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Drehbuchautorin Christa Kozik wird 70

Drehbuchautorin Christa Kozik
Drehbuchautorin Christa Kozik © Foto: Christine Kisorsy
Silvia Fichtner / 30.12.2010, 19:46 Uhr
Potsdam (In House) Diese Frau steckt voller Geschichten. Auch mit 70 noch. Aber diese Jugendwahn-Gesellschaft denkt dieses Alter mit gebeugtem Rücken und weißem Knoten im Haar und hat keine Ahnung von dem prallen Leben, das die Jahrzehnte füllte und längst nicht zur Neige geht. An dieser Wahrnehmung hat Christa Kozik zu knabbern. Oder ist es eher die sich abzeichnende Verflachung der Geschichten für Kinder, denen man eher Comics mit den immer gleichen Figurentypen in skurrilen Storys zumutet als Geschichten aus dem Alltag, in die sich die Fantasie besonders gern einschleicht, weil auch kleine Menschen Träume haben?

Christa Kozik hat in ihrem arbeitsreichem Schaffen als Drehbuchautorin einige solcher Geschichten erdacht, die inzwischen die zweite Kindergeneration begeistern. Sie schickte den Seemann Karli mit einem Schneemann nach Afrika zu Asina mit den 21 Rasterzöpfen („Ein Schneemann für Afrika“, 1977). Sie ließ den 15-jährigen Robbi im Ferienlager die sieben Sommersprossen an Karoline und die erste Liebe, zum Leidwesen der Lagerleiterin, entdecken („Sieben Sommersprossen“, 1978). „Es hat mir nicht mehr gefallen“, schreibt der neunjährige Moritz als Abschiedsgruß an seine Familie und zieht kurzerhand in die Litfaßsäule zu der sprechenden Katze, weil niemand in diesem hektischen Leben Zeit für ihn hat („Moritz in der Litfaßsäule“, 1983). Und sie lässt den deutschen Dichter Friedrich Hölderlin an seiner Liebe zu der verheirateten Susette Gontard und als glühender Anhänger der Französischen Revolution von 1789 an den muffigen politischen Verhältnissen in seinem Vaterland verzweifeln („Hälfte des Lebens“, 1984).

Nicht nur für diese Filme schrieb sie die literarischen Vorlagen, doch insbesondere diese haben bis heute in Kindergärten, bei Studenten oder in von Filmfans organisierten Sondervorführungen eine ungebrochene Popularität. Verleiher allerdings interessieren sich leider kaum noch dafür. Ebenso wenig wie Produzenten für die neuen Geschichten, die in Christa Koziks Kopf keine Ruhe geben. Eine davon existiert schon als Buch: „Der Engel mit dem goldenen Schnurrbart“ ist gerade in fünfter Auflage gedruckt worden, illustriert von Egbert Herfurth. Natürlich vermischen sich in dieser Geschichte Realität und Fantasie und der Leser, egal welchen Alters, hat am Ende ganz beiläufig etwas gelernt, dass man nämlich niemandem die Flügel stutzen darf.

Daran glaubt sie, auch wenn derzeit ihre Filmstoffe auf wenig Interesse stoßen, weil sie aus einem Engel keinen Spiderman-Verschnitt machen möchte, wie ihr vorgeschlagen wurde, so schreibt und inszeniert sie gemeinsam mit Regisseur Rolf Losansky eben für das Parchimer Theater. Dort läuft im zweiten Jahr „Moritz in der Litfaßsäule“ mit Erfolg und wird auch bei Gastspielen gefeiert.

„Ich arbeite unglaublich gern mit Christa Kozik“, verrät Losansky, der ihr die Geschichte von dem Schneemann damals „abgeluchst“ hat. „Ich wollte darüber zunächst einen Dokumentarfilm für Kinder machen“, erinnert sich die Autorin. Die Idee kam ihr als sie einen Zeitungsartikel darüber las, wie Seeleute Weihnachten auf den Weltmeeren verbringen. „Sie nehmen Weihnachtsbäume und ‚Grußkonserven‘ mit, das sind Tonbänder mit den Stimmen und Wünschen ihrer Angehörigen. Und da dachte ich mir: Wenn sie Weihnachten in Afrika sind, nehmen sie vielleicht auch mal einen Schneemann mit.“ Ihre kleinen Söhne starteten gleich einen Test, bauten einen kleinen Schneemann und legten ihn ins Tiefkühlfach. Und siehe da: Im Sommer war er die Attraktion für Kinder aus der ganzen Nachbarschaft.

Die Filmszenaristin ist aber nicht nur eine Frau mit dem „dritten Auge“ für die Fantasie, die im Alltag steckt. „Sie war für mich als Regisseur eine Autorin, der man nicht das Komma mitverfilmen musste, sie hat neidlos die Ideen anderer anerkannt und war entweder das zweite Pferd, mit dem man nötigenfalls die Karre aus dem Dreck ziehen oder auch fröhlich durch die Wälder kutschieren konnte, wenn etwas gelungen war“, fasst Losansky seine Meinung über sie in Bilder.

Welches Glück, dass die gelernte Kartografin und mit einem Musiker verheiratete Autorin, die durch russische Dichter wie Jewgeni Jewtuschenko und Anna Achmatowa ihre Lust an der Lyrik entdeckte, nicht dabei geblieben ist, Gedichte zu schreiben. Losgelassen hat sie die Lyrik allerdings nie. Die beiden Studien an der Filmhochschule in Potsdam und dem Literaturinstitut in Leipzig hätten die Laufbahn erleichtert, und einige Bändchen von ihr sind auf dem Markt. Doch ihr Hauptwerk bleiben Bücher und Filme für Kinder, von denen die meisten preisgekrönt sind.

Natürlich kennt dieses sieben Jahrzehnte währende Leben nicht nur Anerkennung und Lobpreisung. Die Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands war eine harte Schule: Entlassung bei der Defa, Rückübertragungsanspruch auf das Haus in Potsdam, in dem die Familie wohnte, demütigende Bittstellerei auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle. Eine selbstbewusste Frau um die 50, die wusste, was sie konnte und was sie um keinen Preis wollte.

Die Flügel konnte ihr niemand stutzen. Und vielleicht fliegt ihr Engel mit dem goldenen Schnurrbart ja doch noch irgendwann ins Kino, wenn sich die Erkenntnis Bahn gebrochen hat, das Spidermänner auf Dauer langweilig, weil weltfremd sind.

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