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Wenn aus Geld Kunst wird

Benno Dietrich / 26.01.2011, 14:12 Uhr - Aktualisiert 26.01.2011, 14:43
(In House) Geld stinkt nicht, heißt es, aber manchmal doch - wenn der Geruch von frisch gedruckten US-Dollar-Noten nachgeahmt und als Eau de Toilette abgefüllt wird. Dies ist eines von fast 150 Kunstobjekten, die der Berliner Anwalt Stefan Haupt in den vergangenen 15 Jahren gesammelt hat und in seinen Kanzleiräumen präsentiert.

Eigentlich hatte sich für Stefan Haupt die Sammelleidenschaft erledigt. Matchboxautos, Briefmarken – als kleiner Junge tat er es vielen seiner Altersgefährten gleich. Er sammelte, tauschte, verglich. „Als ich damit aufhörte, war meine Begeisterung fürs Sammeln versiegt, und ich dachte, dass ich diesem Virus nicht mehr verfallen würde.“ Doch es kam anders. Er hatte 1990 eine Anwaltskanzlei in der Mitte Berlins gegründet und war Mitte der 90er Jahre bereits eine angesagte Adresse für Urheber-, Medien- und Verlagsrecht. „Als ich mal 'ne Mark übrig hatte, wollte ich mir jedes Jahr ein Kunstwerk zulegen“, erzählt der 48-Jährige. „Ich sah eine Plastik, die mich faszinierte und kaufte sie. Das wiederholte sich noch zweimal, bis ich mich fragte, wie das enden soll, wenn ich mir willkürlich Kunstwerke zulege.

„Doch als Anwalt war ich es gewohnt, strukturiert zu arbeiten und zu denken.“ Stefan Haupt brauchte einen Plan, einen Sammelplan. Zunächst wollte er sich auf Fotokunst konzentrieren, an der er große Freude hat. Doch Fotografien sammelten in jener Zeit viele, wie er beobachten musste. Es war eine Modeerscheinung, die er nicht mittragen wollte. Da begegnete ihm eines Tages eine Arbeit des in New York lebenden taiwanesischen Künstlers Ming-Wei Lee. Er wollte wissen, was die Leute aus einem künstlerisch gefalteten Geldschein machen, den sie geschenkt bekommen: als Kunstobjekt bewahren oder ihn auseinanderfalten und ausgeben. Der Textilkünstler und Bildhauer gestaltete aus echten 10-Dollar-Noten Origami-Skulpturen und verschenkte sie an neun ihm bis dahin fremde Personen. Nach sechs Monaten besuchte er sie und fotografierte, was aus seinen Origami-Figuren geworden war. Zwei der Beschenkten hatten sich für die zehn Dollar etwas gekauft, alle anderen zeigten stolz das Kunstwerk. Nach weiteren sechs Monaten suchte er die Leute erneut auf und musste feststellen, dass abermals zwei seiner Geldschein-Skulpturen verlustig gegangen waren. Eine wurde gestohlen, für die andere eingekauft. Aber immerhin war für fünf Personen der Wert der Kunst höher als der Wert des Geldscheins. „Money for Art“ nannte Ming-Wei Lee sein dokumentiertes Kunstwerk, das Stefan Haupt sogleich begeisterte. „Kunst und Geld wurde auf wunderbare Weise verbunden“, sagt er. Er kaufte die Arbeit des Künstlers und begann nach weiteren Geld-Kunst-Werken zu suchen. Er hatte sein Thema gefunden.

Stefan Haupt wollte seine Suche auf 30 Kunstwerke beschränken, strukturiert, wie er war. Das ist ihm nicht ganz gelungen, denn heute hängen und stehen in den Räumen seiner Kanzlei in der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte fast 150 Kunstobjekte von über 50 Künstlern, die sich mit dem Thema Geld auseinandersetzen – eine Sammlung, die bundesweit ihresgleichen sucht. „Ich konnte einfach nicht aufhören und entdeckte immer wieder faszinierende Arbeiten.“ Mittlerweile erhält er so manchen Tipp von Freunden und Bekannten, die einzelne Stücke in Ausstellungen und Galerien aufstöbern. Dann besucht er die Galeristen oder die Künstler selbst und lässt die Werke auf sich wirken. Er ist im Laufe der Zeit sehr wählerisch geworden, auch, was die Ideen betrifft, die der jeweiligen Geld-Kunst innewohnt. Außerdem wird es langsam eng in seiner Kanzlei.

Viele Jahre hatte Stefan Haupt seine erworbenen Kunstwerke zu Hause in seiner Küche aufbewahrt – bis ihm eines Tages eine Holundersaftflasche explodierte und nur knapp an seinen wertvollen Sammelobjekten vorbeifloss. Da er schon immer gern Ausstellungen in seiner Kanzlei präsentierte, kam er auf den (eigentlich naheliegenden) Gedanken, seine erworbenen Werke auszustellen. Im Jahr 2006 war schließlich die Eröffnung.

In anderen Kanzleien hängen Bilder von Blumen und schönen Landschaften. „Aber hier will ich nichts durch die Blume sagen oder beschönigen, sondern mit meinen Mandanten Klartext reden. Es geht doch letztlich um die Frage: Gewinnen wir den Prozess oder nicht? Das wollen die Mandanten beantwortet haben. Auch die Kunstwerke haben eine klare Sprache. Sie sind der Spiegel für unsere Arbeit.“

Die Geldobjekte sind so unterschiedlich wie der Blick auf das Geld: ein Fächer aus Dollarnoten (Anne Jud), der 20-DM-Schein von Joseph Beuys, den er 1979 mit „Kunst = Kapital“ beschriftete, übermalte Scheine mit dem Titel „Schwarzgeld“ (Ottmar Hörl), die Original-Karikatur von Heinz Jankofsky „Geld verdirbt den Charakter“, der Geldkuchen aus DM-Schnipseln aus der Zeit der Euro-Einführung (Ingrid Pfitzer), japanische Yen, die zu einer Sushi-Rolle werden, britische Pfundnoten, die zu einem Teebeutel zusammengefaltet sind, indische Rupien, die sich zu dem Nagelbrett eines Fakirs formen (Barton Lidice Benes) oder das Eau de Toilette CASH von Robert Jelinek. „Ihm war es gelungen, den Geruch von frisch gedruckten 100-US-Dollar-Noten synthetisch herzustellen und in einem 50-ml-Flakon aufzufangen. Den fürchterlichen Geruch kann sich jemand anlegen, der nach Geld riechen will“, erklärt Stefan Haupt.

Im Flur der Kanzlei steht ein Toilettenhocker samt Teller, Münzen und dem Schild „Diese Kasse ist im Moment nicht besetzt“. Wolfgang Nieblich hatte dies 1994 zu einem Kunstobjekt erhoben. Manche von Haupts Mandanten sind pikiert und glauben, dass dies nicht in eine Kanzlei passt. Stefan Haupt stört das nicht und kann nur darüber lächeln. „Denen fehlt vielleicht etwas Fantasie“. Oder der Blick über den Tellerrand hinaus.

(Führung nach 18 Uhr und am Wochenende bei Anmeldung unter: 030/2823816)

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