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Wriezener Schüler treffen Anne Franks Halbschwester

Sabine Steinbeiß / 28.10.2010, 09:35 Uhr - Aktualisiert 28.10.2010, 12:25
Wriezen (In House) Die Holocaust-Überlebende Eva Schloss hat gestern das Evangelische Johanniter-Gymnasium in Wriezen besucht. Die 81-Jährige erzählte den Acht- und Neuntklässlern von der Flucht ihrer Familie und dem harten Überlebenskampf im Konzentra­tionslager Auschwitz.

„Bis zu meinem neunten Lebensjahr hatte ich eine glückliche Kindheit“, sagt Eva Schloss. Im Klassenraum herrscht Stille. Die Schüler hören der 81-Jährigen gespannt zu. Die Familie Schloss lebte seit vielen Generationen im österreichischen Wien. Bis Hitler mit seiner Armee 1938 ins Land einmarschierte. Damit begannen die Repressalien gegen die Juden. „Eines Tages kam mein zwölfjähriger Bruder mit blutigem Gesicht aus der Schule“, erzählt Eva Schloss. Die eigenen Freunde hätten ihn verprügelt, die Lehrer dabei nur zugeschaut.

Der Vater ahnte die Entwicklung und ging nach Holland. Eigentlich wollte er die Familie nachholen. Aber für Emigranten gab es kein Visum mehr. Die Familie kam nur bis Belgien. „Zehn Mark und einen kleinen Koffer durfte man mitnehmen, mehr nicht“, erklärt die Holocaust-Überlebende den jungen Zuhörern. Sie erntet ungläubiges Kopfschütteln.

Bis Februar 1940 hielt diese Zerrissenheit an, dann konnte die Familie mit einem Touristenvisum dem Vater nachreisen. Sie kann sich noch ganz genau an die Begegnung mit einem Mädchen erinnern. Beim Spielen traf sie Anne Frank. Diese sagte zu der kleinen Eva, dass sie mit zur ihrer Familie kommen könne, dort werde Deutsch gesprochen. „Ich konnte nur wenig Holländisch und war froh über die neue Freundschaft.“ Doch diese währte nicht lange, denn wenige Monate später, im Mai 1940, überfiel die Hitler-Armee auch diesen Staat.

Familie Schloss wollte nach England fliehen. Sie bekamen jedoch kein Schiff mehr. Die vierköpfige Familie musste sich den Regularien unterwerfen: einen gelben Stern an der Kleidung tragen, den Kopf vor anderen Menschen senken, nur zu bestimmten Zeiten einkaufen gehen und nicht die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. „Das hat uns nicht so gestört, hatten wir doch Fahrräder. Doch diese wurden kurze Zeit später eingezogen“, erklärt Eva Schloss.

Warum sei sie als Jüdin erkannt worden, wollte ein Schüler wissen. „Im Pass war ein J eingestempelt. Jede jüdische Frau bekam von Amts wegen einen weiteren Vornamen zugewiesen: Sara. Jeder Mann musste zusätzlich den Namen Israel tragen“, antwortet die 81-Jährige.

Dann ging die Familie in den Untergrund. In sieben verschiedenen Verstecken lebten die Vier zwei Jahre lang in Angst, ehe sie durch eine holländische Krankenschwester verraten wurden. Die Gestapo holte die Familie ab. „Mit Schlägen versuchten sie, etwas aus mir herauszubekommen“, erinnert sich Eva Schloss. In Viehwagen wurden sie gen Osten transportiert. Als die Tür nach drei Tagen aufging, waren sie im Konzentrationslager Auschwitz angekommen. Dort wurde die Familie getrennt. „Ich habe meinen Bruder und meinen Vater nie wieder gesehen.“

Die Mutter rettete ihre Tochter vor den Gaskammern, indem sie ihr den Hut und Mantel anzog. So wurde die kleine Eva nicht durch Dr. Mengele aussortiert. „Die Zeit im Lager war sehr sehr hart“, sagt Eva Schloss. Mutter und Tochter überlebten das Inferno. Nach der Flucht erst gen Osten nach Odessa am Schwarzen Meer, ging es nach Kriegsende über Frankreich nach Holland zurück. Dort trafen sie auf Otto Frank, dem Vater ihrer Freundin Anne. Er hatte seine ganze Familie verloren. „Ich war froh, dass ich wenigstens noch meine Mutter hatte.“

Otto Frank besuchte die beiden sehr oft in Amsterdam. Eines Tages hatte er ein braunes Päckchen dabei: das Tagebuch seiner Tochter Anne Frank. „Er wollte es erst gar nicht veröffentlichen“, weiß Eva Schloss. Später heirateten er und ihre Mutter. Sie selbst lebt seit vielen Jahren in London.

Bis in die 80er-Jahre konnte sie über das Erlebte nicht sprechen. „Dann habe ich angefangen und kann seither nicht mehr aufhören“, sagt sie mit einem kleinen Schmunzeln. Ihr liegt es sehr am Herzen, dass sich solch Geschichte nicht wiederholt.

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