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Wenn Bücher zur Leidenschaft werden

© Foto: MOZ/Sergej Scheibe
Oliver Köhler / 15.07.2011, 21:25 Uhr
Wandlitz (In House) So vielseitig wie der Barnim sind auch seine Menschen. In unserer 
Serie wollen wir Gesichter des Barnim vorstellen. Bekannte und unbekannte – aber alle haben sie interessante Geschichten zu erzählen. Heute: 
Annemarie Paehr.

Wenn Annemarie Paehr ein bestimmtes Buch sucht, dauert das in der Regel nur wenige Sekunden. Ein kurzer Blick über die dunkel gefasste Brille in den Computer, ein schneller Griff ins Regal und schon hat sie es in der Hand. Für die Bibliothekarin nichts Besonderes, ist sie es doch gewohnt, sich in den dicken Wälzern und dünnen Büchlein, die rund um ihrem Arbeitsplatz stehen, zurecht zu finden.

Ihr Arbeitsplatz, das ist die Bibliothek im Bahnhofsgebäude von Wandlitzsee. Es ist ihr Reich. Insgesamt 200 Quadratmeter, auf denen Bücher, aber auch 
CDs und DVDs fein säuberlich und gut sortiert nach Sachgebieten und Autoren in mannshohen Regalen stehen. Rund 12 000 Medien sind es insgesamt.

Annemarie Paehr arbeitet seit 25 Jahren in der Bibliothek. „Eine lange Zeit“, wie sie selbst findet. Die Wandlitzerin war schon da, als die Bücher noch in einer alten Baracke ohne Klo und Büro untergebracht waren, die in Kriegstagen einmal dem Volkssturm als Unterschlupf gedient haben soll. Das war 1986.

Bis dahin hatte die gelernte Handelskauffrau noch als Wirtschaftsleiterin in der Station für junge Touristen im alten Dorfkern gearbeitet. „Ich hatte mir nichts dabei gedacht, als ich mich beworben habe“, erzählt die Frau mit den dunklen kurzen Haaren und dem markanten Ohrring im linken Ohr. „Ich weiß nur noch, dass ich mich schon immer für Literatur interessiert habe.“ Vielleicht war das auch ausschlaggebend dafür, dass sie die Stelle bekam.

Für die damals 37-Jährige war es der Start in ein zweites Berufsleben. Sie musste sich noch einmal auf die Schulbank setzten, um ihren Abschluss als Bibliothekarin nachzuholen und wurde kurz darauf ins kalte Wasser geworfen. „Ich war ab dem zweiten Arbeitstag allein“, erinnert sie sich.

Doch die plötzliche Verantwortung war für Annemarie Paehr zugleich auch eine Herausforderung. Engagiert stürzte sie sich in die Arbeit und verdoppelte die Zahl der Ausleihen bereits im ersten Jahr auf 16 000. „Ich habe mich ein wenig als Pionier des Bibliothekswesens in Wandlitz gesehen“, sagt sie und schiebt bescheiden nach, dass auch ihre Kollegen und einige ehrenamtlichen Helfer ihren Anteil an dem Erfolg hätten.

Als die Mauer fiel, machte auch sie sich Gedanken um ihre Arbeit. Schließlich kam mit der Wiedervereinigung für viele kleine Bibliotheken das Aus. Doch statt der Schließung kam 1992 der Umzug in eine andere Baracke nahe dem alten Güterbahnhof. Und auch dort wuchsen die Besucherzahlen stetig weiter. Auch deshalb, weil Annemarie Paehr und ihre Mitstreiter zu dieser Zeit viele freiwillige Aufgaben übernahmen. Es wurden Hausaufgabenhilfen organisiert, Lesungen mit Schriftstellern, Vorleserunden und vieles mehr.

Zudem verstand es die gebürtige Mecklenburgerin auch an anderer Stelle, für ihre Einrichtung zu kämpfen. Um Fördermittel für die Ausstattung mit Regalen zu bekommen, fuhr sie beispielsweise sogar nach Potsdam, verhandelte dort mit Vertretern der zuständigen Ministerien. „Das Organisieren hat mir immer riesigen Spaß gemacht.“

Doch Annemarie Paehr weiß auch, dass ihr Engagement völlig umsonst gewesen wäre, hätte sich die Gemeinde seit der Wiedervereinigung nicht immer wieder für die Einrichtung stark gemacht. Zwar sei sie hin und wieder auch mal anderer Meinung gewesen, daran, dass die Bibliothek weiter bestehen muss, hätte es jedoch nie Zweifel gegeben, sagt sie.

Den Umzug in die Bibliotheksräume im neuen Rathaus wird Annemarie Paehr jedoch nicht mehr miterleben. Am 31. August hat sie ihren letzten Arbeitstag. Danach geht sie in die Freizeitphase ihrer Altersteilzeit und freut sich schon darauf. Erst ein wenig Urlaub mit Freunden, ein paar Radtouren in der Umgebung und Zeit verbringen mit dem Sohn und der Enkeltochter, hat sie sich vorgenommen. „Auch ein wenig Müßiggang will ich dann wieder lernen“, erklärt Annemarie Paehr. Und vielleicht komme sie ja dann auch mal wieder dazu, ein gutes Buch zu lesen. Dafür hat die Bibliothekarin bislang nämlich nur wenig Zeit. Auch wenn sie den ganzen Tag von hunderten interessanter Bücher umgeben ist.

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