Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Südwestkirchhof: Gräber im Wald integriert

Ungew÷hnliche Grabdekoration: Der Leiter des S³dwestkirchhofs Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark), Olaf Ihlefeldt, steht vor einem Bronze-Engel der Grabstõtte von Familie Schulte. Foto: dpa
Ungew÷hnliche Grabdekoration: Der Leiter des S³dwestkirchhofs Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark), Olaf Ihlefeldt, steht vor einem Bronze-Engel der Grabstõtte von Familie Schulte. Foto: dpa © Foto:
dpa / 03.02.2009, 16:54 Uhr
Stahnsdorf Der Südwestkirchhof Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark), die Prominenten-Ruhestätte vor den Toren Berlins, wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Mit 206 Hektar ist er der zweitgrößte Friedhof in Deutschland. Zwischen den Bäumen stehen riesige Mausoleen neben schlichten Stelen.

Ein unscheinbarer Grabhügel, Efeu umrankt, davor ein kleiner Stein mit einer "1". Hier begann vor genau 100 Jahren die Geschichte des alten Prominenten-Friedhofs vor den Toren Berlins. Die Lehrerin Elisabeth Wenzlewski war am 8. April 1909 die erste, die auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf ihre letzte Ruhestätte fand. Die evangelische Kirche hatte wenige Jahre zuvor 160 Hektar Wald an der Stadtgrenze zu Berlin erworben.

Wandelt man heute durch den Landschaftspark, trifft man unvermutet hinter einem Baum oder von Hecken umgeben auf pompöse Mausoleen oder auf schlichte Stelen. Sie erinnern an Persönlichkeiten wie Werner von Siemens, Engelbert Humperdinck oder Friedrich-Wilhelm Murnau.

Das Besondere an dem Areal, wo auf heute 206 Hektar 120 000 Menschen beerdigt sind, umreißt Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt mit einem Satz: "Dies ist ein lebendiger Friedhof." Was er damit meint? "Die Gräber sind in den Wald integriert, der Tod drängt sich hier nicht auf." Hier leben seltene Fledermausarten, Rehe und die ungeliebten Wildschweine. Um weiteres Leben auf den Friedhof zu bringen, lässt sich der 41-Jährige seit Jahren manch Ungewöhnliches einfallen. Die Aktionen treffen in der Bevölkerung auf große Resonanz, unter Friedhofs-Kollegen dagegen auch auf Skepsis.

So wird am Grab des Komponisten Humperdinck zu Gedenktagen seine Oper "Hänsel und Gretel" aufgeführt, beim Grab des Stummfilm-Regisseurs Murnau flimmerte schon mal "Nosferatu" über eine Leinwand und seit einem Jahr gibt es ein bundesweit wohl einzigartiges "Friedhofstaxi". "Vor allem Trauergäste nutzen das Shuttle-Angebot, sich mit dem lautlosen Elektrofahrzeug zur Kapelle fahren zu lassen." Denn die Wege auf dem Südwestkirchhof sind lang - vom Eingang bis zur norwegischen Holzkirche sind es immerhin 600 Meter.

Regelmäßig zeigen Ihlefeldt und seine Mitarbeiter den Besuchern, auch bei speziellen Kinderführungen, die Schätze des Friedhofs: Da ist etwa die letzte Theaterbühne von Gustav Kadelburg (1851-1925), dem Mitautor der Urfassung der Operette "Im Weißen Rössl". Zwischen den Bäumen steht auf einer steinernen Bühne die Fassade eines Hexenhauses, ein kleines schwarzes Gitterfenster, daneben die Tür, die hinab zu Gruft führt. Vorbei an mehreren Diana-Tempeln und Mausoleen geht es dann zu einer expressionistischen Grabanlage aus Beton von Max Taut für einen Kaufmann.

Einen kurzen Fußmarsch weiter stößt man auf das in einen Sandstein gemeißelte Porträt des wohl bekanntesten Toten des Areals: Heinrich Zille (1958-1929). "Zum Begräbnis des Milieu-Zeichners kamen 3000 Menschen, die Wege waren schwarz", erzählt Ihlefeldt. Rund 80 namhafte Menschen liegen auf dem Südwestkirchhof begraben. "Wäre die deutsche Teilung nicht gekommen, wäre dies der Prominentenfriedhof schlechthin für Berlin geworden."

Doch da das Gelände in der Wende-Zeit in einen "Dornröschenschlaf" fiel, sind Stars wie Marlene Dietrich in Berlin begraben. Inzwischen werden wieder jährlich etwa 800 Menschen in Stahnsdorf beerdigt. "In jüngster Zeit hat dieser Friedhof neue Maßstäbe in der Entwicklung der Friedhofskultur gesetzt", sagt der Präsident des Konsistoriums der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Ulrich Seelemann.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG