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"Das kann dir keiner mehr nehmen"

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DSTULPEN / 23.07.2009, 20:05 Uhr
Mitte August 1984. In Prag sind die besten Leichtathleten jener Länder - vor allem Ostblockstaaten - zusammengekommen, die kurz zuvor die Olympischen Spiele in Los Angeles boykottiert hatten. Auch die DDR gehört zu ihnen.

Unter den davon Betroffenen sind die Diskuswerferinnen Martina Opitz, spätere Hellmann, 1983 in Stuttgart erste Weltmeisterin, Gisela Beyer, vier Jahre zuvor Olympia-Vierte in Moskau, und Irina Meszynski, heute Winkler, vom TSC Berlin, 22-jährige Junioren-Europameisterin von 1979. Die DDR-Führung will ihre Sportler nach dem Boykott nicht im Regen stehen lassen. Für die Leichtathleten wird der Olympische Tag am 20. Juli in Berlin als wichtigster Wettkampf des Jahres zum Olympia-Ersatz erklärt. Uwe Hohn wirft dabei seinen legendären Weltrekord von 104,80 m mit dem Speer. Gisela Beyer gewinnt das Diskuswerfen, Irina Meszynski wird mit 72,02 m Zweite. Dazu gibt es Belohnungen wie für Olympiamedaillen. Das Silber von Berlin wird mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Silber und einer Prämie belohnt, die höher ist als das Jahreseinkommen eines Arbeiters.

Aus Furcht vor Ärger mit dem IOC wird die Veranstaltung drei Wochen später an der Moldau nicht Gegen-Olympiade genannt, sondern Wettkämpfe der Freundschaft. Die Entscheidung am 17. August beginnt für die heutige Rechtsanwältin Irina Winkler gut. Bereits im ersten Durchgang legt sie 72,14 m vor und schockt die Konkurrenz. Dann der dritte Versuch, "der eigentlich nicht optimal war". Lange messen die Kampfrichter, bevor das Ergebnis angezeigt wird: 73,36 m. Der Weltrekord der Russin Galina Sawinkowa ist um zehn Zentimeter übertroffen. Die Berlinerin hat die Olympia-Siegesweite der Holländerin Ria Stalman in Los Angeles in der Woche zuvor um exakt acht Meter überboten. "Daran habe ich nicht einen Augenblick gedacht. Das wäre ja auch ein ganz anderer Wettkampf gewesen, wenn wir dorthin gedurft hätten", versichert Irina.

Viel wichtiger als der Sieg und später die Urkunde werden ihr die Worte ihres Trainers Werner Goldmann für ihren weiteren Weg werden: "Mädchen, das kann dir keiner mehr nehmen. Du bist jetzt die Beste der Welt." So etwas stärkt das Selbstvertrauen, macht Mut dazu, sich immer wieder neu durchzubeißen. Auch die Tatsache, dass ihr die Tschechin Zdenka Silhava bereits neun Tage später mit 74,56 m den Weltrekord entreißt, ändert nichts daran.

Dazu war der Weg zum Weltrekord mit zu vielen Unebenheiten gepflastert. 1982 hatte Irina Meszynski mit 70,64 m erstmals eine magische Grenze überboten. Doch dann folgte eine schwere Knieverletzung. "Ich war für Monate in Kreischa in der Reha, habe dabei 20 Kilogramm abgenommen. Erst im Dezember 83 konnte ich ganz vorsichtig wieder anfangen. 52 Meter waren da für mich schon ein großer Sieg." Langsam ging es wieder voran: Im März 84 bereits 63 m, am 30. April in Split mit 69,82 m wieder eine internationale Spitzenweite, schließlich die Qualifikation für Los Angeles.

Nach der verhinderten Startchance hieß das nächste Ziel Olympia 1988 in Seoul. Platz 4 bei der EM 1986 mit relativ schwachen 65,20 m bedeutete zwar eine Enttäuschung, "aber viel mehr ärgere ich mich noch heute, dass ich mein Potential, das wohl zwischen 75 und 76 Metern lag, nie richtig ausschöpfen konnte." Auch deshalb, weil immer wieder neue Verletzungen überwunden werden mussten, bis die Jurastudentin im Olympiajahr endlich wieder ein Wort mitreden konnte. Doch in der internen Qualifikation wirft Weltmeisterin Martina Hellmann mit 78,14 m eine bis heute nicht mehr erreichte Weite, die allerdings nicht als Weltrekord angemeldet wird, Gabriele Reinsch schafft mit 76,80 m den immer noch gültigen Weltrekord, und auch Europameisterin Diana Gansky liegt vor Irina Meszynski, die als Vierte der Qualifikation mit knapp 70 Metern Olympia erneut nur am Fernseher erlebt. "Ich hatte mich entschieden, dennoch weiterzumachen. 1992 in Barcelona wäre ich ja erst 30 Jahre gewesen, kein Alter für eine Werferin."

Ein böses Wort taucht immer wieder auf, wenn die Rede auf die Dominanz der DDR-Werferinnen in den 80-er Jahren kommt. Irina Winkler drückt sich nicht vor dieser Frage. "Wenn Medikamente angewendet werden, um minderjährige Sportler klein zu halten oder schneller und stärker zu machen, ist das verbrecherisch. Das macht mich im Nachhinein ebenso wütend wie das Gerede vom flächendeckenden Doping in der DDR und die scheinheilig von der westdeutschen Sportführung verlangten Erklärungen von DDR-Spitzentrainern, mit deren Erfolgen man ja jahrelang gut gelebt hat und auch noch lebt. Bei uns Werfern ist niemand zum Dopen gezwungen worden."

1989 kam es zum großen Umbruch. Im Oktober kehrte Irina Meszynski von einer Wettkampfreise aus China zurück. Inzwischen hatte sie von Judoka gehört, dass es 1992 in Barcelona erstmals auch Frauen-Wettbewerbe geben würde, dass dafür schwergewichtige Damen gesucht würden. "Am 15. Oktober stand ich beim SC Dynamo Hoppegarten erstmals auf der Matte. Nach einer Woche habe ich die Prüfung für den Gelben Gürtel gemacht."

Schnell ging es weiter. Im März 1990 wird sie letzte DDR-Meisterin im Schwergewicht. "Die notwendige Schnelligkeit und Kraft, mit denen ich meine nur 1,76 Meter Körpergröße gutmachen konnte, hatte ich noch vom Diskuswerfen her." Im Mai startet sie sogar bei der EM in Frankfurt/Main. "Fünfte oder Siebente bin ich da geworden."

In der Noch-DDR ist inzwischen vieles wichtiger geworden als der Sport. "Seit 1981 hatte ich an der Humboldt-Uni erst Kriminalistik studiert, war dann zur Jura gewechselt. Jetzt wollte ich endlich einen Abschluss in der Hand haben."

Inzwischen hat sie eine eigene Kanzlei. Mit ihrem Mann Klaus, ein anerkannter Facharzt, der bereits zu DDR-Zeiten in Frankfurt (Oder) Judoka betreut hat, wohnt sie seit 1995 in der Oderstadt. Und auch Irina engagiert sich bei den Judoka, ist seit mehr als zehn Jahren Vorsitzende der Rechtskommission im Landesverband sowie Vizepräsidentin des JC 90. Sport beansprucht einen nicht unerheblichen Teil der knappen Freizeit der einstigen Weltrekordlerin. Das Surfen gemeinsam mit Sohn Marko, ebenfalls Judoka, gehört ebenso dazu wie das Sportschießen oder das Tauchen. Und auch der Diskus ist noch nicht vergessen. "Es juckt noch immer. Vielleicht lasse ich mich doch noch einmal bei Wettkämpfen der Senioren sehen. Wichtig ist das Auftanken von Körper und Geist für die Prüfungen, die das Leben so oder so für einen bereit hält und denen man sich als ehemaliger DDR-Sportler und Maximalist ja auch stellen will."

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