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In 45 Minuten von Berlin nach Wriezen

Sabine Steinbeiß / 12.07.2011, 19:39 Uhr
Wriezen (In House) Mit der S-Bahn in 45 Minuten vom Berliner Hauptbahnhof bis nach Wriezen – das ist die Idee von An­dreas Jüttemann. Das Internet-Projekt „Verkehrswege an Oder und Neiße“ spricht sogar von einem grenzüberschreitenden Verkehr über Bienenwerder bis ins polnische Chojna.

„In Hamburg fährt die S-Bahnlinie 3 fast 60 Kilometer aus der Stadt heraus – oder in Hannover die S 5“, sagt Andreas Jüttemann als Beispiel. „Die verläuft sogar bis ins 120 Kilometer entfernte Paderborn. Beide Bahnlinien erschließen – im 20-Minuten- bis Zwei-Stunden-Takt – ländliche strukturschwache Gegenden und haben zu einem wirtschaftlichen Aufschwung geführt.“

Der Berliner kam daher auf die Idee, die S-Bahn-Linie 7,die derzeit in Ahrensfelde endet, einfach zu verlängern und über Wriezen bis ins polnische Chojna fahren zu lassen – bislang nur theoretisch. „Die Bahnlinie könnte nicht nur dem östlichen Berliner Umland neuen Aufschwung geben, sondern auch Berlin mit den ihr am nächsten gelegenen polnischen Ortschaften verbinden“, sagt Andreas Jüttemann, der seine Idee auch auf der Internetseite Bahninfo aufzeigt.

Die Wriezener Bahn wurde seit den 1980er-Jahren schrittweise stillgelegt: Der Streckenabschnitt zwischen der deutsch-polnischen Grenze und Wriezen wird seit 1982 nicht mehr befahren. Die Gleisanlagen sind mittlerweile demontiert, darauf verläuft ein Radweg. Das Teilstück zwischen Wriezen und Werneuchen ist vor einigen Jahren stillgelegt worden. Ein Teilstück wird vom gemeinnützigen Verein Museumseisenbahn Sternebeck für Ausflugs- und Draisinenfahrten genutzt. Nur auf polnischer Seite vermutet man noch alte, ausgediente Gleise.

„Da die Strecke der Wriezener S-Bahn für einen zeitgemäßen Vor-Ort-Verkehr ohnehin elektrifiziert werden müsste, stellt sich die Frage, ob es statt einem Oberleitungsbetrieb auch eine Strecke mit Stromschiene geben könnte“, beschreibt der Ideengeber seine Überlegungen. Technisch gesehen wäre es machbar, betont er.

Bislang gebe es aber keine Überlegung einer Reaktivierung, obwohl die Berliner Stadtrandregion einen Aufschwung erfahren würde. Die Regionalbahnlinie OE 25 endet in Werneuchen und Berlin-Lichtenberg. Umsteigevorgänge würden jedoch stark die Attraktivität mindern. „Eine S-Bahn direkt ins Stadtzentrum könnte eine sinnvolle Alternative zum Auto darstellen“, betont Andreas Jüttemann. Und bei einer Fahrzeit vom Berliner Hauptbahnhof bis Wriezen in 45 Minuten sowie bis Chojna in 105 Minuten böten eine Alter­native, ist er sich sicher.

Romeo Mack spricht von Utopie. „Das war eine Idee Mitte der 90er-Jahre. Da existierten noch die Gleise bis zur Brücke Bienenwerder“, sagt der Vorsitzende der Museumseisenbahn Sternebeck. Wenn man heute die Idee umsetzen wollte, müsste man erst die Strecke zurückkaufen und die Lücken schließen, betont er. „Der Todesstoß war der Bau der Wriezener Ortsumgehung. Dabei wurde die Bahnlinie unterbrochen. Die Gleise enden jetzt kurz hinter Vevais.“

Auch Wolfgang Skor sieht keine Erfolgsaussichten. „Von Wriezen zur Brücke Bienenwerder ist ein Radweg gebaut worden“, zeigt er auf. Außerdem müsste die Brücke über die Oder erst wieder ertüchtigt und die Gleise auf polnischer Seite erneuert werden. Ein Investor will aber dort bald einen Schienenbus und Draisinen fahren lassen, verrät der Fachmann für Landeskultur.

Was sagen Sie dazu? Ist es eine Utopie oder könnte die Idee Wirklichkeit werden? Schreiben Sie uns Ihre Meinung per E-Mail an freienwalde-red@moz.de.

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Günter Baumann 18.07.2011 - 21:24:16

Fehler wieder gutmachen

ich bin begeistert von der Idee, Wriezen und die anderen Dörfer wieder mit Berlin per Bahn zu verbinden. Als es die Verbindung noch gab, nutzte ich diese häufig für den Weg zur Arbeit. Doch kurzsichtige Leute stellten den Verkehr Stück für Stück ein. Ein verantwortlicher Minister forcierte dafür den fragwürdigen Bau einer Schnellstrassenanbindung von Wriezen. Heute muss man sich über die B158 zumindest bis Werneuchen quälen, um an die Bahn zu kommen. Wenn in Stuttgart Millarden in die Erde versenkt werden sollen, sollten doch ein paar Millionen auch für Brandenburgs Osten aufzubringen zu sein. Hin und wieder wird doch laut über neue Verkehsverbindungen mit unserem Nachbarland nachgedacht. Diese mit einer schon vorhanden Brücke wäre ein Anfang. Sogar LKW könnten per Huckepack tansportiert werden und die Autobahn entlasten.

Helmut Georgi 13.07.2011 - 14:03:09

S-Bahn nach Wriezen

Das Geschehen um den neue Radweg zwischen Wriezen und Bienenwerder ist noch nicht beendet. Eine Neuverlegung von Schienen auf dieser Trasse würde eine massive Verschwendung von Steuern bedeuten. Unabhängig davon halte ich den Bau einer S-Bahnstrecke neben dieser Radwegetrasse und auch insgesamt aus finanziellen Gründen für nicht durchführbar.

Anwohner 13.07.2011 - 09:23:58

Ein Luftschloss?!

Als gebürtiger Wriezener unterstütze ich den Bau der Bahnstrecke natürlich! Ich selbst habe in Berlin eine Zweitwohnung, um mir den täglichen Fahrstress zu ersparen. Da meine Frau ebenfalls in Berlin arbeitet, ist die finanzielle Mehrbelastung nicht wirklich gegeben. Wir sparen uns ein zweites Auto und Benzinkosten von ca. 350 – 400 € pro Monat. Hinzukommt, dass die Wohnung sich als doppelte Haushaltsführung steuerlich vorteilhaft auswirkt. Allerdings benötige ich trotzdem zu meiner Arbeitsstelle täglich 45 Minuten für die einfache Entfernung. Gäbe es die besagte Bahnstrecke, würden wir sofort die Wohnung in Berlin aufgeben und wieder nur in Wriezen wohnen. Auch wenn ich die geplante Fahrzeit bis zum Hauptbahnhof von 45 Minuten für abwegig halte (die Entfernung beträgt per Luftlinie ca. 56 km – was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von ca. 75 km/h entspricht; Fahrzeit von Strausberg/Nord bis Hauptbahnhof ca. 62 Minuten), ist die Bahnstrecke durchaus attraktiv. Die zeitliche Mehrbelastung von ca. 30 Minuten pro Tag (geht man von einer tatsächlichen Fahrzeit von einer Dreiviertelstunde bis zum Hauptbahnhof aus) würden wir sofort in Kauf nehmen, da wir zum Bahnhof mit dem Fahrrad fahren könnten und uns „nur“ die Kosten für das Bahnticket entstehen würden (welche eventuell zu vernachlässigen sind, da eine Monatsfahrkarte AB für uns sowieso unerlässlich ist). Zudem sollte die Fahrt mit der Bahn (sofern sie denn auch tatsächlich immer fährt) wesentlich entspannter sein, als die morgendliche Flucht Richtung Strausberger S-Bahn mit ständigem Chaospotential, sei es auf der Straße oder auf der Schiene. Wir gehen davon aus, dass wir kein Einzelfall sind. Auch wenn die Anbindung über die Oder hinweg meiner Meinung nach, auf Grund der hohen Kosten (neue Bahngleise, Brücke, widerstand der Einheimischen) weniger Sinnvoll ist, halte ich die Strecke Wriezen Hauptbahnhof für durchaus auch rentabel. Selbst wenn nicht, eine Umgehungsstraße, die eigentlich keiner braucht, haben wir schließlich auch. Vielleicht setzt sich auch die Stadtverwaltung der Oderbruchhauptstadt für die Idee ein. Insbesondere unter dem Aspekt der Abwanderung der Bevölkerung und auch der Belebung der Region. Erst kürzlich wurde das Konzept „Leben und Einkaufen wie zu Kaisers Zeiten“ veröffentlicht, mit dem insbesondere auch unsere Nachbarn aus Berlin in die Stadt gelockt werden sollen. Ob dies zukunftsträchtig ist oder nicht und ob die Stadt für die potentiellen Besucher aus Berlin noch mehr zu bieten hat, als eine ca. 500 Meter lange Einkaufsstraße hängt von ihr selbst ab. Große Einkaufsstraße für jeden Geschmack hat Berlin meiner Meinung nach mehr als genug. Nichtsdestotrotz ist ein sonntäglicher Ausflug ins Grüne ohne Stau und Hektik sicherlich auch für viele Berliner interessant. Wir befürworten den Bau der Bahn, auch wenn er sicherlich ein schönes Luftschloss bleiben wird, da sich die Leute, die sich einsetzen müssten wahrscheinlich nicht einsetzen. Leider…

Benno Koch 13.07.2011 - 00:19:47

Der Einzelhaushalt 12 des Bundes ist stark reformbedürftig

Im Bundeshaushalt 2011 stehen alleine für den Neubau von Ortsumgehungen in Brandenburg genau 227,22 Millionen Euro zur Verfügung. Es ging eigentlich noch nie um die Frage ob ausreichend Investitionsmittel im Verkehrsbereich zur Verfügung stehen, sondern wie man sie einsetzt. Der verkehrliche Nutzen zum Beispiel der Ortsumgehung Königs Wusterhausen zum Preis von 9,733 Millionen Euro ist im überregionalen Verkehr null. Bereits heute gibt es mit der A12 und A13 eine bestens ausgebaute Ortsumgehung. Die jetzt praktisch mitten durch Königs Wusterhausen im Bau befindliche "Ortsumgehung" hat ausschließlich lokalen Charakter. Praktisch alle Anfang der 1990er Jahre in Brandenburg geplanten Ortsumgehungen basieren auf falschen Verkehrs- und Bevölkerungszuwächsen. Gleichzeitig wurden - bei einer entsprechenden Beschleunigung - durchaus mit ernstzunehmenden Potenzial versehenen Bahnstrecken wie von Berlin nach Wriezen, Buckow, Beeskow, Rheinsberg, Luckau, Lychen, Templin, Putlitz, Tantow, Rhinow, Ziesar, Peitz usw. leergezogen und dann mit der Begründung der schwachen Nachfrage teilweise oder ganz stillgelegt. Jetzt ist es notwendig, dass die Investitionsmittel des Bundes im Verkehrsbereich neu gewidmet werden. Und zwar so, dass man statt des Neubaus einer überflüssigen drei Kilometer kurzen Umgehungsstraße für 10 Millionen Euro mit diesen Mitteln frei nach einer nachhaltigen Prioritätenliste vorgehen kann - Unterhaltung statt Neubau von Straßen, Förderung von Elektromobilität (also vor allem Ausbau und Elektrifizierung von Bahnstrecken) statt von Benzin-Mobilität (Kfz), Vorzug von energiesparenden Verkehrsmitteln (Bahn, Fahrrad). Der Wiederaufbau der Wriezener Bahn ist also finanziell leicht möglich.

Felix 12.07.2011 - 23:35:39

Immerhin, ein Anstoss

Es ist ein mutiger Antoss, den Herr Jüttemann hier macht. Über die Situation des SPNV zwischen Berlin und dem ländlichen Raum und dem Grenzgebiet sollte wirklich einmal ernsthaft diskutiert werden. Wer sieht, wie Szczecin mit seinem Einzugsgebiet von 650.000 Einwohnern angebunden ist, ahnt allerdings wie schwer es im berlinfernen Raum und im grenzüberschreitenden Raum ist. Der Gartzer Amtsdirektor setzt sich sehr für den Ausbau der Strecke Berlin-Szczecin und durchgehende Züge ein. Leider steht er allein auf weiter Flur. Ohne ihn hätte man die Strecke schon dicht gemacht.

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