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13 Kriegstote in Klessin gefunden

Ines Rath / 01.11.2010, 17:40 Uhr - Aktualisiert 01.11.2010, 20:19
(In House) Die Suchtrupps des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO) waren am Sonnabend, kurz vor 12 Uhr, kaum zwei Stunden vor Ort, als eine der Tiefensonden, mit denen die Vereinsmitglieder den abgeernteten Acker an der Klessiner Kreuzung absuchten, anschlug. Der Minibagger, der zur Ausstattung der ehrenamtlicher Berger gehört, begann daraufhin, vorsichtig das Erdreich an dieser Stelle auszuheben. Das Loch war etwa 70 Zentimeter tief, als die ersten Knochen zum Vorschein kamen.

An dem Punkt begann die Handarbeit: Mit Pinseln, Bürsten und Spateln ausgestattet, stiegen drei VBGO-Mitglieder in die Grube, um die Gebeine des Toten zu bergen. Sie kamen in einen der kleinen, schwarzen Papp-Sarkophage, in denen die sterblichen Überreste Kriegstoter beigesetzt werden.

Vorsichtig, aber routiniert, legt Thomas Schütt den Schädel des Toten frei. Der Mann aus Hamburg ist von Beruf Bundespolizist. „Unter unseren Mitgliedern hier sind ein Bäcker, ein Postbote, zwei Polizisten, ein Archäologe, ein Förster, ein Gerichtsmediziner“, nennt Albrecht Laue einige Professionen der ehrenamtlichen Berger. Der Vereinsvorsitzende selbst, auch ein Hamburger, ist selbständiger Kaufmann.

Die rund 25 Mitglieder des Vereins, die an der Klessiner Aktion beteiligt sind, kommen aus ganz Deutschland, aus Holland und der Schweiz. Doch die Suche ist noch internationaler: „Wir haben diesmal sowohl Mitglieder aus unserer polnischen Partnerorganisation „Pomorze“ als auch von der russischen Organisation „Raid“, die nach Kriegstoten sucht, dabei“, berichtet Albrecht Laue.

Unter den zehn polnischen Helfern ist Dr. Andrzej Ossowski, ein Gerichtsmediziner aus Stettin. „Er hilft uns, Geschlecht und Alter der Toten zu bestimmen“, erklärt der VBGO-Vorsitzende.

Und noch einen ehrenamtlichen Helfer hebt er hervor: Den Mitarbeiter der Munitionsbergungsfirma Röhl. „Den brauchen wir, falls wir auf Munition stoßen. Die muss ja fachgerecht geborgen und entsorgt werden“, erklärt Laue.

Während der erste Tote geborgen wird, suchen andere Trupps auf dem mit rot-weißem Flatterband abgesperrten Suchfeld weiter. Auch Kristina Timokhina und Anton Torgashev sind mit einer Tiefensonde auf der Suche.

„Wir arbeiten seit neun Jahren vor allem im Raum Smolensk-Leningrad“, erklärt Kristina. Sie ist Mitglied der Organisation „Raid“. „Wir finden russische und deutsche Soldaten. Oft sind sie nicht zu identifizieren, weil sie weder eine deutsche Erkennungsmarke noch ein russisches Medaillon tragen“, sagt die Russin. Sie ist zum ersten Mal im Oderbruch, erfährt mit Interesse von der Bedeutung der Region für das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Albrecht Laue und seine Mitstreiter hingegen kommen regelmäßig hierher. „Wir suchen auf der Grundlage alter Luftbilder, die zum Kriegsende aufgenommen worden sind“, erklärt der VBGO-Vorsitzende. Von denen weiß er, dass just im Kreuzungsbereich zwischen der Klessiner Straße und dem Altklessiner Weg einst die Hauptkampflinie im Klessiner Kessel verlief. „Hier sind allein rund 300 deutsche Soldaten gefallen. Die wenigsten von ihnen sind bislang gefunden worden. Bei der Munitionssuche im Vorfeld des Straßenbaus hat man vor einigen Jahren gleich sieben Tote direkt vor dem Wohngrundstück dort drüben gefunden“, erzählt der Hamburger.

„Loben Sie die Leute, die das hier ehrenamtlich machen“, bittet Heinz Mutschinski. Der 85-jährige Zeitzeuge ist wieder aus Zeuthen nach Klessin gekommen, wo er zum Kriegsende gekämpft und viele Kameraden verloren hat.

Seit der Gründung des Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa haben dessen Mitglieder rund 6000 Kriegstote geborgen. Unter anderem in Russland, Lettland, Polen und der Ukraine. Der Verein startet jährlich zehn bis zwölf Sucheinsätze.

In Klessin wurden diesmal 13 deutsche Kriegstote gefunden, sechs davon mit Erkennungsmarke. Ihre letzte Ruhe finden die Toten auf dem Lietzener Soldatenfriedhof. „Wir arbeiten gut mit dem Volksbund zusammen“ betont Laue, der mit dem Suchergebnis sehr zufrieden ist. Dann hat der VBGO-Vorsitzende noch eine Bitte an die Bewohner der Region: „Wir sind an Informationen über mögliche Grablagen deutscher und russischer Kriegstoter interessiert“, sagt Albrecht Laue.

Telefon: 040 85 41 89 70

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