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Die Sänger von Finsterwalde

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SKLUG / 08.06.2011, 09:55 Uhr - Aktualisiert 08.06.2011, 09:55
(In House) Dirk Bunsen

„Wir sind die Sänger von Finsterwalde, wir leb’n und sterben für den Gesang.“ Nachdem dieser Zweizeiler 1899 auf einer Berliner Bühne erklang, traf dies sogleich den Publikumsgeschmack. Das Lied aus dem gleichnamigen Theaterstück wurde zum Sinnbild für die Erhabenheit der Großstädter über die hinterwäldlerische Provinz. Was aus dem Lied wurde, wie die Finsterwalder reagierten und was dies für die Lausitzstadt bedeutet, zeigt eine Dauerausstellung im Kreismuseum Finsterwalde.

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Sowohl das Lied als auch der Komponist Wilhelm Wolff hatten eigentlich nichts mit Finsterwalde zu tun, als im September 1899 in den Berliner Germania-Prachtsälen die 20-minütige Burleske „Die Sänger von Finsterwalde“ zur Uraufführung kam. Die Wahl des Ortsnamens sollte lediglich auf originelle Weise die Provinz charakterisieren.

In dem aus vierzehn Szenen bestehenden humoristischen Theaterstück stieg ein skurriles Trio mit den Namen Pampel, Knarrig und Strippe während ihrer alljährlichen Sangestour in einer Pension ab. Dort trällerten sie: „Wir sind die Sänger von Finsterwalde. Wir leb’n und sterben für den Gesang.“

„Das Theaterstück war bald vergessen, aber das A-Capella-Liedchen auf der Bühne verbreitete sich über Nacht und wurde sofort zum Gassenhauer“, erzählt Olaf Weber, Mitarbeiter des Kreismuseums Finsterwalde, das eigens dem Sängerlied eine Dauerausstellung widmet. Den Triumph spürend, vertonte der in Hamburg geborene Wolff kurze Zeit später das Lied zum berühmten Marsch „Wir sind die Sänger von Finsterwalde“. Das engagierte Trio auf der Bühne kannte er gut, denn die renommierte Truppe „Hamburger Sänger“ stand bereits seit zwei Jahren unter seiner Leitung. Zuvor trat er selber als Instrumentalhumorist auf.

Schon bald erreichte auch Finsterwalde die Kunde von den allseits belächelten, hinterwäldlerischen Sängern aus dem so provinziell klingenden Ort. Es war aber nicht das Lied an sich, was die Finsterwalder so ärgerte, sondern es waren die vielen Karikaturen und Postkarten, die nun entstanden. Die Einwohner fühlten sich verhöhnt und sahen sich mit den drei naiv-komischen Typen gleichgesetzt. Über ein Jahr lang saß die ganze Stadt im Schmollwinkel.

Doch dann raffte sich ein hiesiger Chor auf. Der Gesangsverein „Liedertafel“ mit dem Leiter und Dirigenten Louis Schiller trat im Juni 1901 aus dem Schatten heraus, nahm das Lied in sein Repertoire auf und zog mit der Banneraufschrift „Wir sind die Sänger von Finsterwalde“ durch den Spreewald. Mit diesem Selbstbekenntnis begann der gelassene und humorvolle Umgang mit dem Sängerlied. Bereits im Juli desselben Jahres schrieb die Lokalpresse erstmals von der „Sängerstadt“, und weitere Gesangsvereine entdeckten das Lied für sich. Der einst missfällige Zweizeiler wurde zum Werbeslogan der Stadt.

Auch zu DDR-Zeiten war die Sangesfreude in Finsterwalde sehr ausgeprägt. Seit 1954 finden die Sängerfeste statt, und im Altkreis Finsterwalde gab es fünfzehn Chöre sowie mehrere Singegruppen – wohl einmalig in der DDR. Die meisten von ihnen überstanden auch die Wendezeit. Noch heute gibt es mehr als zehn Chöre in der Stadt, wie den gemischten Polizeichor, die Arbeitersänger Finsterwalde, die Vokalgruppe Erb(e)schleicher, den Singkreis Lausitz e. V., die Finsterwalder Spatzen oder den Frauenchor der Sängerstadt Finsterwalde. Damit waren längst auch Frauenchöre mit diesem Lied in die einstige Männerdomäne eingedrungen.

Doch einzig das 1885 gegründete Quartett vom Männerchor „Einigkeit“ darf sich heute „Sänger von Finsterwalde“ nennen und hat sich diesen Namen schützen lassen. Nur sie haben als Vertreter der Stadt das Privileg, offiziell als Sänger von Finsterwalde aufzutreten und können auch zu Veranstaltungen, wie die ITB, gebucht werden.

Einst wollte in den 70er Jahren ein Otto Rothe etwas vom Ruhm des Liedes einheimsen. „Er kassierte auch die Tantiemen und gab sich als Komponist und Texter aus. Doch Heimatinteressierte schickten Protestschreiben an die Stadtverwaltung und belegten die Freveltat mit Original-Notenblättern“, erzählt der 48-jährige Museumsmitarbeiter. Damit war das Schelmenstück vorbei.

Und das Sängerlied heute? „Das können in der Stadt natürlich alle“, weiß Olaf Weber. „Die Geschichte des Liedes findet sogar Eingang in den Schulunterricht.“ Und zum 100. Jubiläum des Liedes 1999 wurde das Theaterstück auf dem Marktplatz von Finsterwalde noch einmal aufgeführt.

Museumsleiter Rainer Ernst möchte die Stadt jedoch nicht einzig auf das Sängerlied beschränkt wissen und konzipierte jüngst eine Dauerausstellung zur Geschichte des Chorgesangs.

(Kreismuseum Finsterwalde: Lange Str. 6-8, Tel: 03531/30783; Di-Fr und So 10-12 und 14-17 Uhr)

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