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Trauerspiel mit vorletztem Akt

oschwers / 10.06.2009, 07:45 Uhr
Passow/Gartz Die Eisenbahnlinie zwischen Berlin und Stettin ist katastrophaler als je zuvor. Viel zu lange Fahrzeiten, miserable Bahnhöfe und schlechte Verbindungen ärgern Reisende. Entgegen vieler Versprechen der Politik hat sich selbst mit der EU-Osterweiterung nichts getan. Jetzt machen Bahn-Retter aus der Region Gartz massiven Druck.

Als "Trauerspiel im vorletzten Akt" bezeichnet Frank Gotzmann das, was sich auf der Bahnstrecke zwischen Berlin, Tantow und Stettin abspielt. Der Mann sitzt im Gartzer Amtsausschuss und hat jetzt genug von ewigen Versprechungen. Anstatt die alte Traditionslinie zwischen den beiden großen Metropolen auszubauen, geht der Bahnverkehr seit vielen Jahren immer weiter zurück. Man sei auf dem "Eröffnungsniveau von 1843", schimpft der Lokalpolitiker.

Fahrgäste werden ihm Recht geben. Ganze zwei Züge am Tag verkehren zwischen Berlin und Stettin durchgehend. Ansonsten muss jeder Passagier in Angermünde umsteigen. Das kostet Zeit. Die Regionalbahn humpelt ab Passow 40 Kilometer lang auf eingleisiger Strecke Richtung Grenze. Von einer elektrischen Oberleitung fehlt jede Spur.

Zwei Stunden und länger dauert die Reise. Selbst zur Dampflokzeit ging das bereits schneller. Den Zustand bezeichnet der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) auch noch als "konkurrenzfähig". Denn mit dem Auto benötige man über die Autobahn die gleiche Zeit, so VBB-Geschäftsführer Hans-Werner Franz. Was der aber vergisst, sind die flinken Sammeltaxen, die für nur vier Euro pro Tour und zwölfmal täglich der Eisenbahn auch noch das letzte Wasser abgraben.

Passagiere der Regionalbahn 66 kommen dagegen in den Genuss von Ruinen-Romantik. Anders lassen sich verrottete Bahnhöfe in Schönow oder Casekow nicht bezeichnen. Die dortigen Bewohner haben es schon lange aufgegeben, ihre Arbeitszeiten dem Eisenbahnfahrplan anzupassen. Ab Casekow verkehrt ein Zug um 5.51 Uhr und dann wieder um 9.51 Uhr. In verkehrsschwachen Nebenzeiten kommen die Züge dafür häufiger. "Das ist absurd", schimpft Frank Gotzmann. Er gibt der Politik und der Bahn eine Mitschuld am wirtschaftlichen Niedergang der Region. Denn während für Stettiner Fluggäste der Ausbau des Schönefelder Airports immer attraktiver wird, verpasst die Bahn den Anschluss an ihre eigene Infrastruktur. Die Folge: Während allerorts Menschen vom Auto auf die Bahn umsteigen, passiert hier genau das Gegenteil. Gerade 300 Fahrgäste täglich nutzen die Bummelstrecke.

Jetzt kommt plötzlich Druck von unerwarteter Seite. Während sich Verkehrsverbund, Deutsche Bahn, Landes- und Bundesregierung in jahrelangen Schönwetter-Erklärungen übertreffen, raufen sich Gemeindevertreter und Berufspendler der Region Gartz zusammen. Sie wollen einen Pommern-Express einführen. Und haben schnell mal einen Fahrplan für den nicht existierenden Zug zusammengestellt. RE 8 soll er heißen. Acht Züge von Berlin nach Stettin täglich. Und zurück.

Den Bahn-Kritikern ist es ernst. Öffentlich stellten sie ihre Forderung auf der VBB-Regionalkonferenz in Prenzlau. Im zweiten Schritt soll der gesamte Gartzer Amtsausschuss mobil machen. Dem liegt für seine Sitzung in dieser Woche eine Resolution vor. Die soll sich an alle Stadtverordnetenversammlungen der Region, an Kreistage entlang der Strecke, an Landesregierungen und selbst an das EU-Parlament wenden.

Und man geht sogar noch weiter. "Volkswirtschaftlich ist der Streckenausbau für eine positive Wirtschaftsentwicklung in Berlin und Stettin unabdingbar", heißt es in dem Text. Die Verfasser verlangen den längst überfälligen zweigleisigen und elektrifizierten Ausbau zwischen Passow und Stettin. Nur so lässt sich die Fahrzeit verkürzen und sogar halbieren. Nach einer Studie der Technischen Universität Cottbus könnte man bei entsprechender Modernisierung die Strecke in 70 Minuten bewältigen. Das würde jeden Sportwagen auf der A 11 schlagen.

Doch es fehlt ein deutsch-polnisches Abkommen für das Infrastrukturprojekt. Dafür gibt es seit sechs Jahren eine sogenannte innerministerielle Arbeitsgruppe in der Bundesregierung. Getan hat sich nichts. Lediglich die größten Holperstellen an den Gleisen wurden beseitigt.

So leidet die gesamte Region 64 Jahre nach Kriegsende noch immer an den Folgen sowjetischer Reparationsleistungen. Denn damals demontierte man das zweite Gleis und ließ den Güterverkehr zusammenbrechen. Der hat sich bis heute nicht wieder erholt.

Im Verkehrsverbund will man wenigstens den Personenverkehr retten. Doch bisher hat der VBB die Vorschläge der Gartzer "Bahnplaner" noch nicht geprüft. Man hält sich zurück. Für Frank Gotzmann und seine Mitstreiter ist es höchste Zeit. Sie befürchten weiter sinkende Fahrgastzahlen. Dann fällt wirklich der Vorhang im letzten Akt des Trauerspiels.

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