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Andreas Rehschuh bringt Michael Endes „Momo“ auf die Bühne des Hans Otto Theaters in Potsdam

22.03.2010, 06:13 Uhr - Aktualisiert 22.03.2010, 06:13
POTSDAM ▪ Wie viele andere Schriftsteller lehnte Michael Ende die Einteilung der Literatur in Kinder- und Erwachsenenbücher ab. Und so lohnt sich auch für Menschen deutlich über acht Jahren der Besuch von Andreas Rehschuhs Inszenierung von „Momo“ am Hans Otto Theater.

Wieder einmal hat Intendant Tobias Wellemeyer das Neue Theater für eine Prdouktion geöffnet, in der achtjährige genauso auf ihre Unterhaltungs- und Nachdenkenskosten kommen wie Menschen mit zweistelliger Jahreszahl. Bühnen und Kostümbildner Nicolaus-Johannes Heyse nutzt den großen Raum für sonnige italienische Provinz, hektische Betriebskantinen-Atmosphäre und die weite Welt der Sterne.

Und in den Weiten dieser Räume, umrahmt von sparsam folkloristischen Klängen von Gundolf Nandico, verliert sich auch keiner der Darsteller. Die 22-jährige Juliane Götz gibt das Mädchen Momo, das die Welt der Erwachsenen zum Schluss vor den grauen Zeitdieben rettet. Die Studentin der Hochschule für Film und Fernsehen „Konerad Wolf“ ist mit ihrer zerbrechlichen Gestalt und den großen Augen wie geschaffen für die Rolle des Kindes, das vor allem eines kann: Zuhören.

In Roland Kuchenbuch als Meister Hora hat sie den passenden Gegenpart, zu dem die Geduld des Zuhörens ebenso passt wie das geheimnisvolle, spannende Erzählen. Auch für die kleinen Besucher leicht begreifbar wird um dieses Paar herum mit allen Sinnen erfahrbar, wie die bunte Welt der einfachen Dorfbewohner ins Graue kippt, wenn jeder Mensch beginnt, seine Sekunden zu berechnen. Aus der sonnigen Landschaft rund um ein Amphitheater werden die rechteckig begrenzten Schluchten einer Hochhausmetropole, die ihr Gegenüber in den Selbstbedienungsregalen von Nino finden, der einst jene gemütliche Taverne hatte, in der sich die Alten des Dorfes einen ganzen Tag lang an einem Rotwein-Glas festhalten konnten.

Philipp Mauritz in der Rolle jenes Nino ist auch eines der Scharniere der Inszenierung zwischen der fast zu idyllischen Märchenwelt des verlassenen Amphitheaters und der Wirklichkeit der Kinder im Publikum. Nach der Geburt ihres Kindes rechnet Nino seiner Frau vor, dass es nicht wirtschaftlich ist, ein paar alte Männer mit Mini-Rotwein-Konsum in seiner Kneipe zu dulden. Dabei wiegt er in der Hektik den Kochtopf, und nicht das Baby, das er in der anderen Hand hat. So überfordert hat sicher auch der eine oder andere junge Zuschauer seine Eltern schon mal erlebt.

Dabei malt Regisseur Rehschuh die Ursachen für die Hektik der Älteren nicht eindimensional. Meike Finck erweckt Mitleid, wenn sie sich als einer der grauen Zeitdiebe Momo gegenüber als Wesen offenbart, das noch nie geliebt wurde – und prompt die Machenschaften der Grauen Herren ausplaudert, wofür sie wiederum von ihren Kumpanen mit kompletter Auflösung bestraft wird.

Wie alle Guten im Märchen haben Momo und Meister Hora einen fleißigen Helfer. Das ist hier die Schildkröte Kassiopeia, die dem Verhältnis dieser Tiere zur Schnelligkeit alle Ehre macht. Sie mampft gemütlich ihre Frühstückssalatblätter, während die Handlung Fahrt aufnimmt. Pavel Spatz bekommt extra Applaus, wenn er sich in seinem Panzer über die Bühne schiebt, und die kleinen Rollen am Bauch die Theater-Illusion ein wenig entlarven. Der begeisterte Schlussapplaus des Premierenpublikums zeigt: Diese Bilder, ob Täuschung oder echt, gehen uns alle an. Michael Ende hat wieder alte und neue Leser gefunden, und das Nachdenken über die Zeit, ihren Reichtum und ihr Vergehen, geht weiter.

Christian Schindler

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„Momo“ wird wieder gespielt am 23. März, 24. März und 13. April jeweils um 10 Uhr sowie am 18. April um 15 Uhr im Hans Otto Theater an der Schiffbauergasse 11 in 14467 Potsdam. Karten kosten zehn Euro (ermäßigt sieben Euro), für Kinder fünf Euro (in der Gruppe 4,50 Euro). Kartentelefon: (03 31) 98118. Potsdam Hauptbahnhof, dann mit Tram 93 Richtung Glienicker Brücke bis Schiffbauergasse.

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