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Aus dem Land vertrieben

Jörg Kotterba / 04.02.2011, 08:03 Uhr - Aktualisiert 04.02.2011, 11:39
Frankfurt (In House) Die Frankfurterin Hannelore Zimmermann ist auf Spurensuche. Wenige Fotos und ein paar Zeilen aus den USA sind ihr geblieben. Mit MOZ-Leserhilfe will sie mehr erfahren – über den jüdischen Kaufmann Georg Meyer und seine Betty, die Schwester ihrer Oma.

Damals, kurz nach dem Mauerbau, wohnte Hannelore Zimmermann noch in der Oderallee 32 – und hieß Bonack. Mehrmals im Jahr lagen liebe Zeilen aus den USA in ihrem Briefkasten. Ihre Patentante Ursula hielt den Kontakt. Im März 1966 teilte sie ihr mit, „dass mein geliebter Leo am 20. März gestorben ist. Meine Welt ist zum Stillstand gekommen. Das Leben hat nun seinen Sinn verloren.“

Auf Spurensuche. Schon 1910, so ist alten Veröffentlichungen zu entnehmen, pries das Kaufhaus Georg Meyer auf der Großen Scharrnstraße/Ecke Jüdenstraße sein großes Angebot in allen Abteilungen. „Georg Meyer war ein jüdischer Kaufmann. Er heiratete Betty, die Schwester meiner Oma. Wann? Das weiß ich leider nicht“, berichtete Hannelore Zimmermann, in DDR-Zeiten in der Entwicklungsabteilung des Halbleiterwerkes tätig, jetzt Rentnerin. Patentante Ursula, die ihr so stimmungsvolle Briefe aus Übersee zukommen ließ, war die Tochter von Georg und Betty Meyer. Auch sie heiratete hier in Frankfurt einen Juden: Leo Maschke. Er übernahm später das Kaufhaus. Als die Nazis an die Macht kamen und immer mehr Duck auf die jüdische Bevölkerung ausübte, floh die Familie aus Deutschland. Nach China. Dort starb Georg Meyer. Hannelore Zimmermann weiß nicht einmal wo.

„Betty mit Tochter Ursula und Schwiegersohn Leo lebten dann in San Francisco. Leo starb 1966. Ursula an gebrochenem Herzen wenig später. Betty Meyer lebte zu dieser Zeit schon ein einem Seniorenheim. Ich habe nie mehr von ihr gehört.“ Leise fügte Hannelore Zimmermann an: „Meine Oma wollte nie über die vergangene Zeit reden.“

Das – wie es sich auch nannte – Neuheiten-Kaufhaus von Georg Meyer in der Große Scharrnstraße 48, Ecke Jüdenstraße (heute Sitz der Universität) standen in unmittelbarer Nähe die Kaufhäuser von Heinrich Salomon (Große Scharrnstraße 44), Bazar Schönfeld (Nr. 53) und M. Wolff, Inhaber G. Stein (Nr. 62) – informiert der „Führer durch Frankfurts Wirtschaftsleben“ von 1925.

Im Rahmen seiner Recherchen stieß Carsten Höft – bekannt durch seine „Stolperstein“-Aktion hier in Frankfurt – auf Vermerke, Protokolle und Deportationsbeschreibungen der Frankfurter Gestapo. „In der Jüdenstraße 17, im Eckhaus, in dem sich auch das Kaufhaus Meyer befand, zog 1934 in die oberste Etage die Leitstelle der Geheimen Staatspolizei ein. Von dort aus leitete unter anderem ein Kriminalkommissar Paul Klempp mit mehreren Beamten und Hilfskräften die sogenannte Judenbekämpfung.“

Carsten Höft erfuhr aus alten Unterlagen, dass Georg Meyer am 5. Dezember1888 in Guben geboren wurde und später nach einer kaufmännischen Ausbildung hier in Frankfurt das Kaufhaus Georg Meyer gründete. Er war mit Maria Bertha Meyer – von allen nur Betty genannt – verheiratet. Sie wurde als Maria Bertha Schüler am 
25. Mai1893 in Dossen geboren.

Meyers Kaufhaus in Frankfurt hatte einen sehr guten Ruf – und 1938/Anfang 1939 mit annähernd 40 Angestellten einen Jahresumsatz von 800 000 Reichsmark.

„1918 wurde Meyers Bruder Siegfried als gleichberechtigter Teilhaber aufgenommen und eine Offene Handelsgesellschaft gegründet“, recherchierte Höft. Bis 1938 befand sich das Kaufhaus Meyer zur Miete in der Jüdenstraße 17, Ecke Große Scharrnstraße 18. „Haus-Eigentümer bis 1938 waren Margarete Simon und Dr. Hans Wedell.“ Georg Meyer selbst wohnte bis zur Auswanderung im April 1939 mit seiner Ehefrau im Buschmühlenweg 31, heute Hausnummer 41.

1938 wurde unter den Druck der Gestapo das Kaufhaus Meyer geschlossen und das Warenlager sowie Inventar weit unter Preis verschleudert. Am 11. Dezember 1939 beschlagnahmte die Gestapo Meyers restliches Vermögen.

Die Eheleute Meyer mussten Deutschland den Rücken kehren und wanderten nach Shanghai/China aus. Dort verstarb Georg Meyer am 3. Februar 1940.

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ein frankfurter 05.02.2011 - 11:39:11

lage falsch beschrieben

die lage ist von der moz natuerlich falsch angegeben. auf der juedenstrasse steht heute der experimentalbau. das kaufhaus meyer stand auf ihrer suedoestlichen ecke. also etwa dort wo heute der brunnen vor dem cafe central endet. nach der enteignung der nazis zog in meyers geschaeftsraume der herrenaustatter simon ein.

XYZ 04.02.2011 - 15:46:39

Fehler

Die Behauptung "Große Scharrnstraße 48, Ecke Jüdenstraße" = "heute Sitz der Universität" ist falsch. Im MOZ-Artikel vom 15.09.2009 http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/103014/ wird dort im 3. Absatz die Lage der ehemaligen Jüdenstr. korrekt beschrieben !

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