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Protzen ist nicht "Eisenarms" Art

DSTULPEN / 29.08.2008, 17:14 Uhr
Hans-Joachim Engel hatte als Handballer international einen guten Ruf. "Eisenarm" wurde der wurfgewaltige Rechtshänder des ASK und der Nationalmannschaft respektvoll wegen seiner Schnellkraft genannt.

Nach der Wende hat er sich als erfolgreicher Unternehmer und Sponsor von Sportvereinen in der Brandenburger Region einen Namen gemacht. Der Vizepräsident des Frankfurter Stadtsportbundes, der gern auf seinen zweiten Vornamen verzichtet, feiert am Montag 60. Geburtstag.

Nahezu 40 Jahre wohnt und lebt Hans Engel nun schon in der Oderstadt, ist heimisch geworden. In Halberstadt geboren und aufgewachsen, kam er 1966 zur Nationalen Volksarmee der DDR, nach Torgelow. Schon ein Jahr später spielte er in der II. Berliner ASK-Mannschaft, ab 1968 in der "Ersten", die wieder ein Jahr später von Strausberg nach Frankfurt umsiedelte. Die Handballer waren die ersten, bezogen zunächst ihr Übergangsquartier im Grünen Weg, erlebten den Parketteinbau in der Kamieth-Halle mit. Boxer, Judoka, Gewichtheber, Turnerinnen, Radsportler, Ringer und Sportschützen folgten bis 1974, wurden heimisch im neuen ASK-Sportkomplex in Hansa Nord.

Mit dem Frankfurter ASK wurde er DDR-Meister (1974, 1975) und Europapokalgewinner der Landesmeister (1975). Im EC-Halbfinale eliminierten die Schützlinge von Waldemar Pappusch und Manfred Förster in der gefürchteten Kamieth-"Hölle" Cupverteidiger VfL Gummersbach mit dem bissigen Verteidiger und heutigen Bundestrainer Heiner Brand. Im Dortmunder Endspiel wurde Borac Banja Luka aus dem Lande des Olympiasiegers Jugoslawien 19:17 bezwungen. "Wir hatten mit Torhüter Wolfgang Pötzsch sowie Kapitän Joachim Pietzsch, Josef Rose, Dietrich Gläsmann, Wilfried Weber, Dietmar Schmidt, Wolfgang Wolter, Rolf Meier, Hans-Georg Beyer, Jürgen Stojan und Harald Müller eine starke Truppe", erinnert sich Engel, der im Finale zweimal traf. Nach dem SC DHfK Leipzig (1966) war der ASK erst der zweite DDR-Klub, der eine EC-Trophäe gewann.

International brachte es der Linksaußen auf 156 Länderspiele, erzielte 230 Tore. Er war mit der Auswahl Vize-Weltmeister (1974) und WM-Dritter (1978). "Das war für mich was ganz Großes", freut er sich noch heute, obwohl ihm der ganz große Wurf mit WM- und Olympiasieg nicht gelang.

Olympia 1980 in Moskau mit dem großen Coup der kleinen DDR dank eines überragenden Wieland Schmidt über den scheinbar übermächtigen Gastgeber UdSSR verpasste Engel, "wahrscheinlich aus sportpolitischen Gründen", vermutet er. Mit Dietmar Schmidt, Klaus Gruner und Hans-Georg Beyer war der ASK in der Auswahl gut vertreten. "Hans Engel hätte von den Überprüfungswerten eigentlich auch dabei sein müssen, aber die DHV-Verantwortlichen entschieden sich für den Berliner Rainer Höft als einzigen Dynamo-Mann", grummelt Ex-Trainer Waldemar Pappusch (71) heute noch. Engel blieb nach dem Kienbaum-Lehrgang nur die undankbare Ersatzrolle.

Das hat er längst abgehakt, fast auch den beinahe legendär gewordenen Siebenmeter-Fehlwurf im "Klassenkampf-Duell" DDR kontra BRD. Es war am 6. März 1976. In Karl-Marx-Stadt ging es um die Olympia-Qualifikation für Montreal. Das Hinspiel in München hatten die "Bundis" vor 10 500 fanatischen Zuschauern mit 17:14 gewonnen. DHB-Trainer Vlado Stenzel hatte zuvor tief in die Trickkiste gegriffen, einen ungewohnten Nadelfilzbelag verlegen lassen. Damit kamen die Gäste nicht klar. "Das war Klassenkampf auf dem Spielfeld", urteilte hinterher auch der blonde Hüne vom TV Großwallstadt, Kurt Klühspieß. In Vorbereitung auf das "Duell der Systeme" ließ Stenzel nichts unversucht, wie man später erfuhr. Beim Test in Dietzenbach hatte er die Besucher gebeten, sein Team gnadenlos auszupfeifen. Und die Schiedsrichter hatte er aufgefordert, "alles was geht, gegen uns zu pfeifen" - simulierte DDR-Atmosphäre nannte man das.

Nun also das Rückspiel vor 4000 Zuschauern in der umgebauten Eishalle. Die DDR führte 11:8, bekam in der Nachspielzeit einen Strafwurf zugesprochen. Hans Engel, zuvor dreimal vom Punkt erfolgreich, trat erneut an, diesmal zur Entscheidung. Schlussmann Manfred Hofmann taktierte, ließ sich viel Zeit. Engel täuschte erst einen Wurf an, setzte dann das Leder auf das Knie des Großwallstädters. Aus und vorbei der Olympia-Traum für die DDR-Handballer. Für die BRD, die in Montreal Vierter wurde, war es der Aufstieg zur Weltklasse mit dem ersten WM-Titel zwei Jahre später.

"Diese vertane Chance war lange Zeit ein großes Problem für mich, diesen vergebenen Siebenmeter hängt man mir manchmal heute noch an", erklärt Engel freimütig. Aber: "Es war eine gute, insgesamt erfolgreiche Zeit." Auch deshalb, weil die ASK-Handballer immer einen guten Draht zum Publikum hatten, nach Spielen mit den Fans saßen, gemeinsam ein Bier tranken. Populär sind sie bis heute geblieben.

Nach Olympia 1980, nach der aktiven ASK-Zeit war Hans Engel Mannschaftsleiter bis zur Wende. Mit der Abwicklung der NVA wollte sich der Oberstleutnant aber nicht als Stabsfeldwebel für die Bundeswehr rekrutieren oder als Lehrer anstellen lassen. Er ging in die freie Wirtschaft, machte sich im Sportartikelgeschäft selbständig. "In Wendezeiten sah ich das Risiko locker, da war der Start noch um vieles einfacher als heute", urteilt er. Mittlerweile ist er auch als Geschäftsmann in der Bundesrepublik erfolgreich angekommen, beschäftigt fünf Angestellte "zu 11,80 Euro die Stunde und zwei Auszubildende". Er könnte sich ein dickes Prestige-Auto leisten, sagt er, fährt aber immer noch einen älteren VW-Bus. "Das ist praktischer für den Transport und bequemer für meine operierte Hüfte", argumentiert der immer noch drahtige Mann mit der hohen Stirn. Der gelernte Diplom-Sportlehrer und Ingenieur-Ökonom gönnt sich jährlich nur eine Woche Urlaub. Protzen liegt ihm nicht, wichtiger sei ein intakter Freundeskreis. Als Sponsor unterstützt Hans Engel vor allem den Kinder- und Jugendsport, den FHC und auch Kitas. "Junge Leute sollte man nach Talent fördern, nicht nach dem Geldbeutel der Eltern", so eine Maxime.

Sein Wunsch: "Wir müssen es zustande bringen, dass man hier endlich einen starken Fußballverein entwickelt, der Regionalliganiveau hat. Viktoria und Preußen scheinen da auf dem richtigen Fusionswege zu sein."

Geboren am 1. September 1948 in Halberstadt, Diplom-Sportlehrer, Ingenieur-Ökonom (Bauwesen), beim ASK Berlin ab 1966, in Frankfurt seit 1969, spielte bis 1980 in der Oberliga, wurde DDR-Meister 1974 und 1975, EC-Sieger der Landesmeister 1975, 156 DDR-Länderspiele, 230 Tore, Vizeweltmeister 1974, WM-Dritter 1978; ab 1981 Mannschaftsleiter Gewichtheben; ab 1985 Mannschaftslei- ter der Handballer im Range eines NVA-Oberstleutnants, seit 1991 betreibt er ein Sportartikelgeschäft, seit 2007 Vizepräsident des Stadtsportbundes (SSB), verheiratet seit 40 Jahren mit Helena, eine Tochter (Konstanze/39), zwei Enkel

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