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Von der Sargassosee nach Muckrow

Wertvolle Fracht: Janek Simon vom Institut f³r Binnenfischerei in Potsdam begutachtet die fangfrischen Glasaale aus England, bevor er sie zu Forschungszwecken im Gro▀ Muckrower Rõhdensee einsetzt. Foto: Cindy Teichert
Wertvolle Fracht: Janek Simon vom Institut f³r Binnenfischerei in Potsdam begutachtet die fangfrischen Glasaale aus England, bevor er sie zu Forschungszwecken im Gro▀ Muckrower Rõhdensee einsetzt. Foto: Cindy Teichert © Foto:
Jörg Kühl / 26.03.2009, 08:00 Uhr
Groß Muckrow Der Anglerverein Groß Muckrow arbeitet seit vier Jahren mit dem Institut für Binnenfischerei in Potsdam zusammen. Während eines mehrjährigen Forschungsprojektes wird untersucht, wie der Aal in unseren Gewässern heranwächst.

Still ist es am Rähdensee um die Mittagszeit. Nur die Sonne und das Zwitschern der Vögel lassen auf den bevorstehenden Frühling hoffen. Der starke Wind allerdings weht eisige Temperaturen ins Land und so ist es kein Wunder, dass weder Spaziergänger noch Angler gesichtet werden. Doch einer bewegt dann doch zum ersten Mal in diesem Jahr seinen Kahn durch das kühle Nass. Silvio Maaske, Mitglied des Muckrower Anglervereins, wartet mit seinem Gefährt am Ufer des Pachtgewässers auf Janek Simon. Dieser ist Diplomagraringenieur und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Binnenfischerei Potsdam-Sacrow.

Im Gepäck bringt der junge Mann wertvolle Fracht mit nach Groß Muckrow. In einer Styroporkiste mit etwas Brunnenwasser wimmelt es von tausenden Glasaalen. Ein halbes Kilo davon sollen nun in dem See eingesetzt werden. Die Tiere, die extra aus England eingeflogen und am Morgen erst vom Flughafen abgeholt wurden, sind zwei Jahre alt. Bis sie am schönen Rähdensee in Groß Muckrow ankamen, hatten die Fische schon eine sehr lange Reise hinter sich. Als so genannte Weidenblattlarve schlüpften sie aus dem Laich des Europäischen Aals und wanderten von der 6000 Kilometer entfernten Sargassosee im Atlantik am Rande der Karibik mit dem Golfstrom.

An der englischen Küste angekommen wandelten sie sich an nur einem Tag in Glasaale um und wurden dann zum Weiterverkauf abgefangen. Normalerweise wandern die Fische bis zu den Mündungsgebieten der großen europäischen Flüsse und schwimmen diese dann als Steigaale hinauf, von wo aus sie sich auch weiter in die Binnengewässer unseres Landes verteilen.

Jedoch kommen auf diesem natürlichen Weg in den letzten Jahren immer weniger der Speisefische in den Seen und Flüssen an, weshalb der Aal inzwischen auf der Roten Liste der bedrohten Tierarten gelandet ist. "Der Bestandsrückgang der Aale, der übrigens auch Fisch des Jahres 2009 ist, hat mehrere Ursachen", so Simon. Dieses seien einmal regionale Veränderungen, wie die starke Verbauung und Verschmutzung der Gewässer, sowie auch der Befall mit Parasiten. Andererseits spielen auch globale Faktoren eine Rolle. Klimaerwärmung und die Veränderung des Verlaufes des Golfstroms machen dem Aal zu schaffen.

Schon seit langem beschäftigt sich das Institut für Binnenfischerei mit den Ursachen des Bestandsrückganges beim Aal und sucht auch nach Möglichkeiten, diesen aufzuhalten. "Um die natürliche Sterblichkeit bei diesem Fisch zu untersuchen, bedarf es abgeschlossener Gewässer, damit die Aale nicht abwandern können", erklärt Janek Simon. Auf der Suche nach einem solchen See ohne Zu- beziehungsweise Abfluss traf er vor vier Jahren auf den Groß Muckrower Anglerverein, dessen Pachtgewässer ideale Voraussetzungen für seine Forschungen bot. Schnell waren sich die beiden Partner einig. Während der Verein sein Gewässer ganz normal weiter bewirtschaftet und mit verschiedenen Fischen (außer Aal) besetzt, kümmert sich das Institut für Binnenfischerei ausschließlich um die Aale. "Es gibt zwei Möglichkeiten, Gewässer mit Aalen zu besetzen: Entweder mit Glasaalen, auch Aallarven genannt oder mit Farmaalen. Im Groß Muckrower See werden beide Brutarten angesiedelt.

Am vergangenen Mittwoch wurden die durchsichtigen, etwa sieben Zentimeter langen und 250 Milligramm schweren Glasaale ausgesetzt. Bevor es ins kühle Seewasser ging, mussten die etwa 2000 Tiere, die eher an ein Würmchen als an einen Fisch erinnerten, erst mal in ein Farbbad. "Das ist eine fluoreszierende Flüssigkeit, die vom Körper aufgenommen wird. Der Farbstoff wird im Knochengerüst des Fisches eingelagert", erklärt Janek Simon. Den Fischen selbst sieht man die Markierung mit der Substanz später nicht mehr an, aber in den Otolithen, dem Organ für Gleichgewichtssinn und Hörvermögen, ist diese noch nach Jahren als roter Punkt unter dem Mikroskop nachweisbar.

Nach dem Markieren der Fische kommt endlich Silvio Maaske mit seinem Kahn zum Einsatz. Schnell ist eine geschützte Stelle in der Nähe des Ufers gefunden, wo die winzigen Tiere sachte ins Wasser gleiten. Im Juni bekommen sie Gesellschaft. Dann werden Farmaale besetzt. Auch diese werden markiert sein, allerdings mit einem Chip, damit man sie unterscheiden kann. Einmal jährlich werden dann das Wachstum und der Bestand der Aale kontrolliert. Man erhofft sich einen Vergleich zwischen dem Besatz mit Glasaalen und Farm­aalen sowie Aufschlüsse über die natürliche Sterblichkeit dieser Fische.

Simon lobt die hervorragende und unkomplizierte Zusammenarbeit mit dem Anglerverein Groß Muckrow. Und auch die Angler sind froh, bei dem Projekt mitmischen zu dürfen und erhoffen sich in einigen Jahren viele Aalfänge. "Das Gewässer ist eher nährstoffarm und beheimatet auch viele Nahrungskonkurrenten für den Aal, wie etwa den Karpfen", sagt Janek Simon. "Aufgrund dieser Umstände werden die Aale wohl gut fünfzehn Jahre brauchen, bis sie das vom Verein festgesetzte Mindestfangmaß von 45 Zentimetern erreicht haben", sagt er. Mit etwas Glück kann man auch jetzt einen großen Aal aus dem Rähdensee angeln, denn Jahre vor dem Forschungsprojekt war diese Fischart schon in dem Gewässer beheimatet.

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