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Begegnungszentrum erinnert an Nobelpreisträger Milosz

Milosz-Begegnungsstätte in Krasnogruda
Milosz-Begegnungsstätte in Krasnogruda © Foto: MOZ/Alexander Kempf
Alexander Kempf / 29.06.2011, 18:01 Uhr
Krasnogruda (In House) In Krasnogruda reicht die Natur bis zum Horizont. Der ehemalige Landsitz der Familie von Czeslaw Milosz ist von Bäumen umstellt. Ein See liegt dem Anwesen zu Füßen. In und um das sanierte Gutshaus riecht es nach frischem Holz. Der junge Czeslaw Milosz, Sohn polnischen Landadels, hat viele Tage inmitten dieser Idylle verbracht. Wald, Wind und Wolken haben ihn nie wieder losgelassen. Sie blieben die Kronjuwelen in einem Wortschatz, den er auch im Exil immer bei sich trug.

Czeslaw Milosz war 1980 der erste polnische Lyriker, der den Literaturnobelpreis erhielt. Da besaß der damals 69-Jährige längst die amerikanische Staatsbürgerschaft und lebte seit fast drei Jahrzehnten in Amerika. Nicht allein seinem Gefühl für Sprache, sondern vor allen Dingen seinem wachen Geist verdankte der Dichter die hohe Würdigung in Oslo. Czeslaw Milosz hatte sich stets kritisch mit den Autoritäten im sozialistischen Polen auseinandergesetzt, wo seine Bücher lange Zeit verboten waren. Das Nobel-Kommitee traf 1980 auch eine politische Wahl.

Im sozialistischen Polen hörten viele Menschen den Namen Czeslaw Milosz zum ersten Mal, als ihm der Literaturnobelpreis zugesprochen wurde. Im Westen erlangte der Dichter schon 1953 mit dem autobiografischen Essayband „Verführtes Denken“ Bekanntheit. Czeslaw Milosz nannte ihn eine Studie über Schriftsteller und Künstler in Volksdemokratien. Er analysierte in seinen Aufsätzen die gefährliche Anziehungskraft totalitärer Systeme auf Schriftsteller.

Der Dichter, welcher während des Zweiten Weltkriegs in den Untergrund ging und anschließend wenige Jahre als Diplomat Polens in Amerika und Frankreich arbeitete, verließ seine Heimat 1951. Er spürte da längst den kalten Atem jener Diktatur, die für offene Debatten wenig Sinn hatte. Freigeist Czeslaw Milosz wählte die Freiheit und wurde 1961 Professor für Slawistik im kalifornischen Berkeley. Nach der politischen Wende in Polen pendelte er noch viele Jahre zwischen Kalifornien und Krakau, wo er sich im Jahre 2000 gänzlich niederließ.

Kurz nach dem Beitritt Polens in die Europäische Union starb Czeslaw Milosz. In seiner Heimat begann anschließend eine leidige Debatte darüber, wie viel Ehre ihm gebühre. National konservative Katholiken wollten die Beisetzung des Dichters auf dem Krakauer Skalkahügel verhindern. Sie sprachen dem Nobelpreisträger ab, ein wahrer Patriot und Katholik zu sein.

Der Kosmopolit Czeslaw Milosz hätte darüber wohl nur den Kopf schütteln können. Er war in der Welt zu Hause, wuchs im heutigen Grenzgebiet zwischen Polen und Litauen auf, einer Region, in der stets viele Sprachen gesprochen wurden. Schon früh erlebte der Dichter dort, welche Gefahr der Nationalismus darstellt, der Polen und Litauer zusehends entzweite. Besorgt blickt Czeslaw Milosz in seinen Gedichten zwischen den zwei Weltkriegen auf eine Tragödie zurück und ahnt die nächste Katastrophe voraus. Seine geliebten Wolken wurden dunkler.

In Krasnogruda, wo Czeslaw Milosz Teile seiner Kindheit verbrachte, wird Polens Präsident Bronislaw Komorowski heute ein internationales Begegnungszentrum zu Ehren des Nobelpreisträgers eröffnen. Auch der polnische und der litauische Kulturminister sind geladen. Czeslaw Milosz wurde auf den Tag genau vor 100 Jahren geboren.

Die Stiftung Pograniczne, zu Deutsch Grenzland, will auf dem Anwesen nun insbesondere den Dialog zwischen Polen und Litauen fördern. Zuletzt stritten beide Seiten wenig weltmännisch über zweisprachige Ortsschilder in der Region. Ausstellungen, Lesungen und Konzerte sollen in Krasnogruda aber nicht nur die beiden Nachbarn zusammenführen, sondern die Welt willkommen heißen.

Czeslaw Milosz kehrt heim, als Patron für einen dauerhaften Dialog. Gegen ein Museum in Krasnogruda hatte sich der Dichter Zeit seines Lebens verwehrt. Ihm war daran gelegen, dass Menschen nicht vergessen, miteinander zu reden. Besucher können nun auf seinen Spuren wandern und ihren Horizont erweitern.

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