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Mit gefrorener Nase und 1000 Fotos zurück vom Südpol

Janet Neiser / 04.02.2011, 23:41 Uhr - Aktualisiert 05.02.2011, 00:04
Eisenhüttenstadt (In House) Die gebürtige Eisenhüttenstädterin Claudia Beitsch (31) ist die erste Brandenburgerin, die den Südpol erobert hat. Im Dezember nahm sie am Wettlauf durch das ewige Eis teil. Ihr Team, zu dem unter anderem ZDF-Moderator Markus Lanz gehörte, trat gegen Österreich an. Janet Neiser traf Claudia Beitsch, die mittlerweile in Rosenheim lebt, in ihrem Heimatdorf Pohlitz (Oder-Spree).

Frau Beitsch, ein Monat ist seit der Eroberung des Südpols vergangen. Wie fühlen Sie sich?
Gut, also vom körperlichen her bin ich wieder regeneriert. Die Kilo, die ich verloren hatte, sind schon wieder drauf.

Wie viele Kilogramm sind denn in der Antarktis geblieben?
Sieben insgesamt. Aber ich hatte mir vorher ja auch etwas angegessen – so etwa vier Kilo. Jetzt habe ich wieder mein Normalgewicht. Aber empfehlen kann ich diese Art des Abnehmens nicht, da geht auch viel Muskelmasse flöten. Das ist echt nicht lustig.

Sie sagten, körperlich geht es wieder gut. Wie sieht es im Kopf aus? Haben Sie das Abenteuer Südpol schon verarbeitet?
Das kann ich gar nicht so genau sagen. Der Alltag holt einen ja schnell wieder ein. Ich war jetzt die erste Woche arbeiten. Da vergisst man schnell ein paar Sachen. Die Leute von „Extreme Worldraces“ hatten vorher zu uns gesagt: Du kommst als veränderter Mensch wieder. Aber das war jetzt nicht so, muss ich sagen. Man lernt viel über seinen Körper, das war für mich das Coolste zu sehen, dass man alles schaffen kann.

Hat denn Ihr Körper mehr geschafft, als Sie gedacht haben?
Ja, auf jeden Fall.

Gab es nie einen Moment, in dem Sie aufgeben wollten?
Doch, die ersten drei Tage ging es mir richtig dreckig. Ich hatte Muskelkrämpfe, bin langsam vorwärts gekommen.

Woran lag das?
Das war eine reine Kopfsache, glaube ich. Mein Körper hätte gekonnt, aber mein Kopf wollte noch nicht. Am dritten Tag war ich kurz vor einem Zusammenbruch, wollte fast aufgeben. Dann haben wir uns alle zusammengesetzt und geredet und da wurde bei mir wahrscheinlich der Schalter umgelegt. Ab dem nächsten Tag war ich wie ausgewechselt. Da bin ich gegangen und gegangen. Das war kein Problem mehr.

Ab 8. März will das ZDF eine Reportagereihe zu dem Südpol-Abenteuer senden. Da soll dann auch erst gesagt werden, ob das deutsche oder das österreichische Team gewonnen hat. Können Sie uns wenigstens einen kleinen Hinweis geben?
Soviel darf ich sagen: Es hat ein Team gewonnen hat, das Rot in der Nationalflagge hat.

Haben Sie das gegnerische Team aus Österreich zwischendurch mal gesehen?
Wir haben uns gar nicht gesehen. Nur den Alex aus dem anderen Team. Der war ja dann mit der Crew unterwegs. Den hatten sie rausgenommen, weil er Erfrierungen hatte.

Gab es im deutschen Team Verletzungen oder Krankheiten?
Die Finger waren bei allen etwas taub. Meine Nase war ziemlich geschwollen. Und Dennis hatte eine angefrorene Nasenspitze. Aber etwas Gravierendes, nein, das gab es bei uns nicht.

Wie sah denn so ein Wettkampftag in der Antarktis aus?
Du hast da keinen Tagesablauf wie hier, du lebst da eigentlich nur in einer Marsch- und einer Zeltphase. Wir sind aufgestanden, ich habe Schnee geschmolzen. Das hat immer etwa zwei Stunden gedauert. Dann ging der Marsch los. Dann stoppst du mal nachmittags um fünf oder nachts um drei, um die nächste Zeltphase zu machen – die Zeiten waren immer unterschiedlich.

Also, völlig unabhängig davon, ob es nachts oder tags, ob es dunkel oder hell war?
Es ist ja nur hell. Von November bis Januar ist Polartag, da ist Sommer und es ist gleißend hell.

Und da konnten Sie schlafen?
Ja, das geht. Ich hatte eine Augenbinde auf.

Wie viele Kilometer am Tag sind Sie marschiert?
Mal länger, mal kürzer. Aber im Schnitt würde ich sagen 40 Kilometer.

Was haben Sie während des Laufens gemacht?
Ich habe die ganze Zeit über Musik gehört, ich hatte einen iPod mit. Das war ganz wichtig. Den habe ich durchrattern lassen.

Wie haben Sie den mitten im ewigen Eis geladen?
Solarpanels hatten wir mit. Die hatte ich auf dem Schlitten und im Zelt habe ich dann den Akku wieder aufgeladen.

Unterhalten haben Sie nicht mit den anderen?
Nein, während du läufst, redest du nicht. Du bist erstens ein paar Meter auseinander, und zweitens kostet das Kraft. Wir haben aber alle anderthalb Stunden Pause gemacht und etwas gegessen und getrunken, und dann haben wir auch geredet – darüber, ob alles klar ist, ob die Geschwindigkeit stimmt und solche Sachen.

Was war der schönste Moment, das schönste Erlebnis?
Uiuiui. Ich würde fast sagen, das war noch in der Akklimatisierungsphase vor dem eigentlichen Rennen, als wir auf dem Antarktis-Plateau angekommen waren. Das war ja fast härter, weil wir da die Höhenmeter überwinden mussten. Und dann, als wir am Horizont die Südpolstation gesehen haben, das war toll.

Was hat sich von der Landschaft eingeprägt?
Es war nur weiß, weiß, weiß. Und die Sonne hat geschienen.

Und war das schlimmste Erlebnis?
Das war der dritte Tag mit dem Fast-Zusammenbruch. Da war ich richtig verzweifelt. Die Jungs waren ja auch sauer auf mich.

Haben Sie gefroren?
Es ist schon kalt. Aber du frierst eigentlich nur in den Pausen, wenn du dich nicht bewegst. Es gab sogar Tage, an denen ich gar nicht gefroren habe, weil es relativ warm war.

Was ist denn relativ warm?
Minus 20 Grad.

Und was war das kälteste?
Oh, das ist schwer zu sagen. Der Dennis hatte anfangs ein Thermometer mit, aber das ist dann kaputt gegangen. Ich glaube, das war ein stürmischer Tag mit etwa minus 30 Grad. Aber durch den Wind waren das gefühlte minus 40 Grad. Das Schlimme ist ja der Wind.

Geschlafen haben Sie alle in Schlafsäcke eingemummelt in einem Zelt?
Ja, in einem Viermannzelt, grad so, dass vier Leute reinpassen, dass es eng ist, dass man nicht so viel Energie braucht, um es aufzuheizen. Je kleiner der Raum, desto schneller wird es ja warm.

Und die drei Männer haben sich anständig benommen?
Ja, die ganze Zeit über.

Wie haben Sie Ihre Sachen gewaschen?
Du hast halt drei, vier Wechselsachen mit. Und ziehst dich ab und zu mal um. Aber ansonsten hast du die immer am Leib. Aber man schwitzt ja auch nicht so wie normalerweise.

Wie lief die eigene Körperpflege ohne Dusche?
Wir haben uns mit Feuchttüchern gewaschen, wenn man das so nennen kann. Das ging eher schlecht als recht, aber es hat funktioniert.

Und wenn Sie auf Toilette mussten?
Dann hab ich den Spaten genommen. Und ich war schnell.

Was haben Sie am meisten vermisst?
Meinen Freund, meine Familie. Und auf Cola hatte ich Lust. Wahrscheinlich weil man unterzuckert ist. Ich habe mir immer vorgestellt, ich trinke eine große Cola und esse dazu ein schönes dickes, saftiges Steak.

Was gab es zu essen?
Gefriergetrocknete Expeditionsnahrung. Zwei Sorten waren ganz lecker. Nudeln mit Hähnchen und Spinat und Nudeln mit Lachs-Pesto. Das war nicht der Reißer, aber es war ganz okay. Ich glaube, eine solche Packung hatte etwa 800 oder 1000 Kilokalorien. Aber wir haben an einem Tag ja auch etwa 10000 Kalorien verloren und die musst du dann auch wieder reinfuttern.

Gab es Kaffee am Morgen?
Wir hatten Kaffee dabei, aber den haben wir gar nicht angerührt. Wir haben immer Kakao mit viel Zucker getrunken.

Als Sie nach knapp zwei Wochen Tagen am Südpol angekommen sind. Wurden Sie da empfangen?
Ja, die Crew war da und die Kameraleute haben auch schon gewartet. Die haben geklatscht und dann gab es einen heißen Kakao.

Wann und wen haben Sie zuerst angerufen?
Das war gleich am 30. Dezember nach dem Zieleinlauf. Meinen Freund und meine Mutti habe ich leider nicht erreicht. Aber meinen Vati auf Arbeit. Viel mehr sagen, als dass es mir gut geht, konnte ich gar nicht. Als ich seine Stimme hörte, sind mir gleich die Tränen geflossen.

Und wann gab es die erste heiße Dusche?
In Chile, das war dann schon der 4. Januar. Kurz zuvor waren wir übrigens in einem Zelthotel auf einer Station bei Chile untergebracht. Und da gab es sage und schreibe einen Koch aus Eisenhüttenstadt.

Warum sind Sie über Chile zurückgereist?
Das war der schnellste Weg zurück.

Würden Sie noch einmal zum Südpol laufen?
Jetzt ja, mit meinem Freund oder meiner Familie.

Was reizt Sie daran?
Es ist einfach ein Erlebnis. Ich kann das gar nicht beschreiben. Es ist einfach nur schön. Und das würde ich gern mit meinen Freunden teilen.

Haben Sie Fotos gemacht?
Ja, etwa 1000 Stück.

Haben Sie noch Kontakt zu jemandem aus dem Team?
Ja, zu Dennis Lehnert, der mit mir den Ausscheid zu dem Wettlauf zum Südpol gewonnen hatte, habe ich Kontakt. Und mit Sabrina von den Österreichern schreibe ich mich auch ab und zu.

 

Alles über die extreme Reise der Eisenhüttenstädterin Claudia Beitsch zum Südpol lesen Sie unter www.moz.de/suedpol

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