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400 Kilometer durchs ewige Eis

Janet Neiser / 21.12.2010, 17:17 Uhr
(In House) Peitschender Wind, Temperaturen von minus 40 Grad Celsius, kein Baum, keine Stadt, mehr Pinguine als Menschen, Schnee, Eis und Stille. Das ist die Antarktis, die größte Gefriertruhe der Erde. Genau dort erlebt die gebürtige Eisenhüttenstädterin Claudia Beitsch das Abenteuer ihres Lebens. Ausgestattet mit Skiern und einem 60 Kilogramm schweren Schlitten, auf dem alles zum Überleben verstaut ist, will die 30-Jährige den Wettlauf zum Südpol gewinnen – 99 Jahre nach Roald Amundsen. Der Norweger eroberte den südlichsten Erdzipfel am 14. Dezember 1911 und besiegte den Briten Robert Falcon Scott.

Claudia Beitsch kämpft sich aber nicht allein durch den weißen Kontinent, sondern mit ZDF-Moderator Markus Lanz, Sänger und Extremsportler Joey Kelly sowie Triathlet Dennis Lehnert. Die Vier treten gegen ein österreichisches Team an, das von Skilegende Hermann Maier angeführt wird. 400 Kilometer müssen die Acht bis zum Pol auf Skiern zurücklegen. Menschen werden sie keine treffen. Der 14 Millionen Quadratkilometer große und bis 4000 Meter dicke Eispanzer der Antarktis ist unbewohnt. Lediglich an den Forschungsstationen trifft man auf Wissenschaftler.

„Genau kann man nicht sagen, wann wir das Ziel erreichen. Wenn ein Sturm dazwischenkommt, sitzen wir länger fest“, erzählt die junge Frau, die in Pohlitz bei Eisenhüttenstadt aufgewachsen ist und seit vier Jahren im bayerischen Rosenheim lebt und arbeitet. Fest steht nur, dass die Expedition eine Grenzerfahrung für Körper und Geist wird – nicht nur wegen des Polarklimas. Toilette, Dusche, Heizung, Handy? Fehlanzeige. Stattdessen gibt es laut Claudia Beitsch ein „Schippchen“, Feuchttücher, Spezial-Klamotten, Bewegung und ein einziges Satellitentelefon fürs Team.

Offizieller Start des Wettlaufs ist am Montag. Da werden die Läufer mit einem Flugzeug 1200 Kilometer ins Landesinnere zur Startlinie gebracht. Schon Anfang der vergangenen Woche sind sie von der russischen Station Novo aus zu einem siebentägigen Marsch aufgebrochen, um sich an das Klima zu gewöhnen. Auf dem Weg über die Berge und Gletscher des Königin-Maud-Landes auf das arktische Plateau sinkt die Temperatur bis auf minus 25 Grad – ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt.

„Wir schleppen alles mit, was wir brauchen: Kleidung, Benzin für den Kocher und Expeditionsfutter“, sagt Claudia Beitsch und erklärt, was auf dem Speisezettel steht: neben Nüssen, Schokolade und Gummibärchen vor allem gefriergetrocknete Nahrung. „Da kippst du Wasser drauf, das du aus Schnee geschmolzen hast, lässt es zehn Minuten stehen und dann kannst du’s essen.“ Bei einem Trainingscamp in Norwegen gab es vegetarische Nudeln, Nudeln mit Käsesoße, Nudeln mit Hühnchen und – man höre und staune – Nudeln mit Rindfleisch. „Einige Sorten schmecken ganz gut!“, findet die Diplomingenieurin für Biotechnologie.

Geschmack gefunden hat sie auch an ihrem Team. „Die sind alle nett.“ Bei Joey Kelly, der Deutschland zuvor zu Fuß durchquert habe, sei der Akku zwar etwas leer gewesen. Sorgen macht sich Claudia Beitsch deshalb aber nicht. „Der Joey ist ein Tier. Der kennt seinen Körper. Das ist für den kein Problem.“ Marathonmann Kelly liebt Extreme. Er rannte schon durch die Sahara, den Dschungel Brasiliens und Alaska.

Auch Markus Lanz, der etliche Expeditionen durch Grönland gemacht hat, bezeichnet den Sänger als Traumpartner für die Tour. „Er wird derjenige sein, der das letztendlich packen muss. Und wir anderen müssen versuchen, hinterherzukommen“, sagt der Moderator.

Lobende Worte findet er auch für Claudia Beitsch, die zu 9000 Bewerbern für den von ZDF und ORF initiierten Wettlauf gehörte. 60 schafften es zu diversen Ausdauertests. Dann wurde weiter ausgesiebt. „Claudia hat etwas, was andere Athleten auf dem Niveau oft vermissen lassen: Sie ist unglaublich stark und dabei sehr humorvoll“, betont Lanz. Er und Kelly entschieden sich nach dem letzten Aufstieg am Alpengletscher Kitzsteinhorn im September für die gebürtige Eisenhüttenstädterin als Teamgefährtin.

Kurz darauf schickte die einzige Frau im deutschen Quartett eine SMS auf das Handy ihrer Mutter. Darin stand nur: „Südpol“. „Nee oder?, hab’ ich gedacht“, erinnert sich Martina Beitsch. „Das ist schon ein wenig komisch. Aber die werden ja rund um die Uhr betreut“, sagt sie und spricht das Ärzteteam an, das stets in Reichweite der Teams sein wird. Schließlich soll das Abenteuer nicht so tragisch enden wie beim Engländer Scott und seinen Begleitern. Die starben 1912 auf dem Rückweg vom Südpol an Unterkühlung und Unterernährung.

Wolfgang Beitsch ist stolz und zugleich erstaunt, dass seine Tochter durch die Antarktis stiefelt. Schließlich fasste sie den Entschluss dazu eher aus einer Laune heraus, einen Tag vor Anmeldeschluss, nachdem sie im Radio von dem Wettlauf gehört hatte. „Das probiere ich mal“, sagte sie sich da. Auf die Frage nach dem Warum, antwortet sie: „Spaß am Leben und an Abenteuern.“ Ihr Vater ist überzeugt: „Das ist alles reine Kopfsache. Körperlich fit ist sie.“ Ansonsten hätte die zierliche Blondine im Vorfeld kaum den fünfstündigen Leistungstest bei minus 35 Grad in der Kältekammer überstanden. Sportlich sei sie schon als Kind gewesen, versichert Wolfgang Beitsch.

Zum Ausdauersport aber kam sie erst durch ihren Freund in Rosenheim. Sie jogge gern, fahre Mountainbike und mache Bergtouren, erzählt Claudia Beitsch, die nach ihrem Abitur am Neuzeller Gymnasium Biotechnologie studiert hat und nun Drogentests für die Polizei entwickelt. Quer durch die Antarktis – das ist jedoch ein sportlicher Quantensprung. „Richtig trainieren kann man das nicht“, sagt sie. Man versuche im Vorfeld lediglich, fit zu bleiben durch Joggen und Berggehen. „Empfohlen hat man uns, einen 20-Kilogramm-Reifen um die Hüfte zu schnallen und den zu ziehen, um den unteren Rücken im Hinblick auf den Schlitten zu trainieren.“ Außerdem sei sie mit einem Mountaincart – einer Art Dreirad zum Rodeln – und 50 Kilo Streusalz im Schlepptau gejoggt.

Chancen auf den Sieg hat jedes Team, da ist sich die Familie in Pohlitz sicher. „Die haben den Herminator und wir Joey“, sagt Claudia. Und bei der Kampfansage von Kelly kann eigentlich nichts mehr schiefgehen: „Wenn unsere Leute schlappzumachen drohen, hole ich einfach einen unserer alten Kelly-Titel hervor und fange an zu singen.“ Doch egal, ob oder wie viel er singen muss, Weihnachten fällt diesmal aus. Erstmals wird Claudia Beitsch Heiligabend nicht mit ihrem Bruder und den Eltern unterm geschmückten Christbaum sitzen. „Das ist ein normaler Marschtag“, sagt sie. „Geschenke gibt es nicht. Solche Mätzchen fangen wir nicht an.“ Sie werde sich höchstens beim Kochen eine kleine Besonderheit einfallen lassen.

Welche, das wird man vielleicht später im Fernsehen sehen. Denn ein Kamerateam ist bei der Antarktis-Expedition dabei. ZDF-Historiker Guido Knopp hatte die Idee, den historischen Wettlauf zum Südpol zu wiederholen – diesmal als Rennen zwischen Deutschland und Österreich. Voraussichtlich im März soll der Film in mehreren Teilen ausgestrahlt werden. Den Siegern winken übrigens keine wertvollen Preise, nur das Gefühl, die Antarktis bezwungen zu haben. Claudias Ziel ist es, noch 2010 am Südpol anzukommen, dann wird sie auch die Fahne der Gemeinde Siehdichum hissen, zu der Pohlitz gehört. Die hat die junge Frau extra im Gepäck verstaut. „Erwartet werden wir aber erst am 1. oder 2. Januar “, sagt sie. Das wäre noch immer rechtzeitig, um die Sektkorken knallen zu lassen. Denn am 2. Januar 2011 wird Claudia Beitsch 31 Jahre alt. „Ich wollte schon immer mal woanders feiern“, sagt sie und lächelt – ein Siegerlächeln.

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