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Hochhuth benennt Zeugen für Mord an Sikorski

Rolf Hochhuth beschäftigt sich in seinem neuen  Essayband mit dem Tod Sikorskis.
Rolf Hochhuth beschäftigt sich in seinem neuen Essayband mit dem Tod Sikorskis. © Foto: dpa
28.04.2011, 09:26 Uhr - Aktualisiert 28.04.2011, 10:20
Berlin (DPA) Rolf Hochhuth hat immer wieder behauptet, der Chef der polnischen Exilregierung in London, Wladyslaw Sikorski, sei im Auftrag oder mit Wissen des britischen Premiers Winston Churchill ermordet worden - jetzt benennt der Dramatiker erstmals Zeugen für seine These. Als „Kronzeugin“ führt er in einem neuen Essayband die bereits gestorbene Britin Jane Ledig-Rowohlt auf, Ehefrau des Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, die nach eigenen Aussagen gegenüber Hochhuth im Zweiten Weltkrieg im britischen Geheimdienst war.

Sikorski war 1943 bei einem - laut Hochhuth - bis heute nicht restlos geklärten Flugzeugabsturz bei Gibraltar ums Leben gekommen. Laut Hochhuth stand Sikorski der Kriegsallianz von England und der Sowjetunion gegen Hitler-Deutschland im Wege, unter anderem wegen der von Stalin geplanten Westverschiebung der polnischen Grenze und dem damit verbundenen Verlust Ostpolens.

„Wir wussten, seit er in Gib (Gibraltar) war, am Abend ist er tot - aber dann ging er doch nicht in die Falle, sondern erst am nächsten Abend“, zitiert der Dramatiker aus einem Gespräch mit Jane Ledig-Rowohlt, der er versprach, diese Aussagen und auch die Quellen seiner Informationen geheim zu halten. „Es ist hundertprozentig sicher, ich kenne jemanden sehr gut, der persönlich deswegen zu Churchill musste. Churchill war furchtbar niedergeschlagen, aber er habe keine Wahl.“

Sikorski beschuldigte schon frühzeitig Stalin der Ermordung polnischer Offiziere in Katyn. Das sowjetische Parteiorgan „Prawda“ habe Sikorskis Exilregierung daraufhin vorgeworfen, der „polnische Verbündete Hitlers“ zu sein. Das ist auch der Inhalt von Hochhuths 1967 uraufgeführtem Churchill-Stück „Soldaten“, dessen russische Ausgabe der Dramatiker an seinem 80. Geburtstag (1. April) in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, vorstellte. Über eine polnische Ausgabe spricht er zurzeit in mit einer polnischen Übersetzerin, wie er der Nachrichtenagentur dpa sagte.

Wegen seiner Churchill-Beschuldigungen steht Hochhuth bis heute im britischen Fahndungsbuch, betont der Dramatiker in dem am 2. Mai bei Rowohlt erscheinenden 1700-Seiten-Buch „Essayistische Prosa und Gedichte“ und einem neuen Theaterstück („Der fliehende Holländer“). Es enthält auch „Eine Aussage über den Tod General Sikorskis“, die Hochhuth ursprünglich 50 Jahre lang bis 2017 unter Verschluss halten wollte. „Alle meine britischen Informanten sind kinderlos verstorben, mithin durch Whitehall wegen Geheimnisverrats nicht mehr zu ‚belangen‘“, begründet der Dramatiker seinen Entschluss zur vorzeitigen Veröffentlichung.

Auf die Frage, ob es erwiesen sei, dass Churchill persönlich die Tötung Sikorskis angeordnet habe, habe Jane Ledig-Rowohlt entgegnet, das sei eine sehr ahnungslose Frage. „Ohne Churchills Einwilligung habe der Geheimdienst überhaupt nichts gedurft außer Routine-Arbeiten. Ein hochrangiger britischer Militärangehöriger sei später erschüttert gewesen und habe beteuert, „wie furchtbar beschämt er sei von dem Ereignis, das er vergebens zu verhindern gesucht habe“. Den Engländern wirft Hochhuth bis heute „Geheimniskrämerei“ vor.

Seinem damaligen Verleger Ledig-Rowohlt versicherte Hochhuth, er müsse ähnlich verfahren wie beim Vatikan-Drama „Der Stellvertreter“ - „allein aus Indizien das zusammenbauen, was mir durch einen Zeugen, den ich niemals nennen dürfe, als Wahrheit versichert worden sei, bevor ich wegen meiner Auffindung vieler Indizien diese Wahrheit noch einmal selber gefunden habe. Hätte ich zu Sikorski nichts weiter gefunden, so wären alle Angaben von Jane Ledig, sosehr ich dieser Frau auch vertraue, mir nicht verläßlich genug.“

Der „Spiegel“ zitierte Hochhuth anlässlich der „Soldaten“-Uraufführung 1967 mit den Worten: „Ich weiß, dass Sikorski von Whitehall ermordet werden musste; in 50 Jahren wird man nicht mehr daran zweifeln.“ Der damalige „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein warf dem Dramatiker vor, er bringe für seine These „nicht den Anschein eines Beweises“. Dass Sikorski „auf mysteriöse, jedem Verdacht offene Art zu Tode kam, wird kaum jemand bestreiten - aber was hat Churchill damit zu tun?“

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