus der Ersten Oderbruchbrennerei in Neurüdnitz, so der offizielle Name. Christian Filter (38), studierter Architekt aus Berlin, hat sie vor einem Jahr in Betrieb genommen. In diesem Herbst nun ist der erste Jahrgang gereift.

Die Brennerei im umgebauten Stallgebäude des Vier-Seiten-Hofs an der Neurüdnitzer Dorfstraße macht einen pieksauberen Eindruck. 300 Liter Obstmaische passen in die Brennblase aus getriebenem Kupferblech. Mehr als hundert Plomben sollen garantieren, dass jedes kleinste Tröpfchen Alkohol über einen Zähler erfasst wird und so der Staat zu seiner Steuer kommt. Der Zoll kontrolliert diese „Verschlussbrennerei“, die Zusammenarbeit sei gut, sagt Christian Filter. Der Alkohol muss präzise gewogen und sein Gehalt „gespindelt“ werden. Beim Brennen entstehen drei bis dreieinhalb Prozent reiner Alkohol von dieser Ausgangsmasse, pro Ladung also etwa zehn Liter. Christian Filter brennt den größten Teil absolut sortenrein, möglichst von alten Sorten aus seinem eigenen, bio-zertifizierten Anbau auf Streuobstwiesen vor und hinter dem Hof. „Roter Boskoop“ oder „Gellerts Butterbirne“ werden im Sortiment sein. Filter betreibt auch Lohnbrennerei nach Anlieferung durch die Kunden. Insgesamt hat er im vergangenen Jahr 20 Tonnen Obstmaische in der Brennerei verarbeitet, das ist schon ein gehöriger Anteil der Gesamtmenge, die auf dem Hof verarbeitet wurde.Das waren 50 Tonnen Obst.

Genau 15 Tonnen Obst für Saft produzierte Christian Filter 2009. Er bewirtschaftet insgesamt 22 Hektar Streuobstwiesen, darunter 18 Hektar am Buckowsee in der Schorfheide. Die Neurüdnitzer Obstwiesen halten 
50 Shetland-Mutterschafe kurz. Sie fressen auch den Apfeltrester. Der scheint ihnen zu bekommen, sonst hätte Christian Filter in diesem Jahr nicht 50 Lämmer gezählt. Die Vermarktung der besonders feinen Wolle dieser alten schottischen Rasse und die Vernetzung von Weiterverarbeitern und Endproduzenten ist eines seiner Projekte für die weitere Zukunft. Aber die hat schon längst begonnen.

Es ist eine Vielzahl von Baustellen, die Christian Filter gleichzeitig bearbeitet. Als Architekt, der einige Jahre in einem Regionalplanungsbüro komplexe Förderprojekte entwickelt hat, sind ihm die Antragslyrik für Förderrichtlinien sowie bau- und planungsrechtliche Rahmenbedingungen vertraut. Der Umbau eines verfallenden Stallgebäudes für die Brennerei, ein Büro, eine Backstube und den Hofladen bekam er aus dem Programm Integrierte Ländliche Entwicklung/Leader der Europäischen Union und des Ministeriums für Ländliche Entwicklung, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg gefördert.

Das war aber der zweite Schritt seines Plans, den er mit dem Erwerb des seit mehreren Jahren unbewohnten Hofes in Neurüdnitz vor zehn Jahren aufstellte. Als Erstes baute er das Bauernhaus für seine Familie – dazu gehören die in Altreetz niedergelassene Landärztin Friedrike Filter und die Kinder Max (11) und Fritzi (2) – aus, dann richtete er ohne Fördermittel die Mosterei in einem maroden Seitengebäude ein. Die gebrauchte Packpresse spürte er über Lieferantenbeziehungen im Raum Stuttgart auf. Sie ist das Herzstück des solide ausgebauten Mostereiraums, der jetzt sauber vorbereitet auf den Ansturm der rund 200 Kunden wartet.

Nur die Außenhülle und das Dach müssen noch saniert werden. Gebrauchte Backsteine und neue Biberschwänze sind neben dem Haus gestapelt, die Steine vor allem für die Hofeinfassung. Der wird nach hinten von den Resten des Scheunenfachwerks begrenzt, in dem eine alte Dreschmaschine steht. Die hat Christian Filter bereits wieder in Gang gebracht. Die Scheune soll in ihren Umrissen auch wieder erstehen. Und der Hof gepflastert, und und und.

Der dritte Schritt des Plans, die Auslagerung der Lohnmosterei in den früheren Dorfkonsum von Altreetz, dieser Schritt sollte eigentlich in diesem Jahr angegangen werden. Der Anlauf dazu war ein Antrag nach dem ILE-Leader-Programm. Doch die Haushaltssperre des Finanzministers erwies sich zunächst als unüberwindbare Hürde.

Christian Filter lässt sich nicht beirren. Langen Atem braucht man im Oderbruch: „Gerade diese flache, weite Landschaft lässt einen Städter wie mich so richtig frei durchatmen.“ Man brauche seine Zeit, bis man im Dorf und bei seinen Einwohnern angekommen sei. Man lebe viel intensiver mit der Natur und den Jahreszeiten als in Berlin-Friedrichshain, von wo aus er mit seiner Frau Friederike einst zu den Kunst-Loose-Tagen ins Oderbruch aufgebrochen war. „Dort haben wir uns in die Landschaft verliebt.“

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