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Gut ist, was schön ist

Letzte Hand angelegt: Ein Trafo-Hõuschen der E.ON edis an der Bundesstra▀e 158 bei Werftpfuhl wurde bei einem Graffiti-Workshop in der ersten Herbstferienwoche versch÷nert. Das Projekt hatten Werneuchener Jugendliche angeregt.
Letzte Hand angelegt: Ein Trafo-Hõuschen der E.ON edis an der Bundesstra▀e 158 bei Werftpfuhl wurde bei einem Graffiti-Workshop in der ersten Herbstferienwoche versch÷nert. Das Projekt hatten Werneuchener Jugendliche angeregt. © Foto:
kristin goerlitz / 27.10.2008, 08:10 Uhr
WerneuchenIn den ersten Tagen des Workshops begleiteten wütende Hupkonzerte das Schaffen der mit Sprühflaschen hantierenden Jugendlichen am Trafohaus vor der Jugendbildungsstätte "Kurt Löwenstein". Vorbeirauschende Autofahrer hatten wohl nicht begriffen, dass Werneuchens Umgebung verschönert werden sollte. Mit Graffitis freilich, die jedoch jener Szene zu einem besseren Image verhelfen sollen.

"Es gibt zwei Ansprüche in der Szene", erklärt Künstler und Seminarleiter CEMNOZ. "Wenn ich mich tagsüber auf offener Straße hinstelle, weil ich Neues beitragen und Dinge verschönern will, dann ist das gut." Dass für "Schönes" oft Gesetzesgrenzen überschritten werden, haftet der Graffiti-Szene, der auch CEMNOZ seit 1983 angehört, scheinbar für alle Ewigkeit an. "Streetart", jene zeitgenössische Kunstform im öffentlichen Raum, ist auf dem Land weniger ausgeprägt als in den Städten. Zu leicht lassen sich die einzelnen Schriftzeichen und Spitznamen auseinanderhalten, ihre Urheber sind zumeist der Polizei bekannt. Dabei muss Street- art nicht zerstörerisch oder illegal sein, was auch das Seminar mit Jugendlichen aus dem Barnimer Raum zu verdeutlichen suchte.

Jugendliche hatten das Projekt im vergangenen Herbst auf dem "Zukunftsforum - Jugend in Werneuchen" selbst angeregt. Dass es nun umgesetzt wurde, stimmt nicht nur Werneuchens Bürgermeister Burkhard Horn optimistisch. Der will sich nun für mehr freie Flächen im Ort einsetzen, die von Graffiti-Künstlern gestaltet werden sollen. "Macht bitte weiter so!", empfiehlt er, auf das bunte Trafohaus weisend. "Und nicht so!" Dabei wendet er sich einer großformatigen Schmiererei an einem Einfamilienhaus zu. Die Seminarteilnehmer wissen den dortigen Schriftzug sogleich zu analysieren. Die Farbe sei dem Urheber wohl ausgegangen, das könne man an der Farbqualität erkennen. Dieses schnelle, auf Quantität ausgelegte Sprühen nennt man im Graffiti-Jargon "Bombing".

Auch das Trafohaus, das den jungen Leuten in der vorigen Woche eine Arbeitsfläche von 70 Quadratmetern bot, war zuvor von solchen illegalen Schmierereien übersät. Der zuständige Stromanbieter zeigte sich froh über das Angebot, das Objekt an der B158 im Rahmen eines Seminars von Künstlern gestalten zu lassen, berichtet Antje Grötzsch von der Jugendbildungsstätte. Es sei allgemein bekannt, dass solche aufwändigen Auftragsarbeiten in der Graffiti-Szene akzeptiert und in der Regel nicht "gecrosst" oder "gecovert" (übermalt) werden.

Was dort in nur fünf Tagen entstand, überrascht. Schließlich war so mancher Teilnehmer noch ungeübt im Umgang mit der Sprühflasche. Zehnjährige Erfahrung konnte hingegen der 22-jährige Philipp aus Bernau ins Seminar einbringen. Er hat schon im Auftrag von Stadt und privaten Eigentümern Fassaden von Schulen und Jugendklubs, Gaststätten und Geschäften verschönert. Das Klischee des Illegalen gehöre jedoch zu seinem Kunsthandwerk, bemerkt er. Deshalb wollen die Jugendlichen auch anonym bleiben.

Nach einer grünen Grundierung des Trafohauses nahm das Bildwerk unter dem Oberthema "Visionen" zunehmend Gestalt an. Die Teilnehmer entschieden sich, nicht ihre ganz persönliche Zukunft, sondern die der gesamten Menschheit zu verbildlichen. Vor allem das Thema Umwelt spielt darin eine Rolle, aber auch der technische Fortschritt. In grauen Städten der Zukunft bewegen sich gigantische Roboter. Eine Längsseite des Trafohäuschens zeigt deren zerstörerisches Potential, die andere eröffnet neue Möglichkeiten Frieden stiftender Roboter.

Zustimmung löste bald das Hupen und Schimpfen auf der B158 ab, manche lächelten oder winkten den Jugendlichen nun zu, denn: "Gut ist, was schön ist".

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