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Rätsel um Rathstocker Afrika-Forscher

UGRIEGERN / 07.01.2008, 18:13 Uhr
Wenn das kleine Oderbruchdorf Rathstock in wissenschaftlichen Beiträgen und Lexika Erwähnung findet, dann meist im Zusammenhang mit dem südwestafrikanischen Bergzebra (lat. Equus zebra hartmannae). Das ist nach Dr. Georg Hartmann benannt, der es erstmals wissenschaftlich beschrieben hatte. Rund 8000 Tiere gibt es noch, nachdem es durch europäische Siedler fast ausgerottet worden war.

Ein Schlaglicht auf Hartmann und damit auch auf Rathstock fällt aber auch im Zusammenhang mit dem barbarischen Wüten der kaiserlichen Schutztruppe 1904 unter General Lothar von Trotha gegen die Hereos, Ureinwohner des von deutschen Siedlern, Rohstofffirmen und Handelsgesellschaften beanspruchten Namibia. Nur 15 000 des auf 80 000 Menschen geschätzten Stammes überlebten die Massaker. In Erinnerung an diesen als ersten Genozid des Jahrhunderts bezeichneten Massenmord hat der Johannesburger Künstler William Kentridge 2005 ganz bewusst das Titelblatt des Hartmann'schen Kartenwerks zur Grundlage genommen, um den Weltherrschaftsanspruch Deutschlands zu deutlichen. Und erst vor wenigen Wochen, im Oktober 2007, waren Mitglieder der Trotha-Familie zu Herero-Monarchen nach Omaruru gereist, um sich für die Verbrechen ihres Vorfahren zu entschuldigen.

Jahrzehntelang war die Erinnerung an Hartmann in Rathstock aus ideologischen Gründen aus dem öffentlichen Gedächtnis getilgt. "Die Älteren sprachen natürlich darüber, vor allem die, die wie Herrmann Tietz mit einem der vier Kinder der Hartmanns befreundet waren", erzählt Ortschronist und Ortsbürgermeister Eberhard Ulrich. ".... da ich Herrn Dr. Hartmann in meiner Jugendzeit sehr schätzen gelernt habe, wie auch mein Vater als Landwirt in Rathstock gute Kontakte mit Herrn Hartmann hatte. In der Kommunalpolitik haben sich beide zum Wohle des Dorfes oft und eingehend beraten. Herr Hartmann hat sich vor 1933 für unsere sportliche Jugendarbeit mit Nachdruck und erfolgreich eingesetzt. Frau Hartmann hat im Dorf den vaterländischen Frauenverein geleitet und die Frauen des Dorfes zu sich ins Schloss eingeladen", erinnerte sich zum Beispiel Hermann Tietz. Er unterstützte die Kirche und den Sportverein Blau-Weiß, und löste vor allem unter der Dorfjugend Faszination aus, wenn er von seinen Expeditionen durch Afrika berichtete. Er publizierte und hielt Vorträge, war politisch im Kreis tätig. Am ersten Weltkrieg nahm er als Offizier teil und wurde in der Weimarer Republik geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Volksbundes der Sparer. Zu den Nazis soll er Abstand gehalten haben.

Ulrich hatte sich kurz nach der Wende begonnen, sich intensiver mit Leben und Werk Hartmanns zu beschäftigen. Bis heute pflegt er Kontakt mit dem namibischen 24 000-Einwohner-Ort Grootfontein (große Quelle), der ab 1894 von Georg Hartmann, damals Generalvertreter der South-West-Africa-Compagny, mitbegründet worden war. 1991 hatte sich das Ehepaar Bauer aus Grootfontein an Eberhard Ulrich mit der Bitte um Unterstützung gewandt. Bauers, die das dortige Fort-Museum betreuten, wollten mehr über jenen Ort wissen, in dem Georg Hartmann mehr als 30 Jahre lang gelebt hat.

Auch wenn Eberhard Ulrich inzwischen viel Material darüber zusammengetragen hat, was Hartmann zwischen 1893 und 1908 in der damaligen deutschen Kolonie getan hat, und sogar die Wirkungsstätten bereits hat, sind viele Fragen offen geblieben: Was veranlasste den damals erst 43jährigen und offenbar hochgeachteten Offizier und Abgesandten des Auswärtigen Amtes, nach Deutschland heimzukehren? Wovon lebten Hartmanns in Rathstock? Denn von den Erlösen des nur zehn Hektar großen Restgutes konnte er seine Familie nicht standesgemäß ernähren. "Das Geld hatte seine Frau in die Ehe gebracht. Ihr Vater Adolph Woermann war zu seiner Zeit der größte deutsche Westafrikakaufmann und der größte Privatreeder der Welt.

Merkwürdigerweise haben Woermanns den fast 80jährigen Hartmann nach dem 2. Weltkrieg, als er bei ihnen in Hamburg um Zuflucht nachsuchte, nicht unterstützt. So starb Hartmann als Kriegsflüchtling am 12. Juli 1946 in Grammersdorf. "Was da vorgefallen ist, wissen wir nicht", benennt Ulrich ein weiteres Rätsel. Und: was ist aus der legendären Trophäensammlung geworden? Als die Familie wegen einer schweren Erkrankung Anna Hartmanns 1939 in die Frankfurter Poststraße umzog, war die Sammlung im Schloss des Grafen von Finckenstein in Reitwein deponiert worden. Seit Kriegsende fehlt jede Spur.

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