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Walzwerk Finow insolvent

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Hans Still / 29.06.2009, 20:30 Uhr
Dieser Lohntag wird den 200 Mitarbeitern des Walzwerkes auf ewig in Erinnerung bleiben: Eigentlich haben sie heute Zahltag. Und dennoch wird es keine Überweisung von der Firma geben. Patrick von Hertzberg benötigt die 700 000 Euro Lohngeld, um damit im Ausland Rohstoffe für den weiteren Betrieb des Walzwerkes einzukaufen. "Die Mitarbeiter bekommen ihr Geld, aber etwas später in Form von Insolvenzgeld der Agentur für Arbeit. Es geht nicht anders, wir brauchen Liquiditätsspielraum", erklärt der Manager. An seiner Seite hat Oliver Damerius, Rechtanwalt der Berliner Kanzlei Brockdorff & Partner, Platz genommen. Er wird heute mit von Hertzberg den Insolvenzantrag stellen und auch in den kommenden Monaten bei allen Entscheidungen mit von der Partie sein beziehungsweise sogar komplett die Führung übernehmen. Sein Fachwissen aus dem Aufgabenbereich Sanierung und Insolvenz soll dem Unternehmen helfen, wieder in freies Fahrwasser zu gelangen. Oder wie von Hertzberg sagt: "Wir brauchen zwei Millionen Euro Kontokorrentlinie, um Wirtschaften zu können. Wir wollen einen Sanierungsplan erstellen und hoffen, die Banken von der Solidität und Zukunftsfähigkeit des Unternehmens überzeugen zu können."

Sollte dieser Plan gelingen, sieht von Hertzberg die Zukunft positiv, wie er sagt. Zunächst aber heißt es, den Status quo zu bilanzieren. Dazu gehört die Tatsache, dass seit mehreren Monaten abwechselnd 35 Mitarbeiter der Firma in Kurzarbeit sind. Schon im Frühjahr hatte sich das Walzwerk von 35 Mitarbeitern komplett getrennt, sie wurden mangels Aufträge entlassen. "Der ausgehandelte Sozialplan ist schon bezahlt", sagt von Hertzberg, um klarzumachen, dass von dieser Seite keine weiteren Belastungen lauern.

Als "unerwartet" bezeichnet er den dramatischen Einbruch bei den Stahlpreisen und im Auftragseingang. Derzeit liege das Unternehmen 40 Prozent unter den Aufträgen des Vorjahres. 2008 lieferte das Walzwerk 70 000 Tonnen kalt geformte Stahlrohre und geschweißte Stahlrohre an die Automobilindustrie und die Stahlbranche. Der Umsatz lag bei 63 Millionen Euro.

Weitere Entlassungen solle es nach Möglichkeit nicht geben. Es sein "sinnlos" sich von weiterem Personal zu trennen. Der Grund: "Wir haben im Frühjahr vom Dreischichtsystem auf zwei Schichten umgestellt. Jetzt die zweite Schicht zu entlassen, würde bedeuten, dass wir sehr schwer wieder in die leistungsstarke Produktion hineinfinden." Denn bis zum September 2008 habe das Walzwerk gut gewirtschaftet und gut verdient, sagt Geschäftsführer von Hertzberg, um klarzumachen, dass die Schwierigkeiten seiner Unternehmung tatsächlich erst mit der Krise begannen. "Wir mussten investieren, die Technik war veraltet, die Instandhaltungskosten sind hoch", blickt von Hertzberg zurück.

Denn schließlich sei es nur wenige Jahre her, dass das Brandenburger Wirtschaftsministerium große Fördersummen für das Walzwerk in Aussicht gestellt hatte. 50 Millionen Euro, so die Aussage von Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU), könne das Ministerium als maximale Investitionssumme mit Fördermittel begleiten. Tatsächlich investierte das Walzwerk seitdem zwölf Millionen Euro in die Modernisierung des Standortes und in neue Anlagen. Die 30-prozentige Förderung zahlte das Ministerium aber nicht aus, da die Firma unter Insolvenzverdacht stehe.

Hinzu kommt in Zeiten der Krise, dass auch die Banken sich "verschlossen" zeigen. "Die Banken waren nicht gewillt, Risiken in Größenordnungen zu übernehmen. Mittelständische Unternehmen stecken in der Kreditklemme, das wir in den kommenden Monate nach vielen Firmen so gehen", sagte von Hertzberg gestern voraus. Gleichwohl zeigt er sich gemeinsam mit Rechtsanwalt Damerius optimistisch. "Wir haben viel versprechende Neuaufträge in Verhandlungen und damit begonnen, neue Märkte und Kunden zu erschließen."

Überhaupt biete der rechtzeitige Insolvenzantrag die Chance auf einen Neubeginn in eine bessere Zukunft. Dies habe auch ein unabhängiges Gutachten dem Walzwerk bestätigt.

Wie von Hertzberg gestern auf Nachfrage bestätigte, habe der neue Restaurant- und Hotelbetrieb des Café Wildau in der Schorfheide nichts mit dem Walzwerk zu tun. Der neu erbaute Komplex eröffnet morgen. "Das ist der Betrieb meiner Frau, sie ist Hauptgesellschafterin", sagt er.

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