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Letzter Überlebender von 40 Freienwaldern

Erinnern sich an schwere Zeiten: Siegfried Gehrke und seine Frau Hildegard. Im November feiert das Ehepaar Diamantene Hochzeit.
Erinnern sich an schwere Zeiten: Siegfried Gehrke und seine Frau Hildegard. Im November feiert das Ehepaar Diamantene Hochzeit. © Foto: MOZ
Jens Sell / 10.08.2011, 07:55 Uhr
Bad Freienwalde (In House) Am 3. November feiern Hildegard und Siegfried Gehrke Diamantene Hochzeit, dann sind sie 60 Jahre verheiratet. Als Hildegard ihren Siegfried am 3. Juni 1950 kennenlernte, wusste sie noch nicht, dass er genau einen Monat zuvor aus Sibirien heimgekehrt war. Verhaftet als 17-Jähriger am 4. November 1945 in Bad Freienwalde.

Die Berichte über den Verhörkeller des sowjetischen Geheimdienstes in der Gesundbrunnenstraße und die 13 dort geschundenen Neuenhagener haben Siegfried Gehrke sehr aufgewühlt. Der fast 83-Jährige hat jahrzehntelang über sein Schicksal schweigen oder nur unter engsten Vertrauten sprechen können. Nach der Wende erlosch das Interesse daran recht schnell. Jetzt spricht Siegfried Gehrke von den 40 Freienwaldern, die nach dem Zweiten Weltkrieg vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet wurden. Für sie wurde die Dienststelle des sowjetisch Geheimdienstes NKWD zur ersten Station eines Leidensweges, der sie in eines der Speziallager, meist Ketschendorf oder Jamlitz, führen sollte.

„Als ich in der MOZ von den 13 Neuenhagenern las, dachte ich: Und wer denkt an uns, die 40 Freienwalder? Ich bin doch der letzte von ihnen, der noch lebt“, sagt er, als müsste er um Entschuldigung dafür bitten, dass er über sein Schicksal spricht. Siegfried Gehrke war erst 17 Jahre alt, als der Freienwalder Polizist im Opel-Autohaus Karl Winzer in der Bahnhofstraße 11-12 erschien. Es war der 4. November 1945, vormittags 10 Uhr, und Siegfried Gehrke befand sich in der Ausbildung zum Autoschlosser. „Der Polizist sagte, ich möchte mal mitkommen und mein Nazi-Propaganda-Material mitbringen“, erzählt Gehrke. Sie gingen zunächst zu seinen Eltern, wo er sich saubere Sachen anzog. Sie seien dann in das Haus Gesundbrunnenstraße 9 gegangen: „Das war nicht die Kommandantur, das war die NKWD-Dienststelle für den ganzen Kreis Oberbarnim“, ist sich Siegfried Gehrke heute sicher. Im Keller waren schon andere Freienwalder angekommen, so Herbert Fenner, der am Wendtshofer Weg ein Haus besaß und seiner Russisch-Kenntnisse wegen in der Schamotte als Dolmetscher für die Zwangsarbeiter eingesetzt war. Das sollte ihm nun zum Verhängnis werden. Ein anderer russischkundiger Freienwalder hieß Korte und war jetzt als Wachmann verpflichtet. Er holte mit bloßer Hand Glut aus dem Kanonenofen im Wachlokal, damit sich die Insassen ihre selbstgedrehten Zigaretten aus Torf anstecken konnten, erinnert sich Siegfried Gehrke an seinen ersten Tag.

Auch das erste nächtliche Verhör ging glimpflich ab. In der obersten Etage saß ein dicker, glatzköpfiger Major und fragte nach seinem Auftrag, sowjetische Soldaten zu erschießen, und wo seine Pistole sei. „Ich kannte weder einen solchen Auftrag, noch hatte ich eine Pistole. Ich war doch extra zur Jugendfeuerwehr gegangen, damit ich nicht zum Volkssturm musste.“ Er habe dann wieder in den Keller gehen können und empfand das als großes Glück, andere wurden die Treppen hinuntergestoßen. Schon am zweiten Tag hieß es: Aufsitzen! 15 Verhaftete mussten sich auf zwei Leiterwagen setzen und wurden mit Pferden nach Eberswalde ins Amtsgericht gefahren. Dort wurden sie in den Betsaal des Gefängnisses gesperrt.

„Als ich dort zum Verhör geholt wurde, begann das Martyrium“, erinnert sich Siegfried Gehrke. Drei Offiziere und drei Dolmetscher saßen am Tisch und fragten wieder nach seinen Aufträgen und seiner Pistole. Dass ein Soldat hinter ihm stand, merkte er, als ein weißer Gummiknüppel auf seine rechte Schulter klatschte. „Die ist heute noch nicht wieder in Ordnung“, wirft Hildegard Gehrke ein. Siegfried Gehrke hält die Schilderung jener Nacht sehr kurz. „Man hat mir dann das Verhörprotokoll vorgelesen, ich habe es kaum verstanden, aber schnell unterschrieben“ Danach wurde er in eine Einzelzelle gebracht und gleich vom Posten brutal zusammengeschlagen.

Schon am nächsten Tag wurden Siegfried Gehrke, sein Klassenkamerad Gerhard Zeuge und Jürgen Michaelis aus der Stadtrandsiedlung in einem Sankra mit vier Bewachern zurück nach Freienwalde gefahren, wo die jeweiligen Häuser und Grundstücke nach den ominösen Pistolen durchsucht wurden: „Die haben wirklich geglaubt, dass wir Werwölfe sind und dass das stimmt, was wir unter Folter als Geständnis unterschrieben haben“, erzählt Gehrke. Sein Vaterhaus in der Uchtenhagenstraße 8, den Hühnerhof und die Ställe, ja selbst die Holzmieten wurden durchsucht und umgekippt, um die Pistole zu finden. „Natürlich war da nichts, ich habe nie eine Pistole besessen.“

Nach einigen weiteren Tagen in Eberswalde wurden 
40 Männer aus der Freienwalder Region auf zwei Lkw verteilt und in Richtung Speziallager 5 in Ketschendorf in Marsch gesetzt. Als der eine Laster kaputtging, marschierten die jungen Männer zu Fuß weiter, bis Ersatz besorgt war. Schließlich langten sie in der Reifenwerkersiedlung nahe Fürstenwalde an. Siegfried Gehrke kam in das Jugendhaus 1: „1000 Jugendliche lagerten in dem Wohnblock, ich fand einen Platz im Keller, weil oben alles voll war. Weihnachten 1945 habe ich dort verbracht. Jeden Tag fuhr ein offener Zirkuswagen mit 25 bis 30 Leichen aus dem Lager. Gleich hinter dem Zaun, an einem Wäldchen, wurde mit einem Bulldozer ein Graben geschoben. Das Begleitkommando warf die Leichen gleich vom offenen Wagen in den Graben. Der Bulldozer schob ihn dann wieder zu.“

Im Herbst 1946 war Musterung. Die Jugendlichen wurden auf ihre Verwendungsfähigkeit untersucht. Siegfried Gehrke meint, ihm kam seine Schlosserausbildung zugute, gute deutsche Facharbeiter wurden gebraucht für den Wiederaufbau des zerstörten großen Landes im Osten. So entging er dem grausigen Zirkuswagen. Ende Januar 1947 bestiegen die Männer einen Transportzug, der kam vom Speziallager Nr. 6 in Jamlitz und fuhr über Frankfurt nach Brest-Litowsk, dann über Moskau nach Osten. „Es wurde immer kälter, einer aus Angermünde konnte russisch und las Stationsschilder vor, so Jekaterinenburg. Dort hielten wir, und die Wachmannschaften schickten uns auf dem Bahnhofsgelände Kohlen klauen. Sie hielten uns mit ihren MPis den Rücken frei, die hatten nämlich auch nichts mehr zum Heizen.“

Nach vier Wochen Fahrt kamen sie im Oblast Nowosibirsk an, mussten die letzten Kilometer bis Prokopjewsk zu Fuß laufen. Im dortigen Kriegsgefangenenlager war gerade Platz geworden, die Insassen waren nach Hause entlassen worden. Heute noch ist Siegfried Gehrke ehrlich fasziniert von der sibirischen Landschaft. Aber auch nicht verblasst sind die Erinnerungen an die Durchschnittstemperatur von minus 30 Grad: „Wenn es viel kälter war, konnten wir in der Erdbaracke bleiben.“ Dort hausten zwischen 50 und 60 deutsche Zwangsarbeiter. Am schlimmsten dran waren die Holzarbeiter im Sägewerk und die im Steinbruch. „Die im Steinkohlenschacht haben richtig gut Geld verdient und wurden gut verpflegt. Wir Schlosser konnten in Fabrikhallen arbeiten und stellten alles her, was im Bergbau gebraucht wurde, vom Schienennagel bis zur Spitzhacke oder Schrauben. Der Natschalnik war immer fix und fertig, wie schnell wir waren, wir haben immer viel mehr geschafft, als die Russen selbst.“ Gegen die barbarische Kälte schützten sie sich mit Sturmhauben, die die Rote Armee von gefangenen Japanern erbeutet hatten.

Damals in Sibirien habe er eng mit Paul Biesecke, einem anderen Freienwalder zusammengehalten. Hermann Felix, ein alter Freienwalder Kommunist, sei darüber verrückt geworden, von den Russen nach dem Krieg verhaftet und nach Sibirien gebracht zu werden. Die anderen vom NKWD verhafteten Freienwalder, insgesamt schätzt Siegfried Gehrke ihre Zahl auf 40, seien nach der Auflösung des Speziallagers Ketschendorf 1947 nach Jamlitz bei Lieberose oder Fünfeichen in Mecklenburg-Vorpommern verteilt oder nach Hause entlassen worden. Mit seiner Frau Hildegard schätzt er die Zahl derer, die die Lagerhaft überlebten, auf 15. Einer von ihnen, Werner Buchwald, sei zu DDR-Zeiten, als man in Jamlitz ein Massengrab entdeckte, dorthin gefahren und habe klargestellt, dass es sich nicht um Opfer der Nazis handelte, sondern um Insassen des Speziallagers des sowjetischen Geheimdienstes NKWD.

„Eine Gedenktafel an dem Haus in der Gesundbrunnenstraße fände ich richtig und gut, aber sie gehört an die Nummer 9, da muss man schon korrekt sein“, sagt Siegfried Gehrke, und seine Frau Hildegard legt ihre Hand auf seinen zitternden Unterarm.

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