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Requiem für eine Jüdin in Storkow

Mauern atmen Geschichte: Berna Kühne-Spicer zeigt den Durchgang zur Wohnung im alten Werkstattgebäude, in der die Familie ihres Onkels vermutlich zwei Jahre lang eine jüdische Frau vor den Nazis versteckte.
Mauern atmen Geschichte: Berna Kühne-Spicer zeigt den Durchgang zur Wohnung im alten Werkstattgebäude, in der die Familie ihres Onkels vermutlich zwei Jahre lang eine jüdische Frau vor den Nazis versteckte. © Foto: MOZ/Jörn Tornow
Iris Stoff / 23.11.2010, 08:04 Uhr
Storkow (In House) Am Sonnabend findet auf der Burg Storkow ein Klezmer-Konzert statt. Dann wird auch Berna Kühne-Spicer auftreten. Ihr Lied ist es einer jungen jüdischen Frau gewidmet, die während der Nazi-Zeit für zwei Jahre in dem Haus versteckt wurde, in dem sie heute lebt. Berna Kühne-Spicer hat die Geschichte aufgeschrieben:

Ihr Name war Dorothea Herzberg, und Paul Kühne jr. aus Storkow in der Mark liebte sie. Sein Vater, Paul Kühne sr., war zunächst Seilermeister gewesen, wie über Jahrhunderte hinweg fast alle Kühne-Söhne in Storkow, sattelte dann aber um auf Kaufmann. Paul Kühne jr. machte in Berlin das Abitur und studierte dann Medizin. Wie und wo er seine „Thea“ kennen lernte, ist nicht bekannt. Überhaupt ist die ganze Geschichte lediglich durch einander ergänzende Zeugenaussagen belegt. Jedenfalls aber waren die Zeiten schlecht für die Liebe von Paul und Thea, denn man schrieb das Jahr 1941.

Wie so vielen Berliner Juden, die noch nicht geflohen waren, drohte auch Thea Herzberg das Konzentrationslager. Paul brachte sie zu seinen Eltern nach Storkow, wo sie möglicherweise in der ungenutzten Gesellenwohnung im Werkstattgebäude auf dem Hof von Markt 32 wohnte – bis 1943 ruchbar wurde, dass die Kühnes eine Jüdin bei sich versteckten.

Ab Sommer 1943 wird die 25-jährige Thea in Berlin-Hermsdorf beim Ehepaar Bernhard Heß und Dorothea Heß, geb. May versteckt. Sie wird als Frau Kühne, eine Verwandte, ausgegeben. Als das Institut, für das der Physiker Heß arbeitet, im Herbst nach Thüringen verlegt wird, geht seine Frau mit ihm, und Thea wohnt von nun an allein in den zwei kleinen Zimmern. Paul Kühne jr. kommt regelmäßig nach Hermsdorf, um nach seiner Liebsten zu sehen.

Monatelang übersteht „Frau Kühne“ einen schweren Luftangriff der westlichen Alliierten auf Berlin nach dem anderen. Den Tagesangriff am 5. Dezember 1944 überlebt sie nicht. Das Haus wird getroffen. Nach dem Angriff findet man sie unversehrt, aber tot, im Keller auf den Kohlen sitzend. Sie muss vor Angst gestorben sein.

Es ist überliefert, dass ihre Leiche nach Storkow überführt wurde. Die Kühnes vom Markt haben auf dem Storkower Friedhof für ein zwar christliches, aber eben würdevolles Begräbnis gesorgt. Schriftliche Belege dafür sind noch keine bekannt, wie für die ganze Geschichte nicht. Es ist bisher kaum mehr als eine ergreifende Legende, von welcher wir durch Dorothea Heß, geb. May, erfahren haben. Die alte Dame erkundigte sich 2007 über ihre Betreuerin bei meinem Vater, was aus dem Arzt Paul Kühne aus Storkow geworden ist.

Paul Kühne jr. heiratete im Sommer 1945 eine weißrussische Deutsch-Jüdin, die als Dolmetscherin an der Humboldt-Universität in Berlin arbeitete. Thea Heß hat sie kurz nach der Hochzeit der Kühnes getroffen und konnte es daher bezeugen, denn sie kannte beide Frauen. Ilse und Käte, seine Schwestern, betrieben bis 1978 Am Markt 32 ein Textil- und Kurzwarengeschäft, an das viele Storkower sich noch gut erinnern können.

Ich bin eine Großnichte von Paul Kühne jr. und wohne seit einigen Monaten in diesem Haus.Der Rest des alten Werkstattgebäudes, in dem Thea Herzberg vermutlich zwei Jahre versteckt worden war, ist mittlerweile so verfallen, dass es nur noch abgerissen werden kann. Aber wenn ich über den Hof gehe, denke ich oft an Paul und Dorothea und an ihre chancenlose Liebe. Sicher wäre Dorothea nach dem Krieg gern Pauls Frau und Mutter seiner Kinder geworden. Und bestimmt wäre sie eine richtige „jiddische Mame“ gewesen. Es gibt ein wunderschönes Lied darüber. Es heißt „A jiddische Mame“. Sonnabend werde ich dieses Stück singen und es Dorothea Herzberg widmen, einer jiddischen Mame, die keine werden durfte.

Harry´s Freilach – Klezmermusik vom Feinsten: Sonnabend, 27. November, 19 Uhr, großer Burgsaal, Eintritt: 10 Euro

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