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Provokantes Video trommelte für Campus-Wahlen

Lina Hatscher / 06.01.2011, 05:58 Uhr - Aktualisiert 04.02.2011, 11:38
Frankfurt (Oder) (In House) Studierende an der Viadrina haben zweimal im Jahr die Möglichkeit, Mitbestimmungs-Gremien zu wählen. Doch die meisten haben kaum Interesse, sich in die Unipolitik einzumischen – ein generelles Problem an Hochschulen. Kreative Köpfe stellen sich gegen diesen Trend.

Ein junger Mann steigt in eine Badewanne und zieht den Duschvorhang vor. Auf seinem Arm zeichnet sich ein Tattoo ab: „Viadrina“. Plötzlich ertönen schrille Töne und hinter dem Duschvorhang erhebt sich ein Arm. „Lass deine Uni nicht im Stich – Geh wählen“, erscheint in schwarzen Lettern auf weißem Grund...

Aufrütteln sollte dieser Spot die schweigende Masse am Campus der Europa-Universität Viadrina. So dramatisch kann Hochschulpolitik sein – zumindest dann, wenn sich die meisten raushalten. Denn das Mordinstrument war nicht etwa ein Messer, sondern die niedrige Wahlbeteiligung.

Anlass für den Spot war die Wahl der Fachschaftsräte und Sprachbeiräte im Dezember. Diese wird im Gegensatz zur größeren Wahl im Sommer, bei der auch die Mitglieder des Studierendenparlaments (StuPa) bestimmt werden, weniger wahrgenommen.

Die Fachschaftsräte sind die kleinsten Rädchen im Getriebe der Hochschulpolitik: Sie beraten bei praktischen Fragen rund ums Studium, organisieren aber auch Theater-Veranstaltungen und Partys. Der Sprachenbeirat engagiert sich speziell für bessere Bedingungen beim Sprachenlernen. Unterstützt werden diese Gremien vom Allgemeinen Studentischen Ausschuss (AStA), der das Budget verwaltet und aus neun Referenten – ähnlich Ministern – für die verschiedenen Bereiche besteht. Fünf Tage lang hatten alle Studierenden die Gelegenheit, ihre Stimmen im Foyer vor der Mensa abzugeben. Doch die meisten hasteten an den Urnen vorbei, um schnell einen Platz zum Mittagessen zu ergattern.

Nichtwähler wollte der AStA neugierig machen und hat auch bei diesem Wahlkampf viel Kreativität bewiesen. „Ich interessiere mich schon lange für die Wahlen“, erzählt Susanne Bock, beim AStA zuständig für die „Innenpolitik“ an der Hochschule. Zusammen mit Anne Hanisch, der Wahlleiterin, tüftelte sie das Drehbuch für den Wahl-Spot aus. Mit den Videospezialisten von Viasion, einer Initiative für visuelle Medien und Kunst an der Viadrina, ging es an die Umsetzung: Paul „Fo“ Bogadke von Viasion stellte sich unter die Dusche, Justyna Schiwietz, die AStA-Vorsitzende, hob den Arm. Anne stellte ihr Bad zur Verfügung und lieh dem Schreienden ihre Stimme.

„Der Dreh hat Spaß gemacht“, sagt Paul und lacht. „Ist verdammt nass gewesen, natürlich hab ich mir eine Erkältung eingefangen.“ Florian Kuthe, auch Mitglied von Viasion, stand hinter der Kamera. Zusammen mit Paul hat er aus dem Rohmaterial den 59-Sekunden-Spot geschnitten, bearbeitet und mit Musik unterlegt. Aus Farbe wurden grobkörnige Grautöne, denn die Interpretation der Duschszene aus dem Hitchcock-Klassiker „Psycho“ soll an die spröden Schwarz-Weiß-Streifen aus den 1960er Jahren erinnern. Zu sehen ist der Clip auf Youtube, bisher sind über 600 Zugriffe verzeichnet.

Im Rückblick jedoch bedauert Susanne: „Es war wie ein schlechtes Omen, der Spot.“ Auf jeden Fall gingen nur sechs Prozent der Kulturwissenschaftler zur Wahl. Hingegen war die Wahlbeteiligung der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftler mit rund elf beziehungsweise zwölf Prozent ganz ordentlich – für eine Campus-Wahl. Mit viel höheren Quoten ist bei Uni-Wahlen kaum zu rechnen.

Entsprechend enttäuscht ist Rüdiger Hahn, Vorsitzender des Fachschaftsrats der Kulturwissenschaften, vom Ergebnis: „Wir bangen um unsere demokratische Legitimation bei einer so niedrigen Wahlbeteiligung.“ Rüdiger betont: „Auch an anderen Unis ist die Wahlbeteiligung nicht viel höher als zehn oder 15 Prozent – aber das ist zu wenig!“ Jeder Studierende könne beeinflussen, wie zum Beispiel Gelder am Campus verwendet werden. „Jetzt geht es darum, noch mehr Informationen über die Arbeit des Fachschaftsrates zu verbreiten. Wir wollen die Leute wachrütteln“, gibt Rüdiger sich kämpferisch. „Wir müssen Nichtwählern klar sagen, dass sie etwas verschenken, wenn sie nicht mitentscheiden.“

„Ich will, dass die Leute wählen gehen“, sagt auch Paul, deshalb hat er den AstA bei dem Videoprojekt unterstützt. Er spricht begeistert von den Freiheiten an der Viadrina. „In dem harten Kern von Aktiven gibt es eine unglaubliche Dynamik.“ Susanne schwärmt ebenso von ihrer Mitarbeit im AStA: „Es ist einfach toll, sich kreativ auszutoben.“ Gerade neben all der Theorie im Studium sei dies der ideale Ausgleich. Paul hat noch viele Ideen im Kopf: Für die nächste Wahl im Sommer soll es wieder einen Clip geben, er versichert: „Ich werde weiterkämpfen!“

Mehr über die Europa-Universität Viadrina unter: www.moz.de/viadrina

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