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Freester Fischerteppiche in Ausstellung zu bewundern

Eugenie Gortschakra, Mitarbeiterin der Kustodie der Ernst-Moritz-Arndt-Universitõt Greifswald, hõngt ein Exponat in der Sonderausstellung "Freester Fischerteppiche" auf. Foto: dpa
Eugenie Gortschakra, Mitarbeiterin der Kustodie der Ernst-Moritz-Arndt-Universitõt Greifswald, hõngt ein Exponat in der Sonderausstellung "Freester Fischerteppiche" auf. Foto: dpa © Foto:
12.03.2008, 13:17 Uhr
Greifswald Adolf Hitler besaß ein Exemplar. Reichsmarschall Hermann Göring gab einen Teppich - passend zu seiner Jagd-Leidenschaft - mit Waldmotiven in Auftrag. Die DDR-Staatschefs Walter Ulbricht und Erich Honecker bekamen sie einst als Gastgeschenke. Die Freester Fischerteppiche, deren Siegeszug 1928 in den pommerschen Fischerdörfchen Freest, Lubmin und Spandowerhagen bei Greifswald begann, galten unabhängig von den politischen Umständen als Luxusartikel von der Ostsee. Sie schmückten den großen Ratssaal im Hamburger Rathaus und gingen in den Bestand renommierter Museen wie dem Grassi-Museum in Leipzig oder dem Folkwang-Museum in Essen ein. Ihre künstlerische Qualität brachte ihnen den Namen "Perser von der Ostseeküste" ein.

Erstmals präsentiert nun die Universität Greifswald in einer Ausstellung den gesamten künstlerischen Nachlass des Erfinders und Erfolgsgebers der Freester Fischerteppiche, Rudolf Stundl. Mit dem Tod des gebürtigen Österreichers, der sich 1928 in seiner Wahlheimat Pommern niederließ, ging 1990 sein künstlerischer Nachlass - 23 kunstvoll geknüpfte Fischerteppiche und Wandbehänge - an die Universität. Anlass der aktuellen Ausstellung, die an diesem Donnerstag eröffnet wird, ist der 110. Geburtstag Stundls.

Dass es die Teppiche überhaupt gibt, ist der miserablen wirtschaftlichen Situation der Fischer in Zeiten der Weltwirtschaftskrise zu verdanken. 1927 sah sich die Provinzialregierung in Stettin gezwungen, wegen der drohenden Überfischung ein dreijähriges Fangverbot für die südliche Ostsee zu erlassen, wie Stundl-Kenner Kurt Feltkamp berichtet. Als Hilfsmaßnahme für die einkommenslosen Fischer suchte der damalige Greifswalder Landrat Werner Kogge per Zeitungsannonce einen erfahrenen Textilfachmann, der den im Netzeflicken erfahrenen Fischern das Knüpfen von Orientteppichen beibringen sollte.

Stundl, der zuvor in Zagreb, Budapest und Breslau verschiedene Versuche für eine dauerhafte berufliche Existenz gestartet hatte, bewarb sich auf die Annonce. Doch anstatt die Fischer orientalische Teppichmuster nachknüpfen zu lassen, entwickelte Stundl in der Region verwurzelte Motive wie Wellen, Steinfisch, Möwe und Anker und fügte sie - konsequent geometrisch vereinfacht - zu kunstvollen Ornamenten zusammen. Aus der "ABM" für Fischer entwickelte sich in wenigen Jahren eine Genossenschaft. Ende 1932 wurde in den Landkreisen Greifswald und Usedom bereits an 100 Knüpfstühlen gearbeitet.

"Die Ursprünglichkeit der norddeutschen Küstenlandschaft fand ein Pendant in der Ornamentik der Freester Teppiche", erklärt die Kustodin der Universität, Birgit Dahlenburg, einen Grund für den Erfolg der Textilien. Die Kunstwissenschaftlerin ist zudem davon überzeugt, dass Stundl ein cleverer Marketingstratege war. Innerhalb von wenigen Jahren habe er es geschafft, die Teppiche zu einem begehrten Luxusartikel zu machen.

Schuld daran dürfte auch der ideologische Nährboden des Nationalsozialismus gewesen sein. Schon 1932 mehrten sich Presseberichte, in denen die Teppiche "völkisch" interpretiert wurden. Einige Redakteure erfanden sogar eine 700-jährige Teppichtradition mit germanischen Wurzeln, wie Dahlenburg und Feltkamp recherchierte. "Parteipolitisch war Stundl indessen nie aktiv", erklärt die Kustodin. Zwischen 1940 und 1945 saß Stundl sogar im Gefängnis. Der Grund dafür liegt noch weitgehend im Dunkeln, dürfte aber möglicherweise in der vermuteten Homosexualität Stundls begründet liegen.

Wegen seiner Inhaftierung galt Stundl nach Kriegsende als Verfolgter des Naziregimes. Die Teppichknüpferei wird unter dem Namen "Volkskunst an der Ostsee" in der ersten künstlerisch-tätigen Produktionsgenossenschaft des Handwerks (PGH) der DDR erfolgreich weitergeführt. Die erste Zäsur erlebte die PGH dann mit dem Ausscheiden Stundls aus dem Berufsleben im Jahr 1972. Die politische Wende im Jahr 1990 leitete das Ende der Genossenschaft ein.

Zwei Knüpferinnen führen das Handwerk bis heute in Eigenregie weiter. Ihre Produkte sind in Galerien und bei Teppich-Liebhabern begehrt. Mehrere Versuche, unter anderem mit der Agentur für Arbeit, ein Unternehmen auf die Beine zu stellen, das die Tradition Stundls in größerem Umfang weiterführt, scheiterten.

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