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Erlengrund und Fichtewiese: Berlins Kleingärtner einst mitten in der DDR, heute direkt am Mauerradweg

28.07.2010, 06:13 Uhr - Aktualisiert 28.07.2010, 06:13
Hennigsdorf Nieder Neuendorf/Spandau - Es ist, als wäre es nie anders gewesen. Radfahrer – mehr oder weniger auf den Spuren der Berliner Mauer –, ab und zu Spaziergänger. Die Deutsche Lebenrettungsgesellschaft probt den Ernstfall, und in der Ferne dröhnt das Mähwerk eines Rasentraktors. Von Mandy Oys

Wir stehen inmitten deutsch-deutscher Geschichte. Doch wenig erinnert auf den ersten Blick an den Zustand vor 22 Jahren. Der Weg führt von der Spandauer Bürgerablage an der Havel entlang in Richtung Nieder Neuendorf bis zu einem unbewaldeten Stück Land. Von Grenzanlagen und Stacheldraht ist nichts mehr zu sehen.

Hier liegen die wohl geschichtsträchtigsten Laubenpieperkolonien Deutschlands – die Wochenendgemeinschaft Erlengrund, 5 123 Quadratmeter groß, und die mehr als 35 000 Quadratmeter umfassende Fichtewiese nordwestlich davon.

Um auf ihre Erholungsgrundstücke zu kommen, mussten die West-Berliner bis in die späten 1980er Jahre vorbei an DDR-Grenzposten. Feindkontakt gab es in geregelten Bahnen. Erlengründler oder Fichtewiese-Mitglieder hatten damals die Rufsäule zu betätigen und sich mit Namen zu melden.

Nach Durchsehen der Kartei wurde dem West-Berliner Einlass gewährt. Über einen schmalen Betonweg, den es noch heute gibt, gelangten die Mitglieder der Wochenendgemeinschaften zu den Grenzern. Dort wurde Ankunftszeit und Name notiert, bevor sich ein zweites Tor öffnete.

Der anschließende Weg zur Kolonie durch Tor Nummer drei war die letzte Hürde – auch dieser Durchlass öffnete sich nur auf gemeinsamen Knopfdruck beider diensthabender Grenzposten.

Nur eine Tafel unweit des Tores zur Fichtewiese erinnert heute noch daran. Wer Genaueres wissen will, muss die Archive zu den Laubenpieper-Kolonien am Todesstreifen durchforsten.

Der Begriff Sperrstunde hatte hier eine ganz eigene Bedeutung. Nur zu Fuß und zu bestimmten Tageszeiten wurde Passage gewährt. Zeiten, die zum Politikum wurden, ganze Beamtenjahrgänge beschäftigt haben dürften. Verhandlungen über den Zugang zu den West-Berliner Laubenpiepern inmitten der DDR gab es nicht nur in den 1970ern.

Die Holzhäuser in grellem Grün und zurückhaltendem Braun an der Biegung des Mauerradweges rufen Fotos von damals ins Gedächtnis zurück. Einst saßen hier Zoll und Polizei. Heute absolvieren Kinder ihr Ferienprogramm in dem braunen Holzhäuschen.

Vor der kleinen Eingangstür steht ein Rad mit Anhänger. Das Bild erinnert an die alten Fotografien von Kleingärtnern auf Drahteseln, die bis 1988 nach den Grenzposten klingelten. Per Rad und Anhänger transportierten sie alles Nötige zu den Lauben – das ist bis heute so. Doch bei nur einer Hand voll auserwählter Radfahrer an der deutsch-deutschen Grenze ist es nicht geblieben. Heute haben die Wochenendgemeinschaften den Mauerradweg vor der Tür.

Nicht zuletzt deshalb sind die Tore verriegelt, Zäune gezogen. Die Wochenendkolonie Erlengrund ist eine eingeschworene Gemeinschaft. Seit Jahrzehnten werden die Grundstücke von Generation zu Generation weitergegeben. Hinter der schweren, verschlossenen Gartentür stehen dutzende Lauben, auf den Dächern blitzen Solarzellen. Strom- und Wasseranschlüsse gab es hier von jeher nicht.

Die Lauben liegen direkt an der Havel, den Kindern war damals wohl nur schwer zu erklären, warum das Schwimmen verboten war. Die Grenzer auf Booten mahnten bei Bedarf durchs Megafon: „Nehmen Sie Ihre Füße aus dem sozialistischen Gewässer.“ So ist es überliefert, so erzählen es die Alteingesessenen heute noch.

Die Zeiten des Badeverbots sind vorbei. Die Laubenpieper vom Erlengrund stecken ihre Füße mittlerweile seit mehr als 20 Jahren in eine deutsche Wasserstraße ohne den Zusatz Ost oder West. Die Spaziergänger baden an den schmalen, sandigen Havelzugängen in der Nachbarschaft. Nahe des einstigen Todesstreifens wird gezeltet.

Es ist ein einsamer Naturliebhaber, der rechts der Kolonie sein Nachtlager aufgeschlagen hat. Seine Badehose hängt unweit des Mauerradweges über einem Ast. Er war der ruhige Besuch der gestrigen Nacht. Und Ruhe ist es, was die Laubenpieper der Wochenendgemeinschaften Erlengrund und Fichtewiese seit jeher suchen.

Insofern scheint die Mauer ein Segen gewesen zu sein. Als der Gebietsaustausch zwischen West-Berlin und der DDR im Juli 1988 wirksam wurde, sorgten sich die Kleingärtner um ihr Idyll in absurd anmutender ruhiger Lage. Bis dahin hatte die Kolonie zu West-Berlin gehört, das Land, auf dem sie stand, war umgeben von der DDR. Die Grundsteuer für ihre Wochenendlauben entrichteten die Laubenpieper gen Westen. Doch die Zuständigkeit der Behörden endete praktisch an der Mauer – bis zum magischen Datum. Dieser 1. Juli 1988, an dem plötzlich Schluss war, die Rufsäule an der Mauer verschwand und mit ihr die Grenzer – die zu alten Bekannten geworden und hier und da wohl auch mit imperialistischen Süßwaren versorgt worden waren.

Heute ist das Gebiet wie selbstverständlich bevölkert. Wohin man sieht: Fußstapfen. Bis Ende der 1980er war das undenkbar. DDR-Grenzer haben ihren Posten ohne Harke nie verlassen. Ihre Spuren haben sie selbst akribisch ausgelöscht, berichtete ein ehemaliger Kontrolleur – mit handelsüblichen Gartengeräten.

Sie lagen in der DDR und gehörten zu West-Berlin. Insgesamt zehn Exklaven waren ursprünglich mit der Bildung Groß-Berlins 1920 entstanden und existierten teilweise bis 1988. Die Kleingartenanlagen Erlengrund und Fichtewiese zwischen Nieder Neuendorf und Spandau waren besondere Siedlungen zwischen den Fronten des Kalten Krieges – ebenso wie Steinstücken, die einzig bewohnte Exklave, die zu Wannsee gehörte.

Viele der Exklaven hinter der Mauer waren dagegen nicht besiedelt wie:

Die Zeit der Exklaven endete schließlich mit den Vier-Mächte-Abkommen in den Jahren 1971 bis 1988. Insgesamt gab es drei Vereinbarungen zwischen dem West-Berliner Senat und der Regierung der DDR, um den Grenzverlauf zu korrigieren. West-Berlin bekam letztlich 97 Hektar Land, die DDR 87 Hektar und einen Wertausgleich von 76 Millionen DM.

Unter anderem wurden die bis dahin im West-Berliner Besitz befindlichen Nuthewiesen abgegeben. Im Gegenzug wurde ein Korridor vom Berliner Bezirk Zehlendorf zur Exklave Steinstücken geschaffen.

Ein Jahr vor der Wende trat die letzte Vereinbarung in kraft. Die Wochenendgemeinschaften Erlengrund und Fichtewiese erhielten damals einen grenzpostenfreien Zugang zu West-Berlin. Zeitweilig gab es Proteste vonseiten der Mitglieder der Wochenendgemeinschaften. Die Pächter bangten um die Ruhe, die ihnen die Mauer beschert hatte.

Der damalige Regierende West-Berliner Bürgermeister Eberhard Diepgen sagte 1988 nach den letzten viereinhalbjährigen Verhandlungen mit der DDR: „Das Exklaven- und Enklavenproblem ist gelöst. Es gibt keine mehr.“

http://www.berlinermaueronline.de, http://www.mauerfotos.de

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