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Von Baustellen und Jahrestagen

Tunnel dicht: Schon das zweite Silvester sieht es in der Gro▀en M³llroser Stra▀e so aus. Mehrfach wurde der Er÷ffnungstermin in diesem Jahr verschoben. Wann es tatsõchlich soweit ist, wei▀ niemand.Foto: Michael Benk
Tunnel dicht: Schon das zweite Silvester sieht es in der Gro▀en M³llroser Stra▀e so aus. Mehrfach wurde der Er÷ffnungstermin in diesem Jahr verschoben. Wann es tatsõchlich soweit ist, wei▀ niemand.Foto: Michael Benk © Foto:
mhoefer / 31.12.2008, 07:26 Uhr

(moz) Baustellenhausen - diesen Begriff prägten staugeplagte Frankfurter, die zwischen Frühjahr und Spätherbst versuchten, rasch durch die Stadt zu kommen. Denn das war angesichts der vielen Buddelstellen nicht möglich. Umweghausen könnte man Frankfurt auch nennen. Einer, der immer noch dafür sorgt, dass man Ehrenrunden um den Anger drehen muss, wenn man nach Beresinchen will, ist der Tunnel in der Großen Müllroser Straße. Er feiert sein zweites Silvester im für Autofahrer geschlossenen Zustand. Doch es gab auch wesentlich erfreulichere Jahrestage. Ein Jahresrückblick aus Sicht des Tunnels:

Eigentlich gefällt mir mein Zustand. Ich bin schön eingemummelt. Wenn das so weiter geht, feiere ich am 18. Juni 2009 mein zweijähriges geschlossenes Dasein. Wer ich bin? Ich bin der Tunnel in der Großen Müllroser Straße. Genug Zeit habe ich, das Stadtgeschehen zu beobachten, es stört mich ja kaum einer. Und wenn sich jemand erregt über meinen Bauzustand, dann sage ich nur: Fasst euch an die eigene Nase. Erinnert euch an das Baustellen- Chaos zwischen Bahnhof-, Leipziger- und Mehringstraße, rund um die Kietzer Gasse, auf der B 87 oder 112, am Südring oder Gehweg in der Heilbronner Straße. Alles zur gleichen Zeit, manchmal ohne Vorankündigung. Super!

Angekündigt wurde hingegen der Start der ersten Rotlichtampel. Die steht am Polonia. Sie wissen schon, die einzige Gaststätte, in der man polnisch essen konnte. Doch hier ist schon lange koniec (Ende). Verhandlungen zum Verkauf verliefen im Nichts.

Wer nichts tut, erreicht auch nichts, dachten sich die Studenten. Die ließen auf drei Probefahrten einen Bus zwischen Frankfurt und Slubice pendeln - mit Erfolg. Mittlerweile machen sich auch Parteien stark. Doch so einfach geht das heutzutage nicht. Da müssen erst Verträge geschlossen werden. Frühestens zum Fahrplanwechsel im Dezember 2009 könnte es eine reguläre Linie für alle geben, sagt die Stadtverkehrsgesellschaft.

Das gilt auch für unsere Helenesee-Pächter aus Holland. Die ließen Wohncontainer anrollen. Pech, ohne Genehmigung kann da drin keiner wohnen. Vielleicht, um ein bisschen Druck zu machen, haben sie sich dann überlegt, mal ein paar Eingänge zu schließen, dann haben sie den Campern, die dort auch den 40. Jahrestag der Eröffnung feiern wollten, die Toilettenhäuschen dicht gemacht. Krönung war der Abbau der Toilettenpapierhalter.

Apropos Jahrestag (e). Davon gab es 2008 reichlich. Meinen hatte ich am 18. Juni, da war ich, der Tunnel, ein Jahr geschlossen. Statt der sieben Monate, die es dauern sollte, in denen in mir gebaut wird. Gefeiert wurde das aber nicht. Dafür im SMC, das 15 wurde, das Lutherstift wurde 125, die Gertraudkirche ist fünf Jahre älter, St. Georg brachte es auf 80, seit 50 Jahren gibt es Halbleitertechnologie in der Stadt und das Krankenhaus feierte 25-Jähriges. Zum zehnten Mal wurde Advent in St. Marien gefeiert. Die Straßenbahn rollt seit 110 Jahren durch die Stadt, dazu gab es ein großes Fest auf dem Betriebshof, um nur einige zu nennen.

Gefeiert wurde auch die Fußball-EM. Allerdings mit bösen Folgen. Mehrere Nächte waren Hooligans in der Stadt unterwegs, hielten wahre Fans und Polizei in Atem. Die Polizei ist seit diesem Jahr nicht nur auf Rädern unterwegs, sondern hatte auch manch traurigen Einsatz zu meistern. Der kleine Florian starb an Unterernährung - niemand hat das Drama rechtzeitig bemerkt. Oberbürgermeister Martin Patzelt wollte helfen und einen Babybegrüßungsdienst und ein Babybesuchsgeld, gekoppelt an regelmäßige Arztbesuche, einführen. Nach monatelangen Diskussionen gibt es bislang weder das eine noch das andere.

Dafür sind die sechs fehlenden Scheiben der gläsernen Bilderbibel eingetroffen. Verschwunden hingegen sind die Kleisttafeln und -plaketten aus dem Gertraudpark, zahlreiche Kupferbleche und -fallrohre, Räder, Navigationsgeräte und Radios, von kompletten Autos ganz zu schweigen. Es wurde September, ehe auf Druck vieler Frankfurter intensive Kontrollen durchgeführt wurden und die Autodiebstähle radikal zurückgingen. Erfolg hatte die Polizei zum Jahresstart, als sie ein dreistes Einbrecherduo schnappen konnte, das seit Oktober 2007 nachts in Häuser eindrang und klaute, was so in die Finger kam. Beherrschendes Thema zwischen Frühjahr und 28. September war allerdings die Kommunalwahl, bei der die Linkspartei deutlich die Nase vorn hatte. Novum: Zum neuen Parlament gehören jetzt zwei Bürgerinitiativen: Stadtentwicklung und -umbau. Gemeinsam hatten sie vor ihrer Trennung dafür gesorgt, dass eine Bürgerbefragung durchgeführt wurde. Um die Abrissliste 2009 zu kippen, auf der auch zwei Hochhäuser stehen. Einige meinen, dass der Termin, der 13. Juli, schuld dran ist, dass nicht die erforderliche Stimmenzahl zusammenkam. Denn an diesem Wochenende feierte die Stadt zum fünften Mal das Hansestadtfest Bunter Hering, diesmal mit den polnischen Nachbarn, die das Oderfest begingen. Zu dieser Zeit waren die 34 bunt bemalten Hähne der "hahnsinnig"-Aktion in der Bischofspromenade noch schön komplett.

Ach, ich könnte noch so viel erzählen. Von der Stiftungs-Uni, Präsidentin Gesine Schwan, die von Gunter Pleuger abgelöst wurde, vom ersten Hanseball im Februar, der langen Nacht der Wirtschaft, lustigen Fami- lienkonzerten mit Howard Griffith und dem Staatsorchester, einem Besuch beim Papst, falschen Gehwegplatten, Diskussionen um den Uniplatz, dem Drama um die Firmenpleite von AOS, langen Bauarbeiten an der Gedenkstätte auf dem Anger, einem grünen Thälmann-Kopf, Streit ums Papier, einem geschlossenen Marienkirchenturm und von mir, dem Tunnel. Denn wann ich fertig bin, ist offen.

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