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Hörstationen an 15 Orten

Harriet Stürmer / 30.11.2010, 19:43 Uhr - Aktualisiert 01.12.2010, 08:28
Berlin (In House) Das Audio-Projekt „Stimmen in der Stadt“ trägt bis zum 8. Dezember an 15 Orten Berlins die Lebensgeschichten von HIV-Patienten in die Öffentlichkeit. Die Lautsprecher-Installationen sind unter anderem am Nollendorfplatz, am Planufer und am Bahnhof Friedrichstraße installiert.

Jan (25) ist seit seiner Geburt HIV-positiv. Jahrelang hat er seiner Mutter deshalb Vorwürfe gemacht. Er hat ihr die Schuld daran gegeben, dass er krank ist, vor allem aber, dass er diese Tabletten nehmen muss. In manchen Phasen nahm er Tabletten, die er nur zerkaut runterschlucken konnte. „Danach ging es mir immer so dreckig, dass ich mich direkt übergeben habe“, erzählt Jan. Er weiß nicht, wie sich seine Mutter angesteckt hat. Sie war drogenabhängig, hat Heroin gespritzt, vielleicht ist es ja dabei passiert. Die Infektionsgefahr durch unsaubere Spritzen ist hoch. Sie hat ihm gesagt, dass es bei der Arbeit passiert ist. Als Arzthelferin hatte Jans Mutter früher mit Blut zu tun. „Ob es so ist, weiß ich nicht“, sagt Jan. „Was soll ich machen? Sie ist meine Mutter, da muss ich ihr vertrauen.“ Seit er 17 oder 18 ist, macht er ihr keine Vorwürfe mehr. Damals habe er kapiert, dass ihre Infektion auch „ein Zufall“ gewesen sein kann.

Jan ist einer von sechs HIV-positiven beziehungsweise aidskranken Berlinern, deren Lebensgeschichten zurzeit an 15 öffentlichen Orten in Berlin zu hören sind. Die Stimmen klingen 24 Stunden am Tag in Endlosschleife aus Lautsprechern, die an Lichtmasten etwa vier Meter über dem Boden montiert sind. Ein rundes rotes Logo hängt auch immer dran und klebt zudem auf dem Gehwegpflaster. Das Logo steht für das Audio-Projekt „Stimmen in der Stadt“, initiiert zum heutigen Welt-Aids-Tag. Wer mag, kann stehen bleiben und den in den Jahren 2006 bis 2010 Interviewten einfach zuhören. Ihre Stimmen reihen sich in jeweils fünfminütigen Sequenzen aneinander.

Auf die Idee mit den Hörstationen sind der Kulturwissenschaftler Martin Kostezer und Christoph Weber, Arzt im Berliner Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum, gekommen. „Es entstanden Lebensgeschichten, die von Diskriminierung und Ängsten berichten, aber auch vom Wissen um den Wert von Lebensqualität“, sagt Weber. Alle Protagonisten hatten oder haben immer noch mit ihrer HIV-Infektion schwer zu kämpfen. Manche machen sich Gedanken über ihre schwindende Sexualität – wie Gerd (Jahrgang 1959, im Herbst 2008 gestorben). „Ich nehme mich als sexuell unattraktiv wahr, als irgendwie nicht mehr dazugehörig. Ich wandle oft wie so ein Fremder über diese Welt“, sagt er. Anneliese (Jahrgang 1940), die sich vermutlich bei einer Vergewaltigung infiziert hat, hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Nach der Diagnose sei lange nichts mehr mit Sexualität gewesen. „Aber mein Mann war sehr geduldig mit mir, bis da wieder was klappte“, sagt sie. „Aber eins ist geblieben, ich konnte nicht mehr küssen.“

Andere erzählen, dass sie ihre sozialen Kontakte verloren haben und kaum noch die Wohnung verlassen. So geht es auch Jan. Irgendwann ist er in ein tiefes Loch gefallen, hat sich in seinen vier Wänden verkrochen und seine Arbeit verloren. Nun lebt er wieder bei seiner mittlerweile schwerkranken Mutter. Er will ihr dabei helfen, dass sie ihre letzten Jahre gut leben kann. Vor allem aber möchte er wieder arbeiten und soziale Kontakte knüpfen. „Nein, aufgegeben habe ich nicht. Ich habe noch so viel vor“, sagt er.

www.stimmeninderstadt.de

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