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Am Donnerstag eröffnet eine Ausstellung über die Steingutfabrik Paetsch / Nachfahren der Familie werden erwartet

Kulturgeschichte auf Tortenplatten

Begehrte Sammlerobjekte: Sammler und Historiker Wolfgang Brisch hat mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Museums, Sonja Michaels, die Ausstellung aufgebaut. Brischs Leidenschaft sind die Tortenplatten von Paetsch.
Begehrte Sammlerobjekte: Sammler und Historiker Wolfgang Brisch hat mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Museums, Sonja Michaels, die Ausstellung aufgebaut. Brischs Leidenschaft sind die Tortenplatten von Paetsch. © Foto: Michael Benk
Frauke Adesiyan / 06.09.2011, 07:52 Uhr
Frankfurt (MOZ) Von 1840 bis 1953 unterhielt Familie Paetsch in Frankfurt eine erfolgreiche Steingutfabrik. Heute sind die Produkte begehrte Objekte bei Internetversteigerungen. Zwei Frankfurter Sammler haben die Ausstellung im Museum Viadrina initiiert.

Reihenweise bunte Tortenplatten hängen an der Wand des Museums Viadrina. Muster im Bauhaus-Duktus wechseln sich ab mit Jugendstil-Tulpen und eher konservativ wirkenden Dekors, die Namen wie „Erntedank“ oder „Helga“ tragen. Eins haben all diese Platten sowie die große Vielfalt an Kannen, Tellern, Dosen und Krügen um sie herum gemein: Sie wurden zwischen 1840 und 1953 in Frankfurt hergestellt. Einst waren sie Exportschlager der Familie ?Paetsch, die in ihrer Steingutfabrik an der heutigen Herbert-Jensch-Straße zeitweise mehr als 500 Mitarbeiter beschäftigte.

„Öffentlich zu zeigen, was hier mal tolles produziert wurde, ist unser Anliegen“, bringt es Frank Budach auf den Punkt. Vielen, gerade jüngeren Frankfurtern, sei diese Geschichte gar nicht bewusst. Gemeinsam mit Wolfgang Brisch hat er die Ausstellung, die am Donnerstag im Museum Viadrina eröffnet wird, angeschoben. Beide sammeln seit vielen Jahren die Produkte der Firma Paetsch. „So viel wie möglich nach Frankfurt zurück zu holen“, ist dabei das Ziel von Wolfgang Brisch.

Obwohl beide Frankfurter sind, hat sie erst das Internet-Auktionshaus Ebay zusammengeführt, in dem sie ständig nach neuen Stücken suchen. „Wer schnappt mir denn da die Sachen weg“, hat sich der Historiker Brisch gefragt und ist schließlich auf Frank Budach gestoßen. Mit ihrer Leidenschaft für Auktionen haben sie auch Sonja Michaels vom Museum Viadrina angesteckt. Eines Tages entdeckte sie während der Recherchen ein seltenes Exemplar einer blau-weißen Heringsdose mit Katzendekor bei Ebay. „Ich dachte, ich falle in Ohnmacht“, erinnert sie sich. Doch kein Frankfurter ersteigerte die Dose, sie ging für über 200 Euro nach Belgien. In der Ausstellung ist sie trotzdem zu sehen – als Leihgabe.

Abgesehen von dem ausgestellten Kunsthandwerk gibt die Schau auch erstaunliche Einblicke in die Firmengeschichte und damit in die der Stadt Frankfurt. Wie die Firma von anfänglich 60 Mitarbeitern immer weiter wuchs, lässt sich eindrucksvoll an einer Luftaufnahme des Firmengeländes ablesen. Immer neue Gebäude wurden angebaut, Schornsteine ragen an verschiedenen Stellen in die Höhe. Großformatige Fotografien aus dem Jahr 1911 lassen das Arbeitsleben in den Produktionsgebäuden wieder lebendig werden. Zwischenzeitlich unterhielten die Paetschs die drittgrößte Steingutfabrik in Deutschland. Kunden in Oslo, Paris, Kopenhagen und Hamburg konnten in Musterlagern das Frankfurter Handwerk betrachten. Erst der Erste Weltkrieg unterbrach die Erfolgsgeschichte. Doch eine erneute Blütezeit in den 30er-Jahren folgte. Sogar im Zweiten Weltkrieg hielt man den Betrieb aufrecht. In den Nachkriegsjahren musste Irmgard Paetsch die Leitung übernehmen, nachdem ihr Mann Wilhelm unter einem Vorwand abgeholt wurde und für fünf Jahre in verschiedenen Gefängnissen saß. Nach seiner Rückkehr konnte sich der Betrieb nicht länger behaupten. 1953 flüchtete die Familie in den Westen. „Sie sind gegangen worden“, fasst Sonja Michaels das Ergebnis vielfältiger Schikanen gegenüber dem Privatbetrieb zusammen.

Wenn die Schau am Donnerstag eröffnet wird, werden auch Nachfahren der Paetsch-Familie dabei sein. Über 60 Jahre, nachdem ihre Familie ihr Lebenswerk an der Oder aufgab, werden sie auf Sammler treffen, die nichts faszinierender finden, als Geschirr mit dem Stempel ?„Paetsch“ zu ersteigern.

Die Ausstellung ist bis 5. Februar im Museum Viadrina zu sehen, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr, die Eröffnung beginnt am Donnerstag um 17 Uhr.

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Jens Kleuckling 06.09.2011 - 10:12:16

Funktionalität und Schönheit für immer vereint!

Ich habe bereits vor Wochen eine Einladung zu dieser hochinteressanten Ausstellung erhalten und werde es mir natürlich nicht nehmen lassen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Ich freue mich schon sehr darauf. Hallo Wolfgang! Vielleicht finden sich ja bei der Ausstellungseröffnung ein paar Minuten, um endlich unseren ausstehenden Kaffee-Treff (vielleicht mit Paetsch-Geschirr) zu vereinbaren. ;-)))

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