Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

"Die Täter haben ein Gesicht"

Jörg KOTTERBA / 25.01.2011, 07:58 Uhr - Aktualisiert 25.01.2011, 11:05
Frankfurt (In House) 1550 Säcke mit einer Vielzahl operativer Unterlagen müssen von den 
60 Mitarbeitern der Frankfurter Außenstelle der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR noch ausgewertet werden. Jörg Kotterba sprach mit Behördenleiter Rüdiger Sielaff.

Märkische Oderzeitung: Erst jetzt fühlt sich mancher ehemalige DDR-Bürger stark genug, sich der Vergangenheit weniger emotional betroffen zu stellen und verlangt Einblick in seine Stasi-Akte. Ein Phänomen?

Rüdiger Sielaff: Dieses Thema findet kein Ende, denn Geschichte ist nicht abschließbar. Wir erfahren mit jedem Tag mehr darüber, wie das System funktioniert und Menschenschicksale beeinflusst hat. In meiner Behörde waren die Anfragen 2010 unverändert hoch: Fast 4300 Akteneinsichts-Anträge, davon zwei Drittel Erstanträge. Diese Zahl übersteigt immer noch deutlich das Antragsvolumen der Jahre 2002 und 2003. Erstaunlich. In der Zahl enthalten sind noch nicht die Folgeanträge wie Decknamenentschlüsselungen.

Ist der Zulauf unverändert?

Wir waren am 11. Januar zu einer Info-Veranstaltung in Bernau. Hunderte Menschen kamen. Innerhalb von vier Stunden wurden 135 Anträge auf Einsicht in Stasi-Akten gestellt. Drei Viertel davon waren Erstanträge. Das Thema ist auch nach 20 Jahren aktuell. Jeden Monat gehen in unserer Behörde 400 neue Anträge ein.

Wie erklärt sich die Resonanz?

Oft sind es aktuelle politische Diskussionen oder Medienbeiträge, die Menschen bewegen, mehr wissen zu wollen. Gesine Lötzsch von den Linken hat Vielen ungewollt mit ihrer schrägen Kommunismus-Diskussion Denkanstöße gegeben und Menschen entsetzt. Sie wollen jetzt mehr wissen über ihr Leben in der DDR und darüber, wie Diktatur funktioniert und ihre Biografie beeinflusst hat.

Wie viele Info-Veranstaltungen führte Ihre Außenstelle im zurückliegenden Jahr durch?

Insgesamt 16 mit 2285 Besuchern. Dazu eine Lesung in Cottbus mit 300 Gästen, 14 Bürgerberatungen und einem Tag der offenen Tür. In der Frankfurter Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewaltherrschaft fanden im vorigen Jahr drei Veranstaltungen und Ausstellungen mit mehr als 500 Interessierten statt.

Roland Jahn wird Marianne Birthler als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen ablösen. Welche Impulse kann er setzen?

Roland Jahn ist in hohem Maße Betroffener und hat sich eingehend mit dem Thema MfS beschäftigt. Er wird Signale in die Behörde senden. Die alles entscheidende Frage ist doch: Für wen ist die Behörde da. Die Antwort: Für alle Betroffenen.

Wird es mit dem Wechsel Änderungen in der Frankfurter Außenstelle geben?

Ich bin sicher, dass sie für die nächsten Jahre in dieser Form bestehen bleibt. Vielleicht mit kleinen strukturell-organisatorischen Veränderungen, aber ohne Standortgefährdung.

In Brandenburg sind noch hundert Stasioffiziere im Landeskriminalamt beschäftigt. Die
selben Leute, die vor 25 Jahren die Herrscher vor dem eigenen Volk schützten, arbeiten immer noch im öffentlichen Dienst. Wie erklärt sich das?

Man muss in diesem Zusammenhang drei Kategorien von ehemaligen MfS-Mitarbeitern unterscheiden. Die einen wurden von Land und Bund bewusst übernommen, weil ihre Tätigkeiten in den MfS-Strukturen grundsätzlich als unproblematisch angesehen wurden. Die zweiten sind jene, die nach Überprüfungen auffielen, aber durch Beurteilungsgremien als zumutbar für den öffentlichen Dienst erklärt wurden. Die Dimension der dritten Gruppe kann man nicht einschätzen. Sie wurde entweder nie überprüft oder ihre Akten waren nicht auffindbar. Da darf man sich gern die Frage stellen: War es richtig, belastete MfS-Mitarbeiter zu übernehmen?

Marianne Birthler äußerte kürzlich: In den Händen der Geheimpolizei wurde selbst die freundlichste Aussage über einen Mitmenschen zur Waffe. Teilen Sie diese Meinung?

Ich erzähle gern das Beispiel von jenen Inoffiziellen Mitarbeitern, die bemüht waren, nur Gutes über die auszuspionierenden Personen zu schreiben. Ein IM informierte, dass Herr X seinen vier Jahre alten Trabi sogar zum Freundschaftspreis verkauft hatte. Was für ein guter Mensch. Der zweite IM schrieb auf, die Ehefrau von X hätte der Nachbarin eine Gartenschere veräußert. Weit unter Wert. Die Stasi konnte sich jetzt Eins und Eins zusammenreimen: Republikflucht. Auch IM, die es nicht schlecht mit dem anderen meinten, legten Spuren, ohne es vielleicht zu wissen.

Welche Gründe sprechen dagegen, die Stasi-Akten zu vernichten, zu schließen oder für Jahrzehnte im Bundesarchiv verschwinden zu lassen?

Die Opfer sollten das Recht zur Akteneinsicht erhalten, damit sie erfahren, wer ihnen geschadet hat. Außerdem sollten sie dadurch die Möglichkeit für die eigene Rehabilitierung bekommen – egal, ob straf- oder vermögensrechtlich, beruflich oder mit Blick auf die Opferrente. Durch die Akten sollten die Fragen nach Verantwortung und Schuld beantwortet werden. Täter haben ein Gesicht und dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Schließlich sollte anhand der Akten wissenschaftlich erforscht werden, wie die Stasi als sogenanntes Schild und Schwert der SED sowie die anderen Machtinstrumente funktioniert haben. Die Stasi-Akten sind zu einer unverzichtbaren zeitgeschichtlichen Quelle geworden und werden dies bleiben.

Was hat Ihre Behörde 2010 erreicht? Und was ist das Ziel für dieses Jahr?

Im zurückliegenden Jahr wurden hier 4345 Erst- und Wiederholungsanträge abschließend bearbeitet sowie annähernd tausend Decknamen-Entschlüsselungsanträge. In diesem Jahr werden wir fast alle Anträge auf Akteneinsicht aus dem Jahre 2009 abarbeiten und die Erschließung aller gebündelten Unterlagen der MfS-Dienststellen aus den einstigen Bezirken Frankfurt und Cottbus beenden. Die letzte Kreisdienststelle, die wir bearbeiten, ist Seelow. In unserem Archiv lagern noch 1550 Säcke mit einer Vielzahl operativer Unterlagen. Diese sind bisher nur grob gesichtet. Doch wir rekonstruieren täglich zerrissene Dokumente. Im aktuellen Behälter, den wir dieser Tage öffneten, geht es um Kirchenfragen und religiöse Gruppierungen in Frankfurt.

Sie hatten sich der Wahl zum neuen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Magdeburg gestellt. Ihr Mitbewerber Ulrich Stockmann wurde erst im zweiten Anlauf gewählt. „Man hielt – und hält – Rüdiger Sielaff für den besseren Mann“, schrieb die Mitteldeutsche Zeitung. Ist das für Sie ein Stück Genugtuung?

Ich habe im Bewerbungsverfahren Wertschätzung der beteiligten Gremien und Parteien erlebt. Darüber freue ich mich. Das Verwaltungsgericht Halle hat das ganze Verfahren jetzt erst einmal gestoppt. Überschrift: Welch‘ ein Theater“. Ich verfolge das aus der Brandenburger Perspektive, ohne noch Teil des Verfahrens zu sein.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG