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Zeitzeugen berichten über Maueropfer

Zeitzeuge und Wissenschaftler: Falko Vogt (l.) und Prof. Stefan Appelius berichteten über Marienetta Jirkowsky.
Zeitzeuge und Wissenschaftler: Falko Vogt (l.) und Prof. Stefan Appelius berichteten über Marienetta Jirkowsky. © Foto: Johannes Jungeblut
Johannes Jungeblut / 28.02.2011, 07:32 Uhr
Frankfurt (Oder) (In House) Viel Resonanz gab es am Sonnabend auf die Einladung der Frankfurter Außenstelle der Stasi-Unterlagen-Behörde zum Tag der offenen Tür. 225 Besucher zählte die Behörde. Sie konnten in die Archive schauen und mehreren Vorträgen lauschen.

Die Außenstelle verwaltet und erforscht die Akten und Dokumente des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Außenstellenleiter Rüdiger Sielaff erklärt: „Auch 20 Jahre nach der Wende ist das Interesse ungebremst. Im Vorjahr stellten rund 4300 Bürger den Antrag auf Akteneinsicht- und das alleine hier in Frankfurt.“ Noch heute befinden sich 1500 Säcke mit zerrissenem Papier im Archiv der Außenstelle, die rekonstruiert werden müssen. „Einen solch exzessiven Kontrollwahn hat es auch beim polnischen Pendant nicht gegeben“, erzählte Robert Horst, dessen Eltern aus Polen stammen. „Ich bin hier um die Erfahrungen meiner Eltern mit denen der DDR Bürger zu vergleichen.“

„Solch eine intensive Begegnung mit einem Zeitzeugen hat man selten“, stellte Rüdiger Sielaff nach dem Vortrag über das Leben des Maueropfers Marienetta Jirkowsky fest. Professor Stefan Appelius berichtete darüber gemeinsam mit dem Weggefährten Marienettas und DDR-Flüchtling Falko Vogt. Bei ihrem Vortrag, der in Kooperation mit der Friedrich-Naumann-Stiftung stattfand, war der Raum bis auf den letzten Stuhl besetzt. Marienetta, von ihren Freunden bloß Micky genannt, starb am 22. November 1980 18-jährig an der Berliner Mauer durch die Kugel eines Grenzsoldaten. Appelius, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, „mehr als bloße Auswertung der Aktenlage“ zu betreiben, versuchte, der Toten in seinem Vortrag ein Gesicht zu geben und die Hintergründe zu durchleuchten. Falko Vogt, der mit Marienetta und ihrem damaligen Verlobten flüchtete, gelang die Flucht unverletzt. Er schilderte seine Erlebnisse erstmals vor einem Live- Publikum.

„Gerade weil die Betroffenen noch alle unter uns sind und ihre Erlebnisse teilen können, ist dieses Kapitel der Geschichte doch sehr gut erfahrbar und bewegend. Das Unrecht wirkt sich noch bis in die Gegenwart aus“, begründete die Doktorandin Dorothea Böhme ihr Interesse am Vortrag.

Geboren und aufgewachsen in Bad Saarow fühlte sich Marienetta nicht an die gesellschaftlichen Normen des Arbeiter- und Bauernstaats gebunden. Sie galt als aufgeweckte junge Frau, die gern feierte, aber auch als Träumerin bekannt war. Mit 17 verliebte sie sich in Peter Wiesner. Er galt gemeinhin als Raufbold und Kleinkrimineller, weshalb Marienettas Familie ein Umgangsverbot erwirkte Währenddessen waren gegen Wiesner weitere Strafen anhängig und das Paar entschied sich zusammen mit Falko Vogt zur Flucht. Als Heimkind verabscheute Vogt den militärischen Drill und sah für sich nur eine Perspektive in Westdeutschland. Doch die Flucht führte zum Tod der jungen Frau und dem tragischen Ende einer Liebesgeschichte.

Wiesner und Vogt gelingt die Flucht nach Westberlin. Marienetta starb am nächsten Morgen im Krankenhaus Hennigsdorf. Ihr genaues Schicksal bleibt auch den beiden Männern lange unbekannt. Ihr Verlobter wollte bis zu seinem Tod 1992 nicht an ihr Sterben glauben. Auf seinen Wunsch hin wurde seinem Sarg ein Bild von Micky hinzugefügt. Am ehemaligen Todesstreifen in Hohen Neuendorf erinnert eine Stele an Marienetta Jirkowsky.

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