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"Die Eberswalder sind selten zufrieden"

Nachdenken über Eberswalde: Harald Kothe-Zimmermann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft GLG, nimmt das Motto der neuen Serie wörtlich. Er steht auf dem Dach des Neubaus der Werner-Forßmann-Klinik. Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Nachdenken über Eberswalde: Harald Kothe-Zimmermann, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft GLG, nimmt das Motto der neuen Serie wörtlich. Er steht auf dem Dach des Neubaus der Werner-Forßmann-Klinik. Foto: MOZ/Thomas Burckhardt © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Heike Hahn / 30.04.2011, 08:00 Uhr - Aktualisiert 30.04.2011, 08:06
Eberswalde (In House) Die Kreisstadt des Barnim ist eine Stadt mit Vergangenheit und Zukunft. Hier leben engagierte Bürger. Sie werden in loser Folge in der neuen MOZ-Serie „Nachdenken über Eberswalde“ im feinsten Hoch- oder finstersten Eberswalder Kanaldeutsch ihre Vorstellungen über ihre Heimatstadt äußern. Heute: GLG-Geschäftsführer Harald Kothe-Zimmermann im Gespräch mit Heike Hahn.

Märkische Oderzeitung: Was macht den Eberswalder aus?

Harald Kothe-Zimmermann: Er ist, wie ich, dickköpfig, anspruchsvoll und extrem schwer zufrieden zu stellen. In den sieben Jahren, die ich hier arbeite und lebe, ist die Stadt so schön geworden. Bis heute warte ich darauf, dass mir ein Eberswalder zustimmt.

Wie verbindet sich Privatleben und Beruf bei Ihnen mit Eberswalde?

Als Geschäftsführer kann man Job und Privatleben nicht voneinander trennen. Hier leben Menschen, die mich meinen Weg gehen lassen, die mich unterstützen. Das ist mal der Leiter der Musikschule, mal der Bürgermeister, mal der Landrat.

Sie stoßen nie auf Hindernisse?

Natürlich! Aber Hindernisse aus dem Weg zu räumen ist mein Job. In Eberswalde ist es oft leichter als anderenorts. Hier gibt es eine Kultur, in der man auch mal scheitern darf, ohne dass man Kopf und Kragen riskiert.

Was beeindruckt Sie an der Stadt und ihren Einwohnern?

Mir imponiert, wenn viele Leute an einem Projekt beteiligt sind, aber niemand auf der Bremse steht. Das war bei der Gründung meines Vereins „Sternenfreunde“ so und dem Wunsch, eine Sternwarte zu bauen. Keiner fragte: Was soll das eigentlich? Warum soll ich mich damit beschäftigen? Jeder hat etwas dazu beigetragen. Auch im Aufsichtsrat unserer Gesellschaft für Leben und Gesundheit herrscht dieses Vertrauen. Wir holen uns den richten Rat, beschließen es und gehen dann den Weg gemeinsam. Ich habe das schon einmal anders erlebt.

Wo, im Osten?

Ich war in Flensburg bei einem kirchlichen Krankenhaus als kaufmännischer Geschäftsführer angestellt. Da gab es dieses Vertrauen nicht, dass es der andere schon richtig macht.

War das auch der Grund, sich in einem kommunalen Krankenhauskonzern als Chef zu bewerben?

Es gibt bei kommunalen Gesellschaften mehr Gemeinsamkeiten mit meinen Zielen als bei privaten Eigentümern. Meine Eigentümer sagen mir, es ist gut, wenn ich viele Menschen beschäftige. Wenn sie Aktionäre wären, würden sie von mir erwarten, dass ich wenige Menschen beschäftige, um mehr Geld zu verdienen. so können wir auch mal Dinge ausprobieren, bei denen wir das Ergebnis nicht kennen.

Was würden Sie in dieser Stadt dringend verschönern?

Die Umgehungsstraße wäre wichtig für die Stadt. In der Innenstadt entlang der Eisenbahnstraße würden im Sommer mehr Cafés öffnen. Die Stadt hat sich gut entwickelt. Es fehlt noch ein wenig großstädtisches Flair.

Und was muss sich in Zukunft im Gesundheitswesen ändern?

Das Modell des niedergelassenen Landarztes wird wohl aussterben. Ich habe einige Ideen dazu. Zum Beispiel, dass der Arzt in einem Bus über Land fährt und die Praxis täglich woanders ist. Doch der Praxisbus ist nicht erlaubt. Der Arzt muss „niedergelassen“ sein und nicht mobil. Eine weitere Idee betrifft die Fachärzte: Es gibt fünf Praxen, fünf Standorte, fünf Fachärzte. An jedem Sprechtag wechselt der Arzt. Der HNO-Arzt ist dienstags da. Der Urologe donnerstags. Der Internist freitags. Bis jetzt haben wir keine Partner gefunden, die mit uns ein solches Modellprojekt ausprobieren.

Wer steht da auf der Bremse?

Die Kassenärztliche Vereinigung müsste ihre Meinung ändern. Wenn das nicht gelingt, wage ich die Prognose: Die ambulante medizinische Versorgung wird in Zukunft nur noch in den Krankenhäusern durchgeführt.

Da müssten doch wohl noch Minister und Politiker ihren Segen geben?

Ich würde mir wünschen, dass sich Gesundheits-, Sozial- und Forschungsminister der Bundesregierung dazu äußern, wie sie sich die Entwicklung in den ostdeutschen Ländern, in Friesland und Ostbayern vorstellen. Wie geht es nach dem Solidaritätszuschlag weiter? Die Leute werden immer älter, brauchen immer mehr medizinische Leistung, oft auch stationäre. Da vermisse ich auf Bundesebene die Visionen.

Wie stellen Sie sich die Finanzierung der Gesundheitsversorgung künftig vor?

Es ist eine ganze Menge Geld im System vorhanden. Aufgrund der Vorhaltung von Doppelstrukturen und Unwirtschaftlichkeiten, insbesondere in der Arzneimittelversorgung, gibt es erhebliche Einsparmöglichkeiten. Die Einbeziehung anderer Einkunftsarten als Lohn und Gehalt in die Bemessung der Krankenkassenbeiträge erscheint zunächst mal logisch. Hier könnte das Solidaritätsprinzip der Krankenversicherung verstärkt werden. Wer ohne Helm mit dem Fahrrad oder auf der Skipiste unterwegs ist, wer gefährliche Sportarten betreibt, dem ist auch der Abschluss einer gesonderten Versicherung zuzumuten.

Stoßen Sie als „Wessi“ im tiefen Barnimer Osten auf Vorurteile?

Ja, andauernd. Aber ich leide nicht darunter. Ich bin ein anderer Mensch, ich habe anderes erlebt in meiner Kindheit als die Leute, die hier aufgewachsen sind. Das prägt. Aber ich bin auch anders als ein Bayer oder ein Ostfriese. Ich werde mich nicht anpassen. Ich werde kein Bayer, weil ich in Bayern arbeite und kein Ossi, weil ich im Osten arbeite. Ich glaube, dass jede Region durch Zuwanderer bereichert werden kann.

Gibt es hier Projekte, die Sie nirgends sonst verwirklichen könnten?

Ich habe hier die Möglichkeit, Dinge zu tun, die mit Gesundheitswesen auf den ersten Blick nichts zu tun haben. Wir beschäftigen uns mit Sportsponsoring, mit Kultur, mit Veranstaltungen für unsere Mitarbeiter. Wir vergeben Stipendien an Menschen aus der Region, die Medizin studieren. Sie sollen nach dem Studium wieder zurückkommen. Wir brauchen uns in 20 Jahren vielleicht nicht mehr um Nachwuchs zu kümmern, der von hier kommt, die Leute hier versteht und hier in unseren Krankenhäusern arbeiten will. Der zweite Blick zeigt, dass nur in einer attraktiven Region die Menschen gerne leben. Das sichert langfristig den Bestand der Krankenhäuser der Region.

Wie halten Sie sich fit?

Ich spiele mittwochs Volleyball und habe Fitnessgeräte zu Hause. Hilft aber nicht viel. Ich esse Mittag in der GLG-Kantine und trinke Unmengen Kaffee. Ich tue vielleicht zu wenig für meine Gesundheit. Aber ich habe viele sinnvolle Hobbys.

Eberswalde hat mehrere Krankenhäuser, eine Hochschule, viele Wissenschaftler. Lässt sich daraus mehr machen?

Eberswalde ist ein hervorragender Gesundheitsstandort. Bisher ist uns aber nicht gelungen, den Aspekt „Waldstadt Eberswalde“ mit dem Gesundheitswesen zu kombinieren. Wir haben eine Verbindung zur Hochschule, aber die Professoren dort haben kaum Zeit, neue große Projekte mit uns zu entwickeln. Trotzdem gibt es ein wenig, was wir in Zusammenarbeit bewegen konnten, z. B. haben wir die Messe „Mensch und Gesundheit“ gemeinsam mit der Hochschule entwickelt.

Sehen Sie Ihre Zukunft hier in Eberswalde oder planen sie ihr Leben anderenorts?

Im Moment gefällt es mir hier. Ich habe keinen Grund, darüber nachzudenken, woanders zu arbeiten. Mit den Menschen hier komme ich sehr gut klar. Die Stadt gefällt mir. Aber: Der andere wesentliche Teil meines Lebens neben meinem Job, meine Frau, ist weit weg. Sie leitet in Schleswig-Holstein ein Altenheim und kann nicht einfach herziehen.

Wollen Sie mitdenken über Eberswalde? Schlagen Sie jemanden vor, dessen Meinung für die Stadt wichtig ist: Tel. 03334 202950

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