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"Brieger Gänse" fliegen nicht

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SMUELLERN / 08.01.2009, 18:20 Uhr
Seelow Wenn es draußen hundekalt ist, dann muss einem anderweitig warm ums Herz werden. - Diesen Gedanken haben in den vergangenen Tagen viele Leser offenbar auch gehabt und uns jede Menge romantischer Winterfotos geschickt. Hier eine Auswahl der ganz persönlichen Sichtweisen. Ergänzt durch eine Geschichte von Ernst-Otto Denk zu den Eierschollen auf der Oder.

Wenn an den Ufern der Oder der Winter einsetzt, und der kalte Ostwind über das Bruch heult, bilden sich nach den ersten Nachtfrösten die viel beschriebenen besonderen Eisschollen mit ihren typischen runden Formen und dem flachen Randwall. Dann, so sagte man vor langen Zeiten, beginnt Viadrus, der Flussgott der Oder, sich sein weißes Winterkleid anzulegen. Der Beobachter an der Oder wartete im vergangenen Winter vergebens auf dieses Naturereignis. Wegen Mangels an Kälte war es schlichtweg ausgefallen. Seit einigen Tagen jedoch sind sie wieder da, die runden Eisschollen, die anfänglich einzeln, später unzählbar den Fluss hinab gleiten.

Beim Drehen in freier Fahrt erzeugen sie das typische leise Rauschen und Zischen, wenn sie sich berühren. Akustisch interessant wird es bei einem Kontakt mit Brückenpfeilern. Irgendwann einmal kommt alles ins Stocken und es bildet sich eine geschlossene Eisdecke. Der Entstehungsmechanismus ist wohl die Ursache dafür, dass das Odereis nicht eben und glatt ist wie auf einem Binnensee, sondern eher einem frisch gepflügten Acker ähnelt. Das Eislaufen mit Schlittschuhen ist aus diesem Grunde auf dem Strom nicht möglich.

Im Schlesischen werden diese besonderen Odereisschollen als "Brieger Gänse" bezeichnet, benannt nach der alten deutschen Oderstadt Brieg, die dem einstigen Regierungsbezirk Breslau angehörte, und die heute den polnischen Namen Brzeg trägt. Der in Beuthen (Bytom odrzanski) geborene Dichter Jochen Klepper setzte den "Brieger Gänsen" in seinem bekannten Roman "Der Kahn der fröhlichen Leute" ein reizvolles literarisches Denkmal.

Der Inhalt dieser prosaischen Miniatur ist das heute längst vergangene und vergessene schwere Leben der Menschen auf der Oder, der Dampferkapitäne, der Schiffseigner, der Steuermänner und Matrosen mit ihren Familien. Wert und Bedeutung des Romans ist heutzutage in dem Maße gestiegen, wie es wieder erlaubt ist, völlig unbekümmert deutsche Ortsnamen am Fluss zu benennen, die schon fast vergessen schienen. Wir lesen bei ihm: "Halb Zeuthen (gemeint ist Beuthen) wartete auf der Brücke. Alle wollten es sehen, wie die flachen Eisschollen an klobigen Blöcken zersplitterten, wie die schweren Schollen sich gegeneinander stauten und ihre Schneekrusten sich verhafteten, wie in wenigen Minuten die Oder zum Stehen kam. Ganz weit drunten, an der Carolather Biegung, sah man noch die "Brieger Gänse" schwärmen, von Nenkersdorf flogen neue heraus. Treibeis!"

Von der beschriebenen Brücke kann man längst nicht mehr auf den Fluss schauen, sie wurde im Krieg zerstört und nicht wieder aufgebaut. Dafür kann man dieses Ereignis sehr schön von der Hohenwutzener Oderbrücke beobachten.

Eine andere literarische Quelle um den Begriff der "Brieger Gänse" liefert die Erzählung "Brieger Gänse fliegen nicht" von Helmut J. P. Auer, einem echten Brieger des Jahrganges 1920. Er schreibt: "Die e_SSRq Brieger Gänse e_SSLq waren Jahr für Jahr für die Bewohner von Ohlau und Breslau tagelang Gesprächsstoff und ein kleines Ereignis. Denn Jahr für Jahr im Spätherbst, es konnte Oktober oder auch in Ausnahmefällen November sein, waren die 'Brieger Gänse' unterwegs." Woher diese interessanten Eisformationen wirklich kommen, weiß niemand so recht, aber in den winterlichen Stuben der Häuser an den Ufern der Oder erklärte man das früher so: Die "Gänse" entstünden hinter einer besonderen Buhne weit oberhalb der Stadt in der Tiefe des dunklen Oderwaldes, eben dort, wo auch der Nikolaus wohnt. Und ihr Erscheinen war das Signal, sich auf die Weihnachtszeit vorzubereiten. Daran hat sich inzwischen eine Menge geändert, das veränderte Klima ist die Ursache und vielleicht wird einmal eine Zeit kommen, wo die "Brieger Gänse" so selten werden wie der Schnee am Freienwalder Wintersportzentrum.

In diesem Jahr jedoch scheint es noch einmal eine geschlossene Eisdecke auf der Oder zu geben. Und wenn sie stark genug sein wird, gibt es erstmals seit dem Winter 1945 die Möglichkeit, die Oder und damit die Grenze zu unseren polnischen Nachbarn zu Fuß zu überqueren.

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