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Das Leben eines Gefühlsterroristen

Im Gespräch über „Die Akte Kleist“: Hinrich Enderlein (l.), Vorsitzender des Vorstands der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte, und Schauspieler Alexander Beyer.
Im Gespräch über „Die Akte Kleist“: Hinrich Enderlein (l.), Vorsitzender des Vorstands der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte, und Schauspieler Alexander Beyer. © Foto: FOTO Michael Benk
Uwe Stiehler / 25.03.2011, 19:46 Uhr
Frankfurt (Oder) (In House) Am 
20. November 1811 quartieren sich Heinrich von Kleist und Henriette Vogel in „Stimmings Krug“ am Kleinen Wannsee ein. Am nächsten Tag sieht man sie ausgelassen miteinander herumtollen. In heiterster Stimmung kampieren sie in der Nähe des Ufers. Und dann erschießt Kleist sich und seine Begleiterin. Mit dem tragischsten Tod der deutschen Literaturgeschichte beginnt eine Koproduktion von Arte und dem RBB, die „Die Akte Kleist“ heißt. Am Montagabend läuft sie im Fernsehen. Am Donnerstagabend wurde der einstündige Film im Kleist Forum in Frankfurt (Oder) vorgestellt – mit Podiumsgespräch.

Kleists Tod und die Polizeiakten, die es dazu gibt, sind das Fenster, von dem aus der Film zurückschaut auf das Leben dieses Dichters, auf seine Zerrissenheit, sein Gehetztsein, sein Frauenproblem und die Zerwürfnisse mit seiner Familie. Der Film bindet das zu einer spannend erzählten Geschichte zusammen. Grundsätzlich Neues wird in diesem Krimi nicht erzählt, aber der Dichter, von dem nur ein verbürgtes Bild existiert, wird als Mensch greifbar.

Der Schauspieler Alexander Beyer gibt ihm ein Gesicht, wenn er mit Meret Becker (als Henriette Vogel) durch den Wald spaziert, wenn sich beide umgarnen, wenn sie sich genießen, wenn sie ineinander aufzugehen versuchen. Da haben sich zwei gefunden, „die chemisch reagieren“, heißt es in der Dokumentation.

Wie intim das Verhältnis zwischen ihnen wirklich war, kann nur spekuliert werden, wie vieles über Kleist. Und das zeigt auch dieser Film, in dem die Autoren Simone Dobmeier, Hedwig Schmutte und Torsten Striegnitz ab und an bewusst ein paar falsche Spuren auslegen, die dann bald wieder versanden. Ob Kleist vielleicht Spion gewesen sei, fragen sie. Seine ewige Jagd quer durch Europa würde den Verdacht nahelegen. War sein Tod am Wannsee deshalb vielleicht politischer Natur? War er natürlich nicht.

Er war die reinste Inszenierung. Da sind sich die vier Experten, die in der Doku immer wieder zu Wort kommen, einig. Unter ihnen ist Claus Peymann, der Intendant des Berliner Ensembles. Ihn zu Kleist zu befragen, war das Beste, was dem Film passieren konnte. Denn Peymann findet in seiner Expressivität Worte für Kleist, die ihn sehr emotional, aber eben auch sehr anschaulich erklären. Von Kleist dem Gefühlsterroristen spricht er, von einem deutschen Genie, das nur Millimeter vom Extremismus eines Dschihad-Kriegers entfernt gewesen sei und von dem größten Literaten neben Shakespeare.

„Die Akte Kleist“, Montag, 21.55 Uhr, Arte

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