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"Slubicer warten auf Nahverkehr"

Optimistisch trotz mancher Probleme: Bürgermeister Tomasz Ciszewicz hält unpopuläre Entscheidungen für unausweichlich.

Optimistisch trotz mancher Probleme: Bürgermeister Tomasz Ciszewicz hält unpopuläre Entscheidungen für unausweichlich.
 © Foto: FOTO Michael Benk
Annette Herold / 12.01.2011, 19:10 Uhr - Aktualisiert 12.01.2011, 20:20
Slubice (In House) Vor genau einem Monat hat der neue Bürgermeister von Slubice, Tomasz Ciszewicz, sein Amt angetreten. Frankfurts Nachbarstadt steht nach seiner Auffassung vor großen Einschnitten. Ciszewicz meint damit vor allem den Schuldenabbau. Mit ihm sprachen Annette Herold und Dietrich Schröder.

Märkische Oderzeitung: Herr Ciszewciz, mit diesem Interview wollen wir Sie den Frankfurtern etwas vorstellen. Welche Kontakte hatten Sie bisher nach Deutschland?

Tomasz Ciszewicz: Vor allem berufliche. Es ging da um die technologische Entwicklung meiner bisherigen Firma, eines Geodäsie-Unternehmens. Aber ich kenne auch einige Frankfurter aus der Zeit, als ich schon einmal Stadtverordneter war. Und ein bisschen Deutsch spreche ich auch. Ich profitiere nämlich davon, dass meine Kinder in der Schule Deutsch lernen. Ich selbst habe in der Schule wie damals üblich Russisch gelernt und spreche es sehr gut. Leider beherrsche ich nicht noch mehr Sprachen. Aber momentan habe ich auch keine Zeit, um neue zu lernen.

Sie sind jetzt seit einem Monat im Amt. Was hat sich seither für Sie verändert?

Die Arbeit in der Verwaltung steht jetzt im Mittelpunkt. Ich erfahre von Problemen, von denen ich bisher nichts oder nur wenig wusste. Das betrifft ein weites Feld vom Sport bis hin zur Entwässerung. In manchen Bereichen muss ich dazulernen. Dazu zählen Rechtsfragen, Finanzangelegenheiten oder das Bildungswesen. Aber ich lerne auch Neuigkeiten, die sich aus Änderungen im polnischen Recht ergeben haben. Sehr interessant ist etwa die neue Möglichkeit, private Kindergärten und Schulen zu eröffnen.

Wie man hört, ist Slubice hochverschuldet.

Ja leider, und als Bürgermeister kann ich mir einen noch genaueren Eindruck darüber verschaffen. Leider hat sich herausgestellt, dass die Informationen, die ich darüber hatte, nicht komplett der Wahrheit entsprachen. Dennoch geht es jetzt darum, in Ruhe die Dinge anzugehen, die ich im Wahlkampf zugesagt habe.

Früher galt Slubice als eine der reichsten Kommunen Polens. Wie konnte sich die finanzielle Situation der Stadt so verändern?

In den neunziger Jahren war Slubice noch in einer komfortablen Situation. Die Grenze war geöffnet worden, der grenzüberschreitende Handel blühte auf. Eine maßgebliche Ursache dafür waren das Preis- und Lohngefälle. Die Stadt entwickelte sich sehr dynamisch. Arbeitsplätze entstanden, zwei Märkte, Institutionen... Dann geriet mit Europa auch Polen in eine Krise, und darauf war die Stadt nicht vorbereitet. Es stellte sich heraus, dass viele Unternehmer nur auf schnellen Profit aus waren. So fehlen uns Investitionen, die für eine funktionierende Gemeinde nötig sind. Dazu zählen Wohnungen. Wir haben in Slubice die Situation, dass etwa 600 Menschen auf eine Wohnung warten.

Frankfurt und Slubice haben teilweise ähnliche Probleme, auch was die Schulden angeht.

Davon hat Oberbürgermeister Wilke bei unserem ersten Arbeitstreffen im Dezember noch nichts erwähnt. Aber ich weiß natürlich, dass es diese Schwierigkeiten auch bei Ihnen gibt. Für mich persönlich sehe ich es deshalb als Vorteil an, dass ich parteilos und unabhängig bin. Ich weiß, dass ich unpopuläre Entscheidungen treffen muss, die nötig sind, um den Haushalt der Stadt zu konsolidieren. Die Stadtverordnetenversammlung braucht jemanden, der sich nicht fürchtet, diese schwierigen Entscheidungen zu fällen. Ich denke auch, dass mir die Abgeordneten in diesen Fragen oft folgen werden.

Wie wollen Sie sparen?

Ich muss mich natürlich an die Vorschriften halten. Es geht zum Beispiel um Verwaltungsmitarbeiter, die unter anderen Bedingungen als die in der freien Wirtschaft arbeiten und gesetzlich verbriefte Privilegien haben, etwa was längeren Urlaub angeht. Es gibt Mitarbeiter in der Verwaltung, die keine Spezialisten und eigentlich auch nicht unersetzlich für die Verwaltung sind. Aber sie arbeiten hier.

Wie viele Mitarbeiter hat die Verwaltung und wie viele sollten es künftig sein?

Jetzt sind es 190, das sind viele. Größere Städte kommen mit weniger Mitarbeitern aus.

Was ist Ihr wichtigstes Vorhaben in der Zusammenarbeit mit Ihrer Nachbarstadt Frankfurt?

Die Frage des Nahverkehrs. Allerdings glaube ich nicht, dass das eine Straßenbahnverbindung sein muss. Darauf ist Slubice nicht vorbereitet. Die Straßen sind zu eng dafür, auch für große Autobusse. Ich denke, dass kleine Autobusse fahren sollten. Die Menschen in Slubice warten auf einen öffentlichen Nahverkehr. Wir sollten ihn im Laufe dieses Jahres einrichten. Das zweite wichtige Thema, wenn es um Frankfurt geht, ist der Tourismus. Es geht darum, stärker die Möglichkeiten des jeweils anderen zu nutzen. So hat Slubice keine Denkmäler. Wer in Slubice zu Gast ist und Denkmäler besichtigen möchte, kann das aber in Frankfurt.

Tomasz Ciszewicz lebt seit zwölf Jahren in Slubice. Der 42-jährige Inhaber einer Geodäsie-Firma mit neun Mitarbeitern ist als Parteiloser zur Wahl angetreten, unterstützt von einem kleinem Team namens „Slubiczanie razem“ (Slubicer gemeinsam). Seine Firma wird er während seiner vierjährigen Amtszeit nicht führen. Das ist nach polnischem Recht auch nicht möglich.

Von 2002 bis 2006 leitete Ciszewicz die Slubicer Stadtverordnetenversammlung. Seine Frau Katarzyna ist Krankenschwester. Das Paar hat zwei Kinder: Agata (8) und Maciej (15). Entspannen kann sich der Bürgermeister nach eigenen Worten mit seiner Familie und bei der Gartenarbeit.

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Roland Totzauer 15.01.2011 - 09:39:47

Ich nutze diese Gelegenheit zur Aufklärung

MOZ-Leser und -Journalisten finden auf meiner Homepage alle meine gesammelten sachlichen Argumente gegen das grenzüberschreitende Straßenbahnprojekt: http://www.rotofo.de/keinebahn Ich danke dem neuen Slubicer Bürgermeister, der in seinem MOZ-Interview weitere überzeugende Argumente gegen das Straßenbahnprojekt benennt. Damit dürfte sich dieses Projekt eigentlich erledigt haben. Als Mitbegründer einer Bürgerinitiative im Sommer 2005 habe ich von Anfang an gegen das Straßenbahnprojekt argumentiert und werde dies auch weiterhin öffentlich tun, solange die Bedingungen noch so sind wie heute (z.B. unterschiedliche Währungen, unterschiedliche Kaufkraft etc. - siehe Homepage). Ich verspreche allen anonymen Kommentatoren, dass ich mich auch weiterhin öffentlich zu öffentlichen Projekten äußern werde - hier oder anderswo (z.B. auf meiner Homepage)!

ralf kublich 15.01.2011 - 00:46:40

ach wie schön...

ist es doch, immer wieder von herrn totzauer zu lesen. er kann seine hasstiraden gegen das projekt grenzübergreifende straßenbahn einfach nicht für sich behalten. sicher hat er seine ewig gleichen hetzen immer schon in der schublade. dümmer geht' nimmer!

Frank Furter 14.01.2011 - 02:26:10

@ Herr Totzauer

Ich lese die Märkiche Oderzeitung seit ich denken kann und habe seitdem auch immer mit den Zeitungen vom Vortag Fische eingewickelt oder Kartoffeln. Seien Sie daher nachsichtig mit mir, wenn ich mich nicht an diesen Beitrag erinnern kann. Sie werden den Artikel und alle anderen Erwähnungen Ihrer Person sicherlich ordentlich abgeheftet und immer zur Hand haben. Falls Sie den neuen Bürgermeister von Slubice treffen, können Sie ihm ja den Artikel in die Hand drücken und erneut auffordern, etwas zu tun. Das mögen Würdenträger auf beiden Seiten der Oder sehr gern, das auffordern. Sie könnten aber auch etwas ganz anderes tun, um mal wieder zum Thema zurück zu kommen. Sie könnten, wenn ihnen der Kleistturm so am Herz liegt, einen Verein gründen und sammeln gehen in Frankfurt und Slubice. Immer nur auf die Verwaltung schimpfen bringt nix. Genauso wenig wie auf Fördermittelbescheide hoffen.

Roland Totzauer 13.01.2011 - 19:09:24

Mein Turm-Vorschlag kam an in Slubice

@Frank Furter Ganz offensichtlich sind Sie sehr schlecht informiert. Aus Ihrer Reaktion entnehme ich, dass Sie die gedruckte MOZ in den letzen 6 Jahren nicht regelmäßig gelesen haben, denn sonst müssten Sie die Papier-Ausgabe der MOZ vom 22.10.2005 kennen. Der Frankfurter Stadtbote berichtete damals unter der Überschrift "Slubicer wollen Kleistturm aufbauen" über den Plan zum Wiederaufbau. Ich zitiere einen Textausschnitt: "...Bereits Ende der 90er Jahre hatte es Bemühungen gegeben, diesen Turm wieder aufzubauen. Vor allem der Frankfurter Roland Totzauer hatte diese Idee vorangebracht, die nun von Slubices Bürgermeister Bodziacki aufgegriffen wurde. ..." Die Autoren dieses MOZ-Artikels heißen Margrit Höfer und Olaf Gardt. Leider gibt es zur Zeit über den Entwicklungsstand zum Kleistturm keine Informationen. Aber immerhin: die Idee wurde von den Slubicern angenommen und wächst nun dort in ihren Köpfen und Akten solange, bis ein Fördermittelbescheid eintrifft.

Frank Furter 13.01.2011 - 13:05:50

@Herr Totzauer

Erstaunlich, dass der ehemalige Slubicer Bürgermeister Ihrer Aufforderung, "zur Ankurbelung des Tourismus den Kleistturm wieder aufzubauen" so gar nicht nachkam.

Roland Totzauer 13.01.2011 - 00:01:34

Tourismus und Nahverkehr

Dies ist ein relativ kurzes, aber sehr aufschlußreiches Interview mit dem neuen Slubicer Bürgermeister. Es deckt sich mit meinen eigenen Erkenntnissen. Bereits 1999 habe ich den damaligen Slubicer Bürgermeister in einem Brief (http://www.rotofo.de/frame_klei.htm) aufgefordert, zur Ankurbelung des Tourismus in Slubice den ehemaligen Kleistturm wiederaufzubauen. Die noch aktiven Basare haben auf Dauer nur eine einseitige Anziehungskraft auf eine eingeschränkte Besucher-Klientel, die meist mit dem eigenen Auto anreisen, um Zigaretten und Benzin zu bunkern und danach wieder abreisen ohne Interesse an Slubice als Stadt. Die einseitige Orientierung Slubices auf diese Käufer-Klientel wird langfristig keine Wachstumseffekte und keinen Image-Gewinn bringen. Herr Ciszewicz spricht sich offen gegen eine Straßenbahn aus und verdient mit seiner Begründung meinen Respekt. Sein Vorgänger hat noch davon schwadroniert, dass Frankfurt und Slubice nur dann eine europäische Doppelstadt sein könnten mit einer Straßenbahn. Diese Propagandalüge hat jetzt Herr Ciszewicz enttarnt. Dafür gebührt ihm der Dank von 83 % all jener Frankfurter Bürger, die im Januar 2006 über eine grenzüberschreitende Straßenbahn abgestimmt haben!

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