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Kein Tyrann am Dirigentenpult

Leitet Laienorchester: Gunter Reinecker Foto: GMD/Buchmann
Leitet Laienorchester: Gunter Reinecker Foto: GMD/Buchmann © Foto:
Ulrike Buchmann / 27.03.2009, 17:20 Uhr
Frankfurt (Oder) Erst fliegt die Notentasche auf den Sessel. Dann frohlockt der Kapellmeister: "Aber heute hab' ich sie gescheucht." Wenn Gunther Reinecker so nach Markendorf heimkehrt, weiß seine Frau: Es war eine gute Probe. Senioren, Ärzte, Lehrer, Handwerker, Angestellte, Schüler haben mitgespielt, sich "scheuchen" lassen. Das Orchester der Frankfurter Musikfreunde feilt montags an seinem Repertoire. Es besteht aus 35 Laien verschiedener Nationalität im Alter zwischen 16 und 80. Gunther Reinecker dirigiert dieses Ensemble schon fast 40 Jahre lang. Ein Tyrann am Pult aber ist er gewiss nicht. Viel zu gutmütig wirkt der agile Mann, der am Sonntag seinen 75. Geburtstag feiert. "Ich kann sehr fordernd sein", versichert der Jubilar, der bis heute Musikschüler betreut und lässt seine Augen blitzen. Doch Ehefrau Gisela, verrät: "Er hat eine Engelsgeduld."

Gunther Reinecker, Mitglied im Brandenburgischen Verein Neue Musik, studierte Dirigieren an der Leipziger und Komposition an der Ostberliner Musikhochschule. Er schrieb etliche Kantaten, eine Kinderoper und rund 60 Bühnenmusiken für das Frankfurter Kleist-Theater, an dem er von 1957 bis 1976 als Solorepetitor und Kapellmeister wirkte, bevor er eine Festanstellung an der Frankfurter Musikschule annahm. Für das 1970 als Sinfonieorchester der Werktätigen gegründete Orchester der Frankfurter Musikfreunde baut er Programme, die möglichst keinem die Lust aufs Üben oder Zuhören nehmen. Gunther Reinecker will mit Musik zu Diensten zu sein, Freude bereiten, verbindend wirken. Das bestimmt sein Leben.

Die Stadt verdankt ihm mindestens zwei Sinnbilder für kulturelle Kontinuität. Denn er baute auch das deutsch-polnische Jugendorchester mit auf und war 30 Jahre lang dessen deutscher Leiter. Anfang der 90er Jahre wurde Reinecker dann zum Bittsteller bei Firmen, als staatliche Fonds für die deutsch-polnische Orchesterarbeit versiegt waren. Für sein völkerverbindendes Wirken, das er sich emotional noch tiefer lotend gewünscht hätte, ist er 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden.

Seit 52 Jahren lebt Gunther Reinecker an der Oder. "Du bist hier wer", sagt seine Frau bestimmt. Sie wünscht sich manchmal, ihr Mann würde weniger bescheiden auf seine Erfolge zurückblicken. Doch der winkt ab, hält es für wichtiger, Partner des Orchesters der Frankfurter Musikfreunde aufzuzählen, wie die Stadt Frankfurt, das Brandenburgische Staatsorchester oder die Frankfurter Musikschule. "Wir sind ein Verein und brauchen Unterstützung", sagt er, froh darüber, die Konzerthalle nicht mieten zu müssen, auch mal Profi-Musiker für einen Auftritt holen oder Noten "abstauben" zu können, die das Staatsorchester nicht braucht. Operetten-Partituren zum Beispiel. Die bastelt sich Reinecker dann passend für seine Laienorchesterbesetzung. Dass erklärt den Klebstoff und die alte Zeitung als Unterlage auf dem Piano im Markendorfer Eigenheim.

Wenn der Dirigent nicht probt, arrangiert, komponiert oder mit seiner Frau musiziert, zieht es ihn in den Garten oder die Natur ringsum. "Neun Kilometer wandern wir täglich, dann noch zehn Minuten Hanteltraining", beschreibt er sein Fitness-Programm. Doch Ehefrau Gisela ist sich sicher, vor allem das Musizieren habe ihren Mann jung gehalten. "Schluss ist erst, wenn der Kapellmeister auf die Bühne getragen werden muss", witzelt sie und freut sich auf jeden Abend, an dem ihr Mann glücklich mitteilt: "Aber heute hab' ich sie gescheucht!"

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