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Wenn Marx über Marxisten lästert

Schimpfkultur in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg: Moderiert von Annette Riedel von Deutschlandradio Kultur tragen Gregor Gysi (l.) und Harry Rowohlt aus dem privaten Briefwechsel von Karl Marx und Friedrich Engels vor.
Schimpfkultur in der Schinkel-Kirche Neuhardenberg: Moderiert von Annette Riedel von Deutschlandradio Kultur tragen Gregor Gysi (l.) und Harry Rowohlt aus dem privaten Briefwechsel von Karl Marx und Friedrich Engels vor. © Foto: Johann Müller
Andrea Weil / 04.04.2011, 18:30 Uhr
Neuhardenberg (In House) Ein Fest für Freunde von Tratsch und Lästereien ist die Lesung „Von deutscher Schimpfkultur“ am Sonntag in Neuhardenberg gewesen. Was macht es da, dass der Klatsch schon 150 Jahre alt war? Allein die Besetzung war pikant: Ein ehemaliges SED-Mitglied, der Linken-Bundesfraktionsvorsitzende Gregor Gysi, liest in einer Kirche Texte vor, die die Väter des Kommunismus, Karl Marx und Friedrich Engels, von ihrem hohen Sockel holen.

Das tat Gysi mit sichtlichem Vergnügen. Er übernahm den Part von Engels, der Schauspieler und Übersetzer Harry Rowohlt den von Marx. Aus Aufsätzen, Artikeln und vor allem persönlichen Briefen hatten Simon und Björn Akstinat schon 2009 entlarvende Kommentare der weltberühmten Philosophen zusammengestellt.

So gingen sie mit ihren Anhängern kaum weniger zimperlich um als mit ihren Gegnern. Die „stupideste Menschenklasse auf Erden“ nannte Engels die Bauernschaft. Marx hielt die Arbeiter kaum gut genug, um als Kanonenfutter zu dienen. Eine kommunistische Partei war für beide eine „Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für Ihresgleichen hält“. Immer wieder thematisierte Marx seine Geldsorgen, schrieb er doch über einen Onkel, von dem er sich ein Erbe erhoffte: „Stirbt der Hund jetzt, bin ich aus dem Schneider heraus.“ Das Publikum in der ausverkauften Schinkel-Kirche kicherte über die derbe Sprache, schnappte nach Luft, wenn alle Völker außer dem deutschen verbal niedergemacht wurden, und hatte Spaß an der politischen Unkorrektheit. Bewusster Tabubruch ist heute nicht zuletzt das Erfolgsrezept vieler Comedians.

Rowohlt ging in seiner Rolle auf, wedelte mit den Armen und brummte mürrische Unflätigkeiten in seinen Marx-Bart. Gysis scharfe Stimme passte zu Engels Gezänk. Annette Riedel vom Deutschlandradio, die mit locker-ironischen Kommentaren von einem Zitat zum nächsten überleitete und sie in die Geschichte einordnete, musste sich selbst öfter das Lachen verkneifen.

Als jedoch Marx gegenüber den Juden immer ausfälliger wurde, blieb den Zuhörern das Lachen im Hals stecken. Zwar hatte Annette Riedel zuvor erklärt, dass Antisemitismus im 19. Jahrhundert zum guten Ton gehörte. Doch zeigte sich hier das moderne Publikum selbstbewusst genug, nicht alle Unflätigkeiten hinzunehmen. Außerdem wäre es gerade an diesem Punkt interessant gewesen, doch einmal etwas in die Tiefe zu gehen: Wie kam Marx, dessen Großväter beide Rabbiner waren, zu solchen Ansichten?

Dass die Zusammenstellung recht einseitig war, gab Annette Riedel offen zu: „Die beiden haben auch Nettes geschrieben, aber das wäre langweilig gewesen.“ Letztlich muss der Veranstaltung wohl keine solch bedeutungsschwere Bezeichnung wie „Vergangenheitsbewältigung“ aufgedrückt werden – Lästern macht einfach Spaß.

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