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Stadtverwaltung auf Tauchstation

In luftiger Höhe: Feuerwehrleute befreiten in der Schönower Chaussee Balkonüberdachungen vom Schnee.
In luftiger Höhe: Feuerwehrleute befreiten in der Schönower Chaussee Balkonüberdachungen vom Schnee. © Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Britta Gallrein und Sabine Rakitin / 30.12.2010, 08:46 Uhr - Aktualisiert 30.12.2010, 11:58
Bernau (In House) Die Brüderstraße ist momentan ein besonderer Brennpunkt in Bernau. Da dort immer Autos parken, kann der Winterdienst nie richtig räumen. Deshalb entschloss sich die Verkehrsbehörde, für die Zeit mit viel Schnee ein Parkverbot einzurichten. Doch daran hielt sich bislang kaum jemand. Immer noch wird munter rechts und links der Straße geparkt, was das Befahren der Straße schon für Pkw schwer macht. Für einen Lkw-Fahrer erwies sie sich gestern als unüberwindbares Hindernis.

Er wollte in den Morgenstunden die Straße befahren, doch die war einfach zu schmal für seinen 18-Tonner. Der Lkw touchierte eines der am Rand parkenden Autos und fuhr sich dann regelrecht fest. Als der Fahrer bemerkte, das er weder vor- noch zurückfahren konnte, wandte er sich an die Polizei. Die eintreffenden Beamten stellten schnell fest: Die parkenden Autos müssen weg, sonst kommt der Lkw nicht durch. Sie wollten das Bernauer Ordnungsamt informieren, das für den ruhenden Verkehr zuständig ist. „Doch als wir da angerufen haben, haben wir erfahren, dass die alle im Urlaub sind. Vom Ordnungsamt war also niemand erreichbar“, schildert Polizei-Pressesprecherin Martina Schaub die Situation.

Auch Michael Hellmund, SPD-Stadtverordneter und Inhaber eines Supermarktes in der Brüderstraße, wandte sich gestern Vormittag vergeblich an die Stadtverwaltung. „Der einzige, der zu erreichen war, war der Bauhofchef“, erzählte er. „Und der war natürlich mit der Situation total überfordert.“

„Das kann doch alles nicht wahr sein“, zeigte sich Hellmund fassungslos. Dass Verwaltungen zwischen den Feiertagen mit einem stark reduzierten Personalbestand arbeiten würden, sei ja nicht neu. Dass sich aber ein ganzes Rathaus in den Urlaub verabschiede und der Bürgermeister es nicht mal für nötig erachte, einen Bereitschaftsdienst innerhalb der Führungsspitze zu organisieren, sei ein Skandal – „erst recht in einem solchen Ausnahmewinter“, wetterte er.

„Ich bin sprachlos“, war der Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses, Norbert Hollmann (Linke), geschockt, als er von den Zuständen in Bernau erfuhr. „Es kann doch nicht sein, dass nicht mal das Ordnungsamt besetzt ist“, grübelte er. Angesichts des leeren Rathauses und des in diesem Jahr schlecht funktionierenden Winterdienstes ist für ihn klar, dass das Thema in die Stadtverordnetenversammlung und ihre Ausschüsse gehört. „Da wird es sicher eine fraktionsübergreifende Initiative geben“, vermutete Hollmann gestern.

In der Brüderstraße hatte die Polizei mangels städtischer Bereitschaft die Beseitigung des Chaos inzwischen selbst in die Hand genommen. „Neun Autos standen im Weg. Vier der Halter konnten wir erreichen, die haben ihre Autos schnell weggefahren. Um die Besitzer der anderen fünf Autos zu ermitteln, haben die Kollegen an allen Türen der Umgebung geklingelt und schließlich konnten noch vier weitere Halter ermittelt werden, die ihre Autos selbst weg gefahren haben. Nur ein Auto musste am Ende umgesetzt werden“, schildert Martina Schaub den Aufwand der Polizeibeamten.

Insgesamt fast vier Stunden dauerte die Befreiungsaktion für den Lkw in der Brüderstraße. Vier Polizisten waren vor Ort im Einsatz, ein fünfter im Innendienst damit beschäftigt. Nach einer neuen Gebührenordnung, die derzeit gerade für die Brandenburger Polizei erarbeitet wird, würden pro Beamter – je nachdem, ob er zum mittleren, höheren oder gehobenem Dienst gehört – Stundensätze zwischen 35 und 65 Euro fällig. Glück für das Bernauer Rathaus, dass die Gebührenordnung noch nicht in kraft ist. . .

Gegen 12 Uhr dann der nächste Alarm: In den Wohnblöcken an der Schönower Chaussee war das Dach über einem Balkon unter der Schneelast zusammengebrochen und auf den Balkon gestürzt. Polizei und Feuerwehr waren kurze Zeit später vor Ort. Schnell war klar: Auch die anderen Balkonüberdachungen könnten zusammenbrechen, einige Schrauben hatten sich bereits leicht gelöst. Feuerwehren aus Bernau, Ladeburg und Schönow machten sich auf einer Drehleiter an die Arbeit, den Schnee zu beseitigen. Andere Feuerwehrleute seilten sich vom Dach aus an den Hauswänden ab. „Wir sind aber nur zur akuten Gefahrenbeseitigung da“, klärt ein Feuerwehrmann auf. „Normalerweise sind die Hausverwaltungen zuständig.“

Zuvor hatten die Bewohner jedoch auch ihren Teil zum Gelingen des Vorhabens beizutragen. Damit die schweren Feuerwehrautos in Stellung gebracht werden konnten, mussten sie ihre Fahrzeuge aus der Gefahrenzone bringen.

In der benachbarten Karl-Marx-Straße erwies sich die Befürchtung, dass Schnee die Balkonüberdachungen zum Einsturz bringen könnte, als unbegründet. Wobau-Chef Jens Heßler ließ Feuerwehr und Polizei wieder abrücken, nachdem er die Balkons seiner Mieter in Augenschein genommen hatte. „Da liegen fünf bis zehn Zentimeter Schnee auf den Balkons. Es besteht keine Gefahr für Leib und Leben. Deshalb brauchen wir keine Feuerwehrleute, um den Schnee zu räumen. Die haben bei dem Wetter ohnehin genug zu tun“, sagte er. Bereits zweimal in dieser Woche hatte er die Feuerwehr rufen lassen, um riesige Eiszapfen an Gebäuden der Wobau entfernen zu lassen.

Böse Zungen behaupten ja, die Bernauer Stadtverwaltung habe dicht gemacht, weil sie mangels funktionierenden Winterdienstes ohnehin nicht ins Rathaus komme. Nun ja, theoretisch wäre das eine Erklärung.

Praktisch allerdings ist eher zu vermuten, dass Bürgermeister Hubert Handke in den vielen Jahren seiner Amtszeit eines vergessen hat: Er und seine Mitarbeiter stehen im Dienste der Stadt und ihrer Bewohner – nicht umgekehrt.

Privat vor Katastrophe“ – das Motto gilt für Dienstleister nicht. Wer das nicht gelten lassen kann oder will, der muss damit rechnen, dass er eines Tages wirklich nur noch Privatmann oder -frau ist. 
 Sabine Rakitin

Nicht nur das Winterchaos hat Bernau derzeit fest im Griff. Zu den Problemen auf der Straße kommt noch ein zweites: Die Bernauer Stadtverwaltung hat sich zwischen den Tagen fast komplett in den Urlaub verabschiedet. Lediglich Standesamt und Winterdienst sind erreichbar, ansonsten herrscht in allen Ämtern gähnende Leere. Nicht einmal ein Notdienst ist eingerichtet. So versuchte auch die Polizei gestern vergeblich, das Ordnungsamt zu erreichen, als sich ein Lkw in der Brüderstraße festgefahren hatte und parkende Autos seine Bergung verhinderten.

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Günter 30.12.2010 - 15:07:30

Aufregung unverständlich

Wozu die Aufregung - die Bürger sind doch selber schuld, sie haben doch den Bürgermeister mehrheitlich gewählt. " „Da wird es sicher eine fraktionsübergreifende Initiative geben“, vermutete Hollmann gestern." Was soll dabei rauskommen ???

Dr. Frank Valentin 30.12.2010 - 11:24:37

Das Rathaus ist dann eben mal weg

Nachdem sich die Bernauer Bürger schon seit Beginn des diesjährigen Wintereinbruchs mit seinem angemessenem Schneefall mit der Frage beschäftigen müssen, welchen Unterschied es zwischen der Berliner S-Bahn und dem Bernauer Straßenwinterdienst gibt (Antwort: Es gibt keinen. Beide sind planlos, kommen sporadisch, fahren ziellos hin und her und kosten eine Menge Geld) sind unser Bürgermeister und die ihn umkreisenden Planeten kurzerhand im Urlaub. Auch Napoleon begleitete ja schließlich seine Truppen nur bis Moskau, den verlustreichen Rückzug durch die Unbilden des russischen Winters mussten sie dann schon allein hin bekommen. Der Kaiser war da schon längst wieder im schönen, frühlingshaften Paris. Dass der einzig verfügbare Bernauer Amtsleiter - der zum Feiertagsdienst verdonnerte Bauamtsleiter - keine Entscheidungen treffen kann oder darf- verwundert dann auch niemanden mehr. Das liegt stadtbekanntem Leitungsstil im Bernauer Rathaus Allerdings ist die Aufregung über den samt Kamarilla in der Versenkung verschwundenen Bürgermeister nicht wirklich zu verstehen: Schließlich sind die wirklich wichtigen Bernauer Amtsgeschäfte schon längst von entsprechenden Staatsanwaltschaften und der Kommunalaufsicht des Landkreises übernommen worden. Und irgendwann muss sich der Bürgermeister ja auch vom Stress bei den vielen komplizierten Immobiliengeschäften erholen...

agnes 30.12.2010 - 11:12:23

immer mehr Parkplätze sind nicht nutzbar

Warum wird die Beachtung der Verkehrszeichen, die im Sommer für die Straßenreinigung gilt, nicht auch im Winter durchgesetzt? In der Innenstadt gibt es durch den Superwinter immer weniger Parktplätze, viele Konsumenten fahren dann zu anderen Einkaufeinrichtungen - und die Innerstädtischen Händler bleiben in leeren Geschäften zurück. Liegt das wirklich im Interesse der Stadt???

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